Kunst aus Zeiten des Kolonialismus: Alles nur geklaut?

Stand: 29.04.2021 07:54 Uhr

Ein Spitzentreffen im Bundeskanzleramt widmet sich heute den berühmten Benin-Bronzen - Raubkunst. Es geht um Grundsätzliches: Wie wird Deutschland mit Raubgut aus der Kolonialzeit zukünftig verfahren?

von Thorsten Mack und Christine Gerberding

Vor drei Jahren sollte das Thema noch als eine Geschichte gerade mal ausreichend fürs Sommerloch abgetan werden - jetzt treffen sich Vertreter des Auswärtigen Amtes, die Kulturminister*innen der Länder und Museumsdirektor*innen zum Spitzentreffen im Bundeskanzleramt. Es geht um die berühmten Benin-Bronzen, die sich auch in norddeutschen Museen befinden: Raubkunst. Es geht um das Ansehen der Republik, wie Deutschland mit Raubgut aus der Kolonialzeit verfährt. Die Staatsministerin für Kultur, Monika Grütters, lässt vorab wissen, dass man zu einer "nationalen Strategie im Umgang mit den Benin-Bronzen" kommen will. Spät genug.

Museen blockierten Aufarbeitung

Die kunstvollen Bronzen sollten eigentlich der Hingucker des neu zu eröffnenden Humboldt Forums werden. Allein 440 Stücke besitzt die Stiftung Preußischer Kulturbesitz - ganz legal auf einer Auktion in London ersteigert. Doch die Briten hatten sie im Rahmen einer blutigen Strafaktion 1897 erbeutet - als Sühne für ein Massaker der Truppen des Königreichs Benin gegen die britische Kolonialmacht. Etwa 1.100 Objekte befinden sich in deutschen Museen, auch bei uns im Norden. Das war schon lange bekannt, doch viele Museen blockierten dickfellig und systematisch über Jahrzehnte alle Restitutionsgesuche.

Bronzen aus Benin im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe. © dpa Foto: Daniel Bockwoldt
Ein neuer Umgang mit Kunst aus Zeiten des Kolonialismus ist längst überfällig.

Statt auf die Bitten der Afrikaner einzugehen, verklärten die Museen den Raub als wissenschaftliche "Rettungstat". Die deutschen Museen maßten sich an, über fremdes Eigentum zu wachen und zu bestimmen. "Aus heutiger Sicht müssen wir ganz klar sagen, dass das Fehler waren. Einfach diese Wünsche von afrikanischen Ländern, Teile ihres Erbes wiederzubekommen, überhaupt nicht ernst zu nehmen", erklärt Hermann Parzinger von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. "Das ist damals von europäischen und deutschen Museumsverantwortlichen abgebügelt worden."

Parzinger geht davon aus, dass Benin-Bronzen zurückgegeben werden

Was heißt das nun für die Präsentation der Objekte im Humboldt Forum? Auch das soll der Gipfel bei Staatsministerin Grütters klären. Und man setzt auf den Dialog mit Vertretern aus Nigeria, die das Erbe des ehemaligen Königreichs Benin angetreten haben. Hermann Parzinger gegen über dem NDR: "Ich gehe fest davon aus, dass zurückgegeben wird. Wir wollen auf jeden Fall zurückgeben. Was zurückgeht, wie viel zurückgeht - das müssen wir mit den Verantwortlichen in Nigeria und Benin klären." Man wolle in Berlin nicht nur Repliken, sondern auch Originale zeigen: "Sie stehen paradigmatisch nicht nur für den Kunstraub der Kolonialzeit in Afrika, sondern auch für eine der Blüten afrikanische Kunst. Und ich finde, das muss man in der Welt auch sehen. Aber was und wie? Das muss man natürlich einvernehmlich mit den Verantwortlichen in Nigeria und in Benin entscheiden."

Umgang mit Raubkunst: neue Töne aus Berlin

Das sind neue Töne aus Berlin - Ende eines langen, für Deutschland wenig rühmlichen Kapitels im Umgang mit kolonialem Raubgut. Vor drei Jahren verließ die überaus engagierte Historikerin Bénédicte Savoy den Beirat des Humboldt Forums. Es mangele an Transparenz und Provenienzforschung, der systematischen Aufarbeitung der Herkunftsgeschichte des Bestandes, so ihr Vorwurf: "Man machte sich lustig über Leute, die fragen wollen, wie viel Blut an diesen Objekten klebt."

Dabei gab es immerhin schon seit 2010, anfangs ganz informell, später offiziell den sogenannten Benin-Dialog. Sein Ziel: die lange überfällige Rückführung der Bronzen in ihre Heimat. In der Gruppe: Nigerianer*innen und europäische Museumsleute, gleichberechtigt. "Das war ein sehr langer Prozess der Vertrauensbildung. Ich glaube auch, dass diese Gruppe dazu beigetragen hat, dass es ein größeres Vertrauen gibt und ein besseres Verständnis über die Rahmenbedingungen, in denen beide Seiten agieren", so Barbara Plankensteiner, Direktorin des Museums am Rothenbaum - Kulturen und Künste der Welt (MARKK) in Hamburg und Mitbegründerin des Benin-Dialog.

Ziel ist Respekt für andere Kulturen und für echte Zusammenarbeit

Dieser Gesprächskreis hat sicherlich maßgeblich dazu beigetragen, dass jüngst auf diplomatischer Ebene endlich eine Einigung zwischen den Beteiligten in Nigeria und Deutschland erzielt und eine Museumskooperation mit dem geplanten Museum of West African Art in Benin verabredet wurde, das auch mit deutscher Hilfe aufgebaut werden soll - womöglich eine Art Schuldeingeständnis. Dort sollen dann auch Bronzen, die noch zu den Beständen deutscher Museen gehören, gezeigt werden - wie viele, ob als Leihgabe oder Restitution muss noch verhandelt werden. Selten war ein Spitzentreffen bei der Staatsministerin für Kultur so wichtig - und so überfällig.

Letztendlich geht es beim Umgang mit Kulturgütern aus kolonialen Kontexten um eins: um Respekt für andere Kulturen und für eine echte Zusammenarbeit, die nicht von oben herab geführt wird, bei der im Gegenzug vielleicht auch mal deutsche Kunst nach Afrika kommt. Und zu diesem Respekt gehört auch: Was eindeutig gestohlen wurde, muss prinzipiell zurückgegeben werden.

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Dieses Thema im Programm:

Kulturjournal | 28.04.2021 | 22:45 Uhr