Stand: 18.04.2019 11:41 Uhr

Musikschulen auf dem Land: Zu Besuch auf Rügen

von Juliane Voigt

Wer Musikschulen schließe, gefährde die innere Sicherheit. Das hat der frühere Innenminister Otto Schily einmal gesagt. Denn die Sozialforschung hat belegt, dass Musik die positive Entwicklung von Kindern unterstützt. In Deutschland gibt es 930 öffentliche Musikschulen an denen knapp 1,4 Millionen Kinder und Jugendliche Instrumente lernen können und gemeinsam musizieren. Tendenz steigend. Neben der Persönlichkeitsbildung von Kindern und Jugendlichen geht es in den Schulen auch um Orchesternachwuchs. In urbanen Strukturen erreichen die Musikschulprogramme Kinder relativ leicht. Wie sieht die Situation der Musikschulen auf dem Land aus?

In der Mitte der Ostsee-Insel Rügen liegt die kleine Stadt Bergen. Die Musikschule ist ein Flachbau am Bahnhof. Sie ist einer von drei Standorten der Musikschule Vorpommern-Rügen. Knapp 400 Kinder und Jugendliche lernen hier Instrumente. Für Klavier und Gitarre gibt es wie überall Wartelisten. Aber auch das Waldhorn ist hier ein beliebtes Instrument. Emil ist Schüler der 12. Klasse und Hornist.

Ein Instrument als Familientradition

Schon sein großer Bruder spielt Waldhorn. Nachdem er ihm beim Spielen zugehört hatte, wollte er auch mit dem Instrument beginnen. "Das hat sich dann so weiterentwickelt, dass auch mein kleiner Bruder Waldhorn spielt. Und mein noch kleinerer Bruder ebenfalls. Und mit vier Hörnern in der Familie können wir auch häufig zusammen spielen, was immer Spaß macht", erzählt Emil.

Der junge Mann wohnt in einem kleinen Dorf und fährt jeden Tag eine halbe Stunde mit dem Bus nach Bergen. Hier ist das einzige Gymnasium der Insel Rügen. Und die einzige öffentliche Musikschule. Der zentrale Standort führt alle zusammen. Sein Freund Erik kommt aus einer ganz anderen Ecke der Insel und spielt Trompete.

"Man kommt beim Spielen mit Musik viel mehr in Berührung, als wenn man sie einfach nur im Radio oder über den MP3-Player hört", sagt Erik. Ein Instrument zu lernen, bedeute für ihn, herauszufinden, dass hinter Musik noch mehr stehe - zum Beispiel durch den Unterricht in Harmonielehre. "Das ist unglaublich interessant und wenn man den Überblick hat, macht es das ganze Thema Musik vielschichtiger."

Spontane Musikeinlagen am Nachmittag

Wartezeiten auf Bus und Bahn verbringen die Jungs am liebsten in der Musikschule. Im Keller stehen Sofas und Notenständer. Ein paar Übungsinstrumente und Noten liegen herum. Je nachdem, wer da ist, bilden sich spontan kleine Formationen. Die Musikschule ist immer offen und jeder kann einfach loslegen. "Es ist Verlass darauf, wenn man in die Musikschule kommt, dass es da immer irgendeinen gibt, mit dem man was zusammen spielen kann. Oder wenigstens reden", erzählt Emil.

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Auch Sulamit aus der 9. Klasse spielt: Ihr Instrument ist ebenfalls das Waldhorn. Im Unterrichtsraum begleitet ihre Lehrerin Maria Hanschel sie am Klavier. Das Mädchen hat zunächst einmal einfach angefangen. "Dann hat es mir Spaß gemacht, jetzt spiele ich sehr, sehr gerne. Es ist eine Leidenschaft", erzählt sie. Vor allem den Klang mag Sulamit.

Musiklehrer machen ihre Instrumente beliebt

Maria Hanschel ist eine Lehrerin, die Kindern offensichtlich mit größter Sensibilität die Liebe zu diesem Instrument vermitteln kann. Ihretwegen ist das Instrument hier so beliebt. Sie spürt, welches Kind zum Horn gehört: "Ich versuche erst einmal die individuellen Charaktereigenschaften der Kinder auszuloten", sagt Hanschel. "Und wenn sie dann dieses Weiche und Sensible zeigen wollen und können, dann sind sie auf dem Horn eben goldrichtig."

Martin Mempel spielt Posaune und leitet seit zehn Jahren das Musikschul-Orchester. Er kennt viele der jungen Musiker von klein an - auch aus seinem Unterricht. Viele haben in der Schule durch Kooperationen mit der Musikschule in Bläserklassen angefangen und sind so zur Musikschule ins Orchester gekommen. Er weiß: "Bei uns hält sich die Schülerzahl relativ konstant, ein Selbstläufer ist es nicht, nicht im Blechblasbereich."

Diese Instrumente seien nicht so populär, eine Tuba schrecke oft ab, weil sie für kleine Kinder so groß sei. Auch die Posaune sei erst einmal verhältnismäßig groß und schwer. "Aber das funktioniert dann darüber, dass die Schüler uns Lehrer kennenlernen und man ein gutes Verhältnis aufbaut." Das Ergebnis: 50 Jugendliche, die mit voller Begeisterung in ihre Lieblings-Instrumente blasen.

Partnerschaft mit jungen Musikern aus Litauen

Das Bergener Musikschul-Orchester ist, nicht zu überhören, ein reines Blasorchester. Im Moment sind alle in ihrer Partner-Musikschule in Klaipeda und treffen dort litauische Bläser, mit denen sie ein Programm einstudieren werden. Am 24. April spielen alle zusammen ein Konzert in Riga. Im Herbst bei den Baltischen Wochen werden sie auch auf Rügen noch einmal zu hören sein.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 22.04.2019 | 17:40 Uhr

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