Stand: 13.12.2018 10:37 Uhr

40 Jahre ganz oben: Der Turmbläser von Lüneburg

von Ulrike Kressel

Lüneburg morgens um kurz vor neun. Täglich um diese Uhrzeit bringt Manfred Toews, Turmbläser der St. Johanniskirche, den Bürgerinnen und Bürgern der Hansestadt ein besonderes Ständchen. Hoch oben vom Turm der ältesten Kirche Lüneburgs schickt er seinen musikalischen Gruß in alle Himmelsrichtungen. Toews ist der dienstälteste Turmbläser in Norddeutschland. Seit 40 Jahren ist er dabei.

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200 Stufen muss Turmbläser Manfred Toew erklimmen, um in den Glockenturm zu gelangen.

Der Arbeitsplatz von Manfred Toews liegt hoch oben über den Dächern von Lüneburg. Um dorthin zu kommen, muss er die exakt 200 Stufen der engen, steinernen Wendeltreppe hinaufklettern. Auf halber Strecke des Turms legt der 77-Jährige eine kleine Pause ein. Er lehnt sich ein wenig kurzatmig gegen das mächtige Gebälk am Fuße des Glockenturms, nimmt seine Nickelbrille ab und putzt die beschlagenen Gläser: "Jetzt haben wir 111 Stufen. Schon über die Hälfte. Da kann man ein bisschen verpusten."

Seit 40 Jahren steigt er an sechs Tagen in der Woche hoch in den Glockenturm. Bevor der pensionierte Agraringenieur Turmbläser wurde, hörte er das morgendliche Ständchen zur Teepause in seinem Büro: "Im Spätsommer 1978 war mit einem Mal Schluss mit dem Gebläse. Dann habe ich beiläufig zu meiner Kollegin gesagt: 'Also wenn die keinen haben, kann ich da mal hochtigern. Ein bisschen blasen kann ich.'"

Das kalte Flügelhorn wird im Winter geföhnt

Und so kam es dann auch. Von einem auf den anderen Tag war Toews der neue Turmbläser Lüneburgs und ist es noch heute. Nach der letzten Etappe von noch einmal 89 Stufen ist Toews oben im Glockenturm angekommen. Schnell holt er sein Flügelhorn aus einem Versteck. Es liegt in einem schwarzen Lederkoffer. Das Instrument bleibt im Glockenturm. Es sei viel zu mühsam, es täglich rauf und runterzuschleppen, sagt er. Jetzt im Winter muss er sein Instrument erst einmal auf Betriebstemperatur bringen. Dafür heizt er die Ventile mit einem Föhn: "Dann sind die ruckzuck wieder frei."

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Der Turm bietet Toews einen einmaligen Blick über die Dächer der Lüneburger Altstadt.

Die Viertelglocke der St. Johanniskirche gibt dem Turmbläser das Signal. In fünf Minuten muss er am ersten Fenster stehen und den Choral anstimmen. Jeden Tag spielt er einen anderen. Montags und dienstags richtet er sich nach dem sogenannten Graduallied, dem Wochenlied der evangelischen Kirche. Und heute? "Ach, was hatte ich denn. 'Was Gott tut, das ist Wohlgefallen'. Das habe ich mir auf dem Fahrrad überlegt." Rasch streift sich Toews nun die wärmenden Handschuhe über, greift den Notenständer und das Flügelhorn, bläst das Kondenswasser aus dem Instrument und öffnet die hölzerne Luke gen Norden. Dann ist es so weit.

Tradition geht bis in den Dreißigjährigen Krieg zurück

Das Turmblasen geht in Lüneburg auf eine alte Tradition bis in den Dreißigjährigen Krieg zurück. Während Toews spielt, hat er einen einmaligen Blick über die Dächer der Lüneburger Altstadt. Gleich nach dem neunten Schlag der großen, tiefen Stundenglocke setzt Toews ein letztes Mal für heute das Mundstück an die Lippen. Toews bedeutet es viel, jeden Morgen einen Choral blasen zu dürfen. Den Lüneburgern gefällt es auch. Einige bleiben stehen, schauen nach oben und halten inne. Manchmal dringt sogar ein entferntes Klatschen bis zu Toews auf die Plattform des Turms herauf. Erst kürzlich hat er von einem Touristen einen Dankesbrief mit dem Wunsch erhalten, noch lange so weiterzuspielen. Genau das hat Lüneburgs Turmbläser vor.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 13.12.2018 | 06:55 Uhr

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