Schauspieler Michael Gwisdek am Set bei den Dreharbeiten zum Kinofilm "Kundschafter des Friedens", eine deutsch-deutsche Agentenkomödie. © picture alliance / dpa | Horst Galuschka

Zum 80. von Michael Gwisdek: Das Komödiantische im Tragischen

Stand: 15.01.2022 00:01 Uhr

In der DDR gehörte er zu den bekanntesten Schauspielern und nach der Wende begeisterte er das Publikum in der gesamten Bundesrepublik. Am 14. Januar wäre der im September 2020 gestorbene Schauspieler 80 Jahre alt geworden.

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von Axel Seitz

Ob der Silberne Hugo beim Filmfestival in Chicago, der Silberne Bär bei der Berlinale in Berlin oder der Goldene Ochse beim Filmkunstfest in Schwerin - Michael Gwisdek hat zahlreiche Preise gewonnen. Und das als Ost-Berliner bereits vor, aber vor allem nach dem Mauerfall.

Michael Gwisdek: Abenteuerlustig und humorvoll

Michael Gwisdek (l.) als Friedrich und Tom Schilling als Niko in einer Szene des Kinofilms "Oh Boy!". © picture alliance / dpa | X-Verleih
Michael Gwisdek (l.) als Friedrich und Tom Schilling als Niko in einer Szene des Kinofilms "Oh Boy!".

Beim Filmkunstfest MV war Michael Gwisdek gern gesehener Gast, besuchte mehrfach Schwerin und 2013 bekam er dann den Ehrenpreis - den Goldenen Ochsen. Bei seiner Dankesrede erinnerte sich der Schauspieler auch an einen Fallschirmsprung während des Filmkunstfestes einige Jahre zuvor:

"Ich bin heute glücklich, dass ich's überlebt habe, weil ich diesen Preis dadurch entgegennehmen kann. Und ich war nicht das letzte Mal in Schwerin, weil das für mich ein Ansporn ist. Ich mach weiter. Hier mache ich jetzt nicht weiter, ich höre auf, aber Filme kriegt dann noch en masse von mir."

Diesen Fallschirmsprung absolvierte Michael Gwisdek 1999 - da war er in Schwerin zu Gast mit dem Film "Nachtgestalten" von Andreas Dresen. Mit dieser Rolle eines Geschäftsmannes, der sich in Berlin unvorbereitet um einen angolanischen Flüchtlingsjungen kümmert, gewann Michael Gwisdek nicht nur mehrere Preise, sondern er wurde einem gesamtdeutschen Publikum bekannt. Dabei hatte er schon vor dem Mauerfall in den 80er-Jahren als Ostdeutscher im Westen unter anderem mit Hark Bohm und Bernhard Wicki gedreht:

Arbeit mit vielen Filmgrößen

"Einmal mit Bernhard Wicki drehen, dann weiß man: Das kann in diesem Leben nicht mehr getoppt werden. Weil so ein Wahnsinniger, der alles gibt, um einen außergewöhnlichen Film zu machen - sein eigenes Geld noch dazu - und dreht und macht, also da geht es bis an die Existenz. Und der beansprucht Schauspieler. Der hat uns bis an die Grenzen gebracht. Das war die schwerste und außergewöhnlichste Arbeit, die ich je gemacht habe. Dagegen war alles andere ein bisschen wie Urlaub - schöne Drehorte und alles wunderbar. Aber Wicky war das Härteste."

"Sansibar oder der letzte Grund" heißt diese gemeinsame Zusammenarbeit von 1987. Zu jenem Zeitpunkt war Michael Gwisdek bereits ein erfolgreicher Theaterschauspieler, zunächst am Städtischen Theater Karl-Marx-Stadt, später in Berlin an der Volksbühne und am Deutschen Theater. Und er drehte viel bei der DEFA, so "Der Tangospieler" nach der gleichnamigen Erzählung von Christoph Hein:

"Ich wette, du warst mindestens zwei Jahre nicht zu Hause." "Du bist gut unterrichtet. Ich habe die letzten zwei Jahre aus einer Blechschüssel gefressen und in einen Zelleneimer geschissen." "Und warum haben sie dich...?" "Eine gute Frage. Eigentlich bin ich nur deshalb ins Gefängnis gekommen, weil der Richter das so angeordnet hat." Filmzitat aus "Der Tangospieler"

 

Michael Gwisdek: Zeitlebens Komödiant

Michael Gwisdek sah sich zeitlebens als Komödiant, auch in ernsten Rollen: "Ja, bei mir sind alle Filme, die ich gemacht habe, natürlich immer mit komödiantischer Tendenz, weil ich meine, dass das sozusagen das Salz in der Suppe ist. Einen Film ohne Humor kann ich mir nicht vorstellen - auch wenn es dramatisch zugeht. Und darum ist das bei meinen Filmen immer so, dass beides, also Drama und Komödie, dicht beieinander liegt. Also geklaut bei Shakespeare sozusagen."

Michael Gwisdek war bis 2007 rund 22 Jahre lang mit der Schauspielerin Corinna Harfouch verheiratet. Ihr gemeinsamer Sohn Robert Gwisdek ist auch Schauspieler. Bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises 2013 waren beiden - Robert und Michael - in der Kategorie männliche Nebenrolle nominiert. Der Vater gewann für "Oh Boy" und bedankte sich mit einer Anekdote, wie er und sein Sohn einmal gemeinsam für eine Rolle probten: "Weißt du Papa, versuch' doch mal, nicht immer zu spielen, sondern denk doch mal nach. Und wenn du den Text begriffen hast, dann sagen ihn einfach."

Weitere Informationen
Michael Gwisdek © picture alliance/Jörg Carstensen/dpa Foto: Jörg Carstensen

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