Stand: 01.02.2019 12:11 Uhr

Mirga Gražinytė-Tyla: Luftsprung trifft Stille

von Marcus Stäbler

Frauen am Dirigentenpult - das war lange Zeit eine exotische Erscheinung und ist auch heute noch lange nicht selbstverständlich. Aber die Zeiten ändern sich. Ein Beispiel für den frischen weiblichen Wind in der jungen Generation ist Mirga Gražinytė-Tyla, die derzeit beim NDR Elbphilharmonie Orchester zu Gast ist.

Mirga Gražinytė-Tyla dirigiert das NDR Elbphilharmonie Orchester. © NDR

Mirga Gražinytė-Tyla über Strawinskys "Feuervogel"

"Es ist eine unglaubliche Inspiration", so Mirga Gražinytė-Tyla über Igor Strawinskys "Feuervogel" - das Werk, mit dem die junge Dirigentin ihr Debüt beim NDR Elbphilharmonie Orchester gibt.

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2010, mit Anfang 20 war die junge Dirigentin Mirga Gražinytė-Tyla zum ersten Mal in Hamburg zu Gast. Damals war sie Stipendiatin beim Dirigentenforum des Deutschen Musikrats, nahm an einem Meisterkurs mit dem NDR Chor teil und trat im Rolf-Liebermann-Studio auf - hochbegabter Nachwuchs also. Mittlerweile hat die Litauerin einen großen Karrieresprung gemacht. 2014 wurde sie Assistentin von Gustavo Dudamel beim Los Angeles Philharmonic Orchestra. 2016, mit 29 Jahren, übernahm sie den Chefposten beim City of Birmingham Symphony Orchestra - als erste Frau in dieser Position und Nachfolgerin von Sakari Oramo und Simon Rattle.

Konzert mit Boulanger, Prokofjew und Strawinsky

Jetzt ist sie erstmals beim NDR Elbphilharmonie Orchester zu Gast. Am Freitag und am Sonnabend leitet sie ein Konzert in der Elbphilharmonie mit Werken von Lili Boulanger, Sergej Prokofjew und Igor Strawinsky.

Akzentuierte Einsätze per Luftsprung

Bei den Proben am Mittwochnachmittag in der Elbphilharmonie steht Mirga Gražinytė-Tyla - eine zierliche Frau mit mittelblonden Haaren - auf dem Podium des Großen Saals und probt den "Feuervogel" von Igor Strawinsky. Sie zeigt die Taktwechsel der Musik ganz klar, mit geraden Schlägen der Arme, manchmal fast wie ein lebendes Metronom. Das wirkt sehr diszipliniert. Aber ab und an ist ihr stürmisches Temperament zu spüren, etwa wenn sie einen Einsatz mit einem Luftsprung akzentuiert.

Dieses innere Feuer zu bändigen und in geordnete Bahnen zu lenken, gehört für sie zu den wichtigsten Aufgaben, erklärt die Dirigentin: "Auch vom Charakter her tendiere ich eher dazu, sehr aktiv bis zu aktiv zu sein. Was dann immer wieder die schöne Herausforderung ist, es genau zu dosieren. Es geht mit vielen Dingen so, dass weniger im Endeffekt mehr ist."

Ein Künstlername für die eigene Disziplin

Um sich selbst daran zu erinnern, wie wichtig Momente der Ruhe sind, hat sie ihren Nachnamen Gražinytė 2012 um den Zusatz "Tyla" ergänzt, was auf Litauisch so viel wie "Stille" oder "Schweigen" heißt. "Das ist vielleicht etwas, das mir nach wie vor oft und zu oft fehlt...", bekennt die sympathische Dirigentin, die noch deutlich jünger wirkt als Anfang 30. So offen und zugewandt, wie sie ihrem Gegenüber beim Interview begegnet, mit dieser leicht singenden Melodie in der Stimme, spricht sie auch in der Probe. Sie überzeugt mit ihrer musikalischen Kompetenz, die sie unter anderem beim Studium in Leipzig, Bologna und Zürich sowie bei bei Mentoren wie Kurt Masur und Herbert Blomstedt erworben und verfeinert hat.

Programm-Tipp
NDR Kultur

Live: Gražinytė-Tyla dirigiert Strawinskys "Feuervogel"

01.02.2019 20:00 Uhr
NDR Kultur

Doppel-Debüt beim NDR Elbphilharmonie Orchester: Mit Strawinskys "Feuervogel" feiern Dirigentin Mirga Gražinytė-Tyla und Pianist Denis Kozhukhin ihren Einstand. mehr

Herrische Posen gegenüber dem Orchester sind ihr fremd. Den Umgang mit ihren Kolleginnen und Kollegen stellt sich Mirga Gražinytė-Tyla so vor: "Menschlich auf Augenhöhe, würde ich mir wünschen. Jeder hat seinen Teil zu machen, und im Idealfall steht man im Dialog."

Kind einer Musikerfamilie

Mirga Gražinytė-Tyla - seit sechs Monaten Mutter eines kleinen Jungen - ist in einer Musikerfamilie aufgewachsen. Dass sie selbst auch diese Laufbahn einschlagen würde, war für sie ein ganz natürlicher Weg. "Ich kann mir nichts anderes vorstellen als Musikerin zu sein. Ich hatte niemals die konkrete Idee, dass ich Dirigentin werden sollte. Das hat sich irgendwie ergeben. Und bis jetzt mache ich das", erzählt sie.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 01.02.2019 | 09:20 Uhr

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