Stand: 25.10.2017 15:00 Uhr

Beltracchi malt 2.000 Jahre Kunstgeschichte

von Susanne Lettenbauer
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Wolfgang Beltracchi malt "Das Martyrium der Rosa Luxemburg" in der Handschrift von Max Beckmann.

Was wäre, wenn Lucas Cranach Luther gemalt hätte? Oder Amedeo Modigliani den Komponisten Igor Strawinsky? Oder Heinrich Campendonk seine Malerkollegen vom Blauen Reiter? Diese Bilder hat es nie gegeben. Bis jetzt. Denn nun malt der "Meisterfälscher" Wolfgang Beltracchi ganz legal die wichtigsten Momente der Kunstgeschichte nach.

Nach seiner rechtskräftigen Verurteilung und einem Gefängnisaufenthalt 2011 wegen Urkundenfälschung habe er dem Fälschen abgeschworen, sagt Beltracchi. Seit mehreren Wochen sitzt er nun an einem neuen Projekt. Es trägt den Titel "Kairos", was auf Griechisch "der beste Moment" bedeutet. Die Idee: Beltracchi will wichtige Momente der Kunstgeschichte gewissermaßen nachmalen.

Wolfgang Beltracchi steht vor einem auf alt getrimmten Fenster, hinter ihm ein Holzschrank, darauf der Globus, an der Wand die alte Landkarte. Eine nachgestellte, typische Szene beim niederländischen Maler Vermeer um 1689. Vermeer malt den Philosophen Baruch de Spinoza. Besser gesagt: Beltracchi malt im Stil von Vermeer, der Spinoza malt.

Fiktive Momente der Kunstgeschichte

Obwohl Vermeer und Spinoza sich gekannt haben müssen, hat es diese Szene im 17. Jahrhundert nie gegeben. Genau das findet Beltracchi so spannend an dem Projekt: "Die Figur, die wir darstellen, ist ja unser Kairos. Wir sagen, der hat das gemalt, aber das fehlt uns in der Geschichte. Also ein Vermeer, der Spinoza malt, ist ja nicht so unwahrscheinlich, denn er lebte ja da, sie hatten gemeinsame Bekannte. Und so malen wir eben dieses Bild." Trotzdem bleibe es eine Herausforderung, lächelt Beltracchi: "Ich mache jeden, aber Vermeer ist ja schon was Besonderes."

"Neue" Werke von Modigliani, Beckmann und Klimt

Insgesamt 23 Gemälde sollen so in den kommenden Monaten in dem Münchener Atelier des Unternehmers und Initiators Christian Zott entstehen und dann auf Ausstellungsreise gehen. Modigliani, der Igor Strawinsky als hochmütigen Komponisten zeigt. Der alte Klimt im Selbstporträt. Der Tod der Rosa Luxemburg von Max Beckmann. Oder auch Lucas Cranachs Lutherbild.

"Wir suchen diese Kairoi, die für uns die besten Momente zeigen, die eben nie gemalt worden sind, wie eben Luther mit der heiligen Anna. Wenn es die nicht gegeben hätte, gäbe es keine Reformation. Das ist nie gemalt worden. Das finde ich interessant", erklärt Beltracchi. Extra historische Farben rühre er dafür jetzt nicht mehr an, erzählt er in Anspielung auf das eine Mal, als ihn eine moderne Weißmischung als Fälscher überführte. "Ich werde einige Ölfarben, die ich benutze, etwas trocknen, damit da nicht so viel Öl drin ist, die sind alle total übersättigt heute. Die waren früher viel trockener", sagt er. Heute könne er ganz normal malen, seine eigene Signatur unter die Bilder setzen. Die Zeit der Fälschungen sei vorbei.

Den Stil der Maler möglichst originalgetreu kopieren

Den Stil der berühmten Maler will Beltracchi trotzdem hundertprozentig kopieren: "Ich lehne das auch ab, eine einfache, eigene Handschrift zu machen, also die man jetzt immer so wiedererkennt, das ist doch unkreativ, immer dieser Wiedererkennungswert."

Er hätte das Projekt auch ohne Beltracchi durchgezogen, meint der Unternehmer Christian Zott, aber nach zwei Gesprächen sei man sich einig gewesen: "Es gibt viele Fälscher und er hat gefälscht, aber das ist aber kein Widerspruch zu dem, dass er eine eigene Handschrift hat und eigene Kunst macht. So in 50 bis 100 Jahren werden sich viele Wissenschaftler und Studenten an ihm ergötzen und viele Dissertationen schreiben, das wird so kommen."

In seinem Heimatort Unterammergau baut Unternehmer Zott im kommenden Jahr extra ein Museum für die echten Beltracchi, auch wenn die Frage bleibt, was ein echter Beltracchi eigentlich ist. Seine Werke werden ab November 2018 in der Barlach Halle K in Hamburg zu sehen sein.

Weitere Informationen
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 25.10.2017 | 17:40 Uhr

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