Das NDR Radiophilharmonie Orchester steht auf der Bühne des Gansu Grande Theater in Lanzhou. © NDR Foto: Friederike Westermann

Christiane Tewinkel nimmt die Angst vor klassischen Konzerten

Stand: 15.01.2022 10:58 Uhr

Viele Menschen haben Angst, sich in klassischen Konzerten falsch zu verhalten. Dem will Christiane Tewinkel entgegengehen. Die Musikwissenschaftlerin baut Vorurteile ab und gestaltet die Schwelle für Nichtexperten niedriger.

von Linda Ebener

Im Konzertsaal der Musikhochschule Lübeck wird "Die Zauberflöte" von Mozart gespielt. Dazu braucht Christiane Tewinkel kein Programmheft. Auch wenn die Professorin erst seit Kurzem an der Musikhochschule Lübeck als Musikwissenschaftlerin arbeitet, fühlt sie sich in der Welt der klassischen Musik schon lange zu Hause.

Die Idee zum Buch kam beim Konzertbesuch mit einer Freundin

Die Idee zu ihrem Buch "Bin ich normal, wenn ich mich im Konzert langweile? Eine musikalische Betriebsanleitung" kam ihr bei einem Konzertbesuch: "Eine ganz wichtige Situation war, als ich mit einer Freundin vor vielen Jahren ins Konzert gegangen bin. Diese Freundin hatte überhaupt nichts mit Klassik zu tun", erzählt Tewinkel. "Ich habe die ganze Situation - im Foyer zu sein, das Büfett zu betrachten, in den Konzertsaal zu gehen, die Applausordnung, die Stücke, das Programm - mit ihren Augen gesehen. Ich habe auf einmal gedacht: 'Das ist schon starker Tobak für jemanden, der überhaupt nicht eingeführt ist.' Es braucht viel Vermittlung, um dahinter zu steigen, warum Konzerte so sind und Konzerte als wunderschön und fruchtbar zu erleben."

Die Maus auf der Bühne im Großen Saal. © NDR Foto: Marcus Krüger
Kinderkonzerte sind eine Möglichkeit, dem Vorurteil entgegenzuwirken, dass klassische Konzerte nur etwas für "ältere Leute" seien.

Das Konzertwesen anderen nahezubringen, ist ihr Job. Trotzdem findet nicht jeder Zugang, wie eine Umfrage zeigt: "Ich finde klassische Musik manchmal echt schön. Sie ist so bewegend und auch die Instrumente, die da oft vorkommen...: Ich finde, das kann echt schön werden." Oder: "Ich glaube, ich würde nicht freiwillig reingehen, aber wenn mich jemand einladen würde, würde ich hingehen." Und: "Ich denke, dass mehr ältere Leute dort sind, weil es Kinder vielleicht nicht interessieren könnte und dass man sich da schick anzieht, weil es etwas Besonderes ist, wenn man da hingeht. Ich finde es schön anzuhören und mag das auch."

Angst vor Fettnäpfchen und falschem Klatschen

Was viele Menschen davon abhält, in ein klassisches Konzert zu gehen, ist nicht etwa die Musik, sondern die Angst davor, ins Fettnäpfchen zu treten, vermutet die Musikwissenschaftlerin. Und im klassischen Konzert gibt es einige - dazu gehört unter anderem das Klatschen nach einem ruhigen und langsamen Satz. Wer an dieser Stelle klatsche, sei unsensibel, sagt Christiane Tewinkel. Nicht so schlimm wäre es, "wenn Leute total begeistert sind und einfach nach einem schnellen Satz ihrer Begeisterung Ausdruck verleihen möchten", erzählt Tewinkel. "Das begegnet uns zum Beispiel in Jugend-, Festival- oder Benefizkonzerten, wenn ein Publikum da ist, das meistens nicht ins Konzert geht, aber dann einfach da sitzt und es super toll findet. Und dann fangen die Leute an zu klatschen."

Seit 17 Jahren versucht Christiane Tewinkel zwischen den Welten, die im Konzertsaal aufeinandertreffen, zu vermitteln. Manchmal hat es geklappt, manchmal nicht. Wer seinen Geschmack gefunden habe, fühle sich auch in den Konzertsälen wohler und das sei bei allen Genres so: "Ich würde sagen, Musik spricht zu uns allen. Wenn ich gerne Gangster-Rap oder Helene Fischer höre, dann verhalte ich mich dazu unmittelbar und ich denke, ich brauche keine Vorbildung. Aber ein Fanclub wird sagen, dass ich die Vorbildung brauche. Sonst verstehe ich nicht, wie Helene Fischer von jenem Lied zum anderen gekommen ist", erklärt Tewinkel. "Je nach Sparte und Expertise, die verlangt wird, haben Leute ihr Expertenwissen. Wenn ich einen englischen gerappten Text verstehen will, muss ich auch sehr viel Vorwissen mitbringen." Die Musikwissenschaftlerin möchte einem breiten Publikum Lust auf klassische Musik machen - und das zusammen mit ihren Studierenden in Lübeck, mit denen sie sich im Herbst um das Thema "Musik und die Ordnung der Welt" kümmert.

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