Sängerin Ronja Maltzahn mit einem Cello © Screenshot

Absage wegen Dreadlocks: Lächerliche Rechthaberei

Stand: 24.03.2022 12:41 Uhr

Das Klimaschutz-Aktionsbündnis "Fridays for Future Hannover" hatte erst die Sängerin Ronja Maltzahn eingeladen, bei einer Demonstration aufzutreten - sie dann aber wegen ihrer Dreadlocks wieder ausgeladen.

Ein Kommentar von Ocke Bandixen.

Ocke Bandixen © NDR Foto: Andreas Sperling
"Was bliebe wohl übrig, wenn wir alles zurückgäben, alle Aneignungen und Vermischungen? Vermutlich wenig", findet Ocke Bandixen.

Das Thema ist zu lächerlich, um es ernst zu behandeln. Aber wie gut könnte man hier nachweisen, von welcher empörenden Schlichtheit so manche Rechthaberei ist. Das Thema ist gleichzeitig zu ernst, um sich nur darüber lustig zu machen. Vermeiden wir mal gleich alle Kampfbegriffe - Cancel Culture, Wokeness, politische Korrektheit - die wieder eigene Definitionen und Diskussionen nach sich ziehen müssen und kommen zur Sache.

"Fridays for Future" hält Dreadlocks für "unbotmäßige kulturelle Aneignung"

Ein Umweltverein, der eine große Demo plant, ist sich einig gewesen mit einer Musikerin, die dort auftreten soll. Die Künstlerin wurde jedoch wieder ausgeladen wegen ihrer Frisur. Nicht etwa, wie man zunächst vermuten könnte, weil diese umweltschädlich ist: zu viel Haarspray etwa. Oder zu großer Fönbedarf. Oder, vielleicht, weil die Haarpracht eventuell nicht aerodynamisch genug ist und so zu viel Luftwiderstand verursacht und damit den Energieverbrauch unnötig hochhält. Nein. Es geht darum, dass die hellhäutige Musikerin ihre blonden Haare zu Dreadlocks verarbeiten lassen hat. Und das sei, sagt "Fridays for Future", eine unbotmäßige kulturelle Aneignung. Und versieht die Ausladung mit dem Hinweis, wenn sie die Dreadlocks bis Freitag abschnitte, dann sei sie willkommen. Dies wurde inzwischen als Grenzüberschreitung benannt und wieder zurückgenommen.

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Was ist mit kultureller Aneignung gemeint?

Was? Frisuren-Check: Demo-Beginn, der Pony sitzt. Ansprache vor 50.000, der Pferdeschwanz stramm. Veranstaltungsende, die Gesinnung fest gekämmt. So ungefähr? Ich meine, ich kenne mich schon seit ziemlich vielen Locken nicht mehr aus. Aber ist es das, was gemeint war? Das Wort Scheitel ist bis jetzt in diesem Text noch gar nicht vorgekommen.

Und was genau ist mit kultureller Aneignung gemeint? Kultur meint Austausch, meint Dialog, meint Umgehen mit dem Anderen. Kunst und auch Mode ist immer schon: Abgleich, Aneignung, Reaktion, Nachahmung, Überschreibung, Provokation, Fortführung. Eine Neuschöpfung aus dem Brunnen, an dem schon viele, viele andere um ein Abbild von sich und der Welt rangen. Muss man das wirklich erklären? Im 21. Jahrhundert? Eric Clapton, gib den Blues wieder her. Beastie Boys, der HipHop steht euch nicht zu. Und ihr Finnen, rückt den Tango wieder raus!

Darf man eine Gesinnung an der Frisur prüfen?

Verstehen wir uns richtig: Ich meine nicht, dass man nicht über Identitäten und Kulturen nachdenken darf. Ich bin nicht der Meinung, dass beispielsweise Kultur aus kolonialen Kontexten nicht neu bewertet und Verantwortung und Verbrechen eingestanden werden müssen. Im Gegenteil: Wie gut, dass über Denkmäler, Straßennamen und Museumsbestände diskutiert wird. Aber eine Gesinnung an der Frisur prüfen? Zudem bei einer Musikerin, deren Arbeit man wohl eigentlich schätzt? Einer Bühnenkünstlerin, deren Arbeit und Kunst im Wesen zu einem Gutteil aus Inszenierung besteht. Aus Maskerade, Kostüm, Pose, Rolle, Spiel und auch aus Musik und Text, die waren aber offenbar genehm.

Kritik und Gegenkritik ist das Wesen einer offenen Gesellschaft

Was bliebe wohl übrig, wenn wir alles zurückgeben? Alle Aneignungen und Vermischungen? Vermutlich wenig, vielleicht ja die deutsche Rechthaberei. Man hat inzwischen gesprochen, begrenzt, telefoniert. Und die Künstlerin hat den Veranstaltern in einer von ihr veröffentlichten Stellungnahme "nicht so viel blöden Pressewind" gewünscht. Das geht leider nicht. Der Wind ist längst da. Und das ist gut. Das ist das Wesen einer offenen Gesellschaft: Austausch, Debatte, Vielfalt, Meinungs- und Pressefreiheit, Kritik und Gegenkritik. Und nicht: Die einen wissen es besser und die anderen sollen sich mal schämen und schweigen. "Fridays for Future" bleibt übrigens bei der Aussage, "schwarze Widerstandssymbole haben auf weißen Köpfen nichts zu suchen".

Zu lächerlich, um ernst zu bleiben

Apropos Frisur: Wie ist es denn eigentlich mit diesem Männerdutt, dieser Imitation einer japanischen Samuraihaarpracht? Wird damit nicht die jahrhundertealte, durch Gewalt und zweifelhaften Ehrbegriff geprägte Hierarchie noch im Nachhinein gerechtfertigt? Was nun, Shogun? Darüber muss ich dann doch nachdenken, als ich - von einem brennenden Verlangen nach Mousse au Chocolat und einem Gläschen Primitivo Sambaschrittes zum Thaiboxen gehe und noch so bei mir denke: Die italienischen Schuhe und der Norweger-Pullover passen irgendwie nicht zusammen. Helmut Schmidt zum Ende zu zitieren ist immer gut: Ich habe Verständnis, hat er mal gesagt, für das dumme Zeug, das junge Leute manchmal reden. Bleibt aber dummes Zeug. Es ist doch zu lächerlich, um ernst zu bleiben.

Dieses Thema im Programm:

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