Stand: 19.01.2019 10:42 Uhr

"André Chénier" in Schwerin: Eine echte Entdeckung

von Karin Erichsen

Dieser Premierenabend ist eine echte Entdeckung: Ein Großteil des Publikums hatte noch nie zuvor von der Oper "André Chénier" gehört, und auch die Mecklenburgische Staatskapelle spielte die Musik von Umberto Giordano zum ersten Mal. Dabei ist das Werk des Puccini-Zeitgenossen keineswegs neu.

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Die üppigen Kostüme aus der Inszenierung von Roman Hovenbitzer stammen von Roy Spahn. Das musikalische Drama spielt in den Wirren der Französischen Revolution.

Nach seiner Uraufführung 1896 in Mailand wurde "André Chénier" an vielen großen Opernhäusern weltweit gezeigt, zählt inzwischen aber schon lange nicht mehr zum Standard-Repertoire. Zu Unrecht - wie Regisseur Roman Hovenbitzer und sein Team jetzt in Schwerin beweisen. Die Inszenierung führt vor Augen, wie erschreckend zeitlos, ja ständig wiederkehrend der Stoff dieser Oper ist. Sie spielt während der französischen Revolutionszeit. Das erste Bild zeigt die alten Verhältnisse im Ancien Regime im Schloss der Gräfin Coigny . Adel und Kirche feiern sich selbst auf einem rauschenden Fest, dessen unerträgliche Dekadenz sofort spürbar wird. Die grandiosen Kostüme von Roy Spahn tragen maßgeblich dazu bei. Seine zerzausten Perücken, überschminkten Gesichter, die geschnürten Mieder, die sowohl von den Frauen als auch den Männern getragen werden, die opulenten Halskrausen und hängenden Unterhosen zeigen den Verfall der barocken Welt. Die Schilderungen des Marquis de Sade erscheinen im Geiste, wenn die Kinder-Darsteller einer Schäferszene nach ihrem Auftritt wollüstig betatscht und (zunächst) mit den Augen verschlungen werden.

Dichter prangert Empathielosigkeit an

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Zurab Zurabishvili (Mitte) singt die Rolle des Titelhelden Andrea Chénier.

Der Dichter André Chénier, der ebenfalls auf dieses Fest geladen wurde, ergreift nach koketter Aufforderung das Wort. Er prangert die Empathielosigkeit der Wohlhabenden an und hält ein Loblied auf die Liebe – womit er das Herz der Grafentochter Maddalena gewinnt. Das Fest endet im Tumult als der Diener Gérard mit einer Gruppe von Aufrührern mit Feuer und Rauch den Saal stürmt.

Die Jakobiner herrschen

Nach einem Bühnenumbau und einem Zeitsprung von fünf Jahren ist von barocker Pracht, von Spiegeln und Kronleuchtern nichts mehr zu sehen. Die Jakobiner herrschen nun in leuchtend roten Gewändern. Das Bühnenbild von Hermann Feuchter mit seinen Stahlgerüsten erinnert jetzt an eine Industriehalle, an dunkle Straßen mit Tavernen. Überall Bilder, Plakate, Zeichen der Revolution, die bereits in eine neue Schreckensherrschaft übergegangen ist. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit sind zu hohlen Phrasen mutiert, das Leben ist auch für die Revolutionäre zum Tanz auf dem Drahtseil geworden. Die Angst vor Spionen und Denunzianten ist allgegenwärtig.

Bedrohte Liebe

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Die Sänger Jasmin Etezadzadeh, Cornelius Lewenberg und Bruno Vargas mit dem Opernchor.

Der Dichter André Chénier ist auch den neuen Machthabern suspekt, der Diener Gérard hingegen ist in der neuen Welt einer der Anführer - aber dennoch nicht frei. Er sucht Maddalena, die er seit früher Jugend liebt und begehrt, die aber seit einem Sturm auf ihr Elternhaus untergetaucht ist. Sie schreibt seit längerer Zeit anonyme Briefe an Chénier und will ihn nun, da er ebenfalls in Ungnade gefallen ist, treffen. Chénier und Maddalena werden ein liebendes Paar. Ihnen bleibt jedoch kaum Zeit miteinander, denn bald wird der Schriftsteller entdeckt und verhaftet. Der eifersüchtige Gérard schreibt eine Anklageschrift und das Schicksal nimmt seinen Lauf.

Spanndende Inszenierung

Die Inszenierung ist spannend von der ersten Minute an. Was auf der Bühne alles geschieht, erfassen die Zuschauer nur in Ausschnitten. Wenn sie das Augenmerk auf die Haupthandlung lenken oder versuchen, die vielfältigen Bilder und Darstellungen des sich ständig verändernden Bühnenbildes zu entschlüsseln, verpassen sie das andeutungsreiche Spiel der Nebendarsteller und Choristen, die hier mitnichten nur Staffage sind, sondern im Gegenteil eine dichte, hoch aufgeladene Atmosphäre erzeugen.

Bravouröse Mecklenburgische Staatskapelle

Diese Aufgabe erfüllt auch die Mecklenburgische Staatskapelle bravourös. Die Musik illustriert, was auf der Bühne geschieht. Ohne Ouvertüre steigt sie sofort voll in die Handlung ein. Zunächst zitiert der Komponist Umberto Giordano barocke Tänze, später greift er musikalische Themen der französischen Revolution in seiner effektvollen Musik auf. Temperamentvoll und laut wird es, wenn die revolutionären Massen auftreten, zarte Geigen- und Cellosoli erklingen, wenn es um die Liebe geht. Ein strömender Klangteppich trägt den dramatischen Stoff voran. Die Staatskapelle unter der Leitung von Michael Ellis Ingram fügt sich wunderbar in das Gesamtkunstwerk ein.

Beeindruckende Solisten

Auch die Gesangssolisten beeindrucken - insbesondere Yoontaek Rhim, der den von seinen Leidenschaften getriebenen Gérard gibt. Unter die Haut gehen auch die anrührenden Arien der Maddalena, gesungen von Karen Leiber, die in Schwerin auch in den Vorjahren schon in vielen großen Partien glänzte. Stimmgewaltig steht ihr der georgische Tenor Zurab Zurabishvili als André Chénier zur Seite. Eine Rolle, die im Libretto von Puccinis Librettisten Luigi Illica gar nicht vorkommt, übernimmt Raphael Käding. Als namenloser "musicien rouge" gibt er einen Sänger des Volkes. Er singt und spielt auf dem Akkordeon die Lieder der Revolution, zum Beispiel die "Marseillaise", die anschließend das Orchester aufgreift. Mit seinem rauen Charme wurde er zu einem der wenigen, wenn nicht dem einzigen Sympathieträger unter den Revolutionären.

Überwältigtes Publikum

Es reicht eigentlich nicht aus, diese Produktion nur einmal zu sehen. Die Komplexität der Inszenierung, die Vielfalt der Kostüme, der Anspielungsreichtum des Bühnenbildes und die Raffinessen der Musik lassen sich beim einmaligen Opernbesuch kaum erfassen. Entsprechend überwältigt war das Publikum nach der Aufführung, für die es einen kaum enden wollenden Beifall spendete.

"André Chénier" in Schwerin: Eine echte Entdeckung

Das Mecklenburgische Staatstheater zeigt mit der eher unbekannten Oper "André Chénier" bewegendes Musiktheater. Ein Besuch reicht kaum, um die überwältigende Inszenierung aufzunehmen.

Art:
Bühne
Datum:
Ende:
Ort:
Großes Haus/Alter Garten Schwerin 2

19055  Schwerin
E-Mail:
(0385) 5300 126
Öffnungszeiten:
Abendkasse jeweils eine Stunde vor Beginn
Hinweis:
André Chénier
Oper in vier Akten von Umberto Giordano
Libretto von Luigi Illica
In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln 

Musikalische Leitung: Michael Ellis Ingram
Inszenierung: Roman Hovenbitzer

mit: Zurab Zurabishvili als Andrea Chénier, Yoontaek Rhim als Carlo Gérard, Karen Leiber als maddalena di Coigny und Hanna Larissa Naujoks und Bruno Vargas als Fuouqier Tinville mit dem Opernchor des Mecklenburgischen Staatstheaters
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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Kulturjournal | 19.01.2019 | 18:00 Uhr

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