Szene aus dem DokumentarfilmFilm "Herr Bachmann und seine Klasse" von Maria Speth, Silberner Bär Preis der Jury der Berlinale 2021 © Madonnen Film

Liebeserklärung an die Menschlichkeit und den Mentor Bachmann

Stand: 15.09.2021 06:00 Uhr

Bei der Berlinale wurde Maria Speths Dokumentarfilm "Herr Bachmann und seine Klasse" mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet und ist mehrfach für den Deutschen Filmpreis nominiert - einer der schönsten Filme des Jahres.

von Bettina Peulecke

Beim Deutschen Filmpreis ist die dreieinhalbstündige Produktion zweimal nominiert: in den Kategorien "Beste Regie" und "Bester Dokumentarfilm". Der Film zeigt einen Lehrer und seine Schülerinnen und Schüler einer hessischen Gesamtschule.

"Herr Bachmann und seiner Klasse" - einer der schönsten Filme des Jahres

Der Film ist dreieinhalb Stunden lang. In der Schule hat man da wenigstens irgendeine Pause. Für so eine lange Zeit geht man eher ausnahmsweise ins Kino. Wer aber diesbezüglich über seinen Schatten springt und bereit ist, diese Zeit mit "Herrn Bachmann und seiner Klasse" zu verbringen, sieht einen der schönsten Filme des Jahres.

Der Pädagoge spricht mit seinen Schülerinnen und Schülern: "Diese Noten zeigen überhaupt nichts von euch. Das sind nur Momentaufnahmen. Viel wichtiger ist, dass ihr alle tolle Kinder seid. Tolle Jugendliche."

Klasse spiegelt Bevölkerungsstruktur im hessischen Stadtallendorf wider

Herr Bachmann entspricht mit seinen Hoodies, den farblich nicht immer passenden Strickmützen und seiner Gitarre Emma schon äußerlich nicht dem Bild eines strengen Lehrers. Bei ihm lernen die jungen Menschen, das wird schnell klar, nicht allein für den Zeugnisdurchschnitt.

Die kulturelle Zusammensetzung seiner Klasse spiegelt die Bevölkerungsstruktur im hessischen Stadtallendorf wider. Gut 21.000 Menschen leben hier. 70 Prozent der Bevölkerung haben eine Einwanderungsgeschichte, fast 5.000 sind muslimischen Glaubens. Die meisten Schüler kommen aus Arbeiterfamilien. Sie haben türkische, bulgarische, russische oder deutsche Wurzeln. Eine bunte Mischung, mit viel Konflikt- aber ebenso viel Gemeinschaftspotential.

Innige Beziehung der Regisseurin Maria Speth zur Klasse

Auch zu dem Filmteam um Regisseurin Maria Speth gab es eine innige Beziehung, die diesen Film überhaupt erst ermöglichte. Denn Dieter Bachmann ist lebenslang mit dem Co-Autor und Kameramann befreundet: "Die Maria Speth und der Reinhold Vorschneider, das ist mein längster und bester Freund, mit dem habe ich in Berlin schon in meinen 20er-Jahren zusammen gehaust. Die hab' ich immer überredet: 'Kommt doch mal mit in die Klasse.' Maria Speth war völlig begeistert." Es sei ein langsames Annähern gewesen. "Bevor überhaupt ein Film gedreht wurde, waren die zwei oft mit in der Klasse - es entstand eine große Liebe."

Man kann junge Menschen motivieren, ihnen Chancen ermöglichen

Szene aus dem Dokumentarfilm  "Herr Bachmann und seine Klasse" von Maria Speth, Silberner Bär Preis der Jury der Berlinale 2021 © Madonnen Film
Dieser Film zeigt, wie wichtig und wie anspruchsvoll Schule sein kann - und wie umwerfend dreieinhalb Stunden Schule im Kinosessel sein können.

Und so ist denn auch der Film eine große Liebeserklärung. An die Menschlichkeit und an diesen Mentor. Dieser beweist, wie man junge Menschen motivieren und ihnen Chancen ermöglichen kann, egal wo sie herkommen und welche begrenzten Möglichkeiten sie familiär bedingt haben mögen. Dass Gemeinschaft auch bedeutet, dass man etwas gemeinsam schafft, das vermittelt Herr Bachmann auf seine ganz eigene, unkonventionelle Art: "Der Job hat mir in dem Moment Spaß gemacht, als ich angefangen habe, auf die Schüler zu hören. Mich immer reinzuhören: Was wollen die eigentlich? Was wünschen die sich hier?"

Dieter Bachmann hatte seinen Lehrerjob schon einmal hingeschmissen, arbeitete unter anderem als Künstler, machte Musik und Steinskulpturen, aber das war ein letztlich einsamer Job, und so kam er fast durch Zufall zurück zum Lehrerdasein: "Irgendwann hatte ich den Mut, den Lehrer-Blaumann nicht anzuziehen, sondern als Dieter Bachmann in die Schule zu gehen. Ich erinnerte mich an die Lehrer, die ich selber hatte - ich wusste nie, was das für Menschen sind. Und das war auch so ein Baustein. Als ich den Mut hatte, mich zu zeigen, hatte das auch die Wirkung, dass auch die Schüler mutiger wurden, sich zu zeigen. Und sich dann untereinander erkennen zu geben", erinnert sich Bachmann.

Es ist das großartige Engagement dieses Lehrers und seiner Schülerinnen und Schüler, das zeigt, wie wichtig und wie anspruchsvoll Schule sein kann - und wie umwerfend dreieinhalb Stunden Schule im Kinosessel sein können.

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Herr Bachmann und seine Klasse

Genre:
Dokumentarfilm
Produktionsjahr:
2021
Produktionsland:
Deutschland
Regie:
Maria Speth
Länge:
217 Minuten
FSK:
ab 6 Jahre
Kinostart:
16. September

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 15.09.2021 | 07:20 Uhr

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