Joseph Beuys Unterschrift auf einem 20 Mark Schein der DDR © picture-alliance / ZB | Matthias Hiekel

Joseph Beuys und die DDR

Stand: 10.05.2021 15:00 Uhr

Nur einmal war Joseph Beuys Zeit seines Lebens in der DDR. Obwohl sein Aktionsradius als Künstler vorwiegend westlich ausgerichtet war, hatte er einigen Einfluss über die innerdeutsche Grenze hinweg.

Joseph Beuys Unterschrift auf einem 20 Mark Schein der DDR © picture-alliance / ZB | Matthias Hiekel
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von Barbara Wiegand

Klaus Staeck erinnert sich: "Mein Bruder Rolf versorgte Beuys mit Lebensmitteln. Beuys war der Meinung, die seien unbearbeitet und chemisch nicht behandelt. Einen Teil der Sachen aß er, die berühmten Tempo-Erbsen und was weiß ich, was mein Bruder noch geschickt hat. Und er verwandelte die Sachen auch in Kunst, indem er drauf schrieb 'Ein Wirtschaftswert - Joseph Beuys'. Die wurden dann auch ausgestellt."

Schon als Staeck 1956 in die Bundesrepublik übergesiedelt war, war der einstige Präsident der Berliner Akademie der Künste der Paketbote der Erbsen, Gewürznelken und anderer Dinge des alltäglichen Ge- und Verbrauchs von Ost nach West - auf dass Joseph Beuys sie zu Kunstwerken, respektive Wirtschaftswerten, machen konnte. Passend zu seiner Ansicht, wonach in der DDR nicht der Staatliche Sozialismus, vielmehr der Staatskapitalismus herrsche. Und wie so vieles bei Beuys - garantiert nicht ironiefrei.

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"Bei einer Veranstaltung in Heidelberg redete er auch über Sozialismus. Und dann fragte jemand: 'Sag mal, du redest über Sozialismus. Du redest über Umverteilung, dass der Überschuss umverteilt werden muss. Aber der Sozialismus produziert doch Unterschuss?' 'Ganz einfach', antwortete Beuys, 'dann wird der Unterschuss verteilt.' Die Art von Schlagfertigkeit war es, sein Veränderungswille, das ihn ausmachte", erzählt Staeck.

Einmal nur war Joseph Beuys in der DDR. Und auch das nur auf eigentlich Exterritorialen Gebiet, um 1981 eine Ausstellung in der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik in Ost-Berlin zu eröffnen. 1984 - da war er schon Mitglied bei den Grünen - wollte er nochmal kommen, aber die Einreise wurde ihm verweigert.

Beuys Gedanke von einer anderen Form des Sozialismus

"Das war die Hochzeit des politischen Kampfes: Kurzstreckenwaffen, es gab erste Bürgerbewegungen und man hatte Angst vor der charismatischen Figur Beuys", sagt Eugen Blume, der unter anderem als Leiter des Museums Hamburger Bahnhof in Berlin beeindruckende Beuys-Ausstellungen kuratiert hat. 1951 in Bitterfeld geboren, entdeckte er Joseph Beuys schon zu DDR-Zeiten für sich. Weniger als Künstler, da er die Werke damals kaum kannte - mehr als Denker.

"Ich war unzufrieden mit der DDR-Situation. Auf der Suche nach anderen Formen hat Beuys sich auch mit demokratischem Sozialismus beschäftigt, hatte aber eine andere Idee: Marx habe geirrt. Der Mensch werde nicht frei, nachdem die Bedingungen sich geändert haben. Vielmehr sei jetzt jeder Mensch frei zu handeln um die Gesellschaft zu verändern."

Blume arbeitete vor der Wende am Berliner Kupferstichkabinett, dessen Leiter Werner Schade 1988 die Schau "Beuys vor Beuys" in der Ost-Berliner Akademie der Künste mit organisierte. Eine Ausstellung, die posthum Zeichnungen des 1986 verstorbenen Beuys zeigte.

"Kinderbeuys" landet mit Schwung in der Elbe

Beeinflusst vor allem von Beuys Kunstaktionen war auch die in den 1980er-Jahren gegründete Künstlergruppe der "Autoperforationsartisten" mit ihren extremen Performances. Darunter Else Gabriel, die sich von Beuys' mit Fett, Mullbinden, Kupferdraht gefüllte Badewanne zu ihrem Werk "Kinderbeuys" inspirieren ließ: Eine Kinderbadewanne mit Zuckerrand, die zwar nicht wie die große Wanne vom großen Beuys von "ahnungslosen Kunstbanausen" blank gewienert wurde, sondern im Anschluss an eine Ausstellung an der Dresdner Kunstakademie einfach verschwand.

Zwei Kommilitonen von ihr hatten die Miniwanne zunächst dort abgeholt, um sie zu ihr zurückzubringen, erzählt Gabriel: "Ich kam nach Hause und da war keine Kinderbadewanne vor der Tür. Telefone gab es nicht, ich musste warten, um zu fragen, wo der Verbleib wäre. Und die meinten: Wir sind dann da über die Brücke und dann war die uns so schwer und mit Schwung hatten sie das Ding in der Elbe versenkt. Das heißt, der Kinderbeuys wurde zwar nicht geschrubbt, aber nachhaltig in der Elbe versenkt und liegt dort vermutlich noch heute." So hat Joseph Beuys durchaus auch in der DDR seine Spuren hinterlassen - auf dem Grund eines Flusses - und in den Köpfen der Künstler.

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