Stand: 12.09.2019 16:55 Uhr

Jugenddrama: Vom Mobbing-Opfer zum Täter

Schwimmen
, Regie: Luzie Loose
Vorgestellt von Katja Nicodemus

Die 30-jährige Berliner Regisseurin Luzie Loose hat im vergangenen Jahr für ihr Regiedebut "Schwimmen" einen wahrhaft gewichtigen Preis gewonnen: den Hofer Goldpreis. Er besteht aus einem Goldbarren im Wert von 30.000 Euro und der einjährigen Betreuung durch einen gestandenen Regisseur - in diesem Fall Edgar Reitz. Jetzt kommt "Schwimmen" ins Kino.

Anthea (Lisa Vicari, links) und Elisa (Stephanie Amarell, rechts) sind beste Freundinnen.

Schon in den ersten Szenen dieses Films fühlt man sich auf sehr physische, intensive Weise an einen Ort versetzt: Die Straßen sind voll, die Menschen laufen, lachen, trinken und tanzen. Es ist der 1. Mai in Berlin, Kreuzberg. Mittendrin im Gewühl: die Schülerin Elisa, gespielt von Stephanie Amarell. Mit der alten Videokamera ihres Vaters filmt sie, was ihr über den Weg läuft.

Berührend zerbrechlich: Stephanie Amarell brilliert als Elisa

Elisa lebt gemeinsam mit ihrer Mutter in Berlin Neukölln. Gerade erst haben die beiden eine kleine Wohnung bezogen, nachdem der Vater die Familie und das gemeinsame Haus verlassen hat. Mit ihrer Mutter sprich Elisa so, wie man halt in diesem Alter spricht.

Der abwesende Vater. Ein Mädchen, das sich im Trennungsschmerz verkapselt. Auf berührende Weise verleiht Stephanie Amarell ihrer Figur eine introvertierte Präsenz und etwas Zerbrechliches. Immer wieder fällt Elisa in Ohnmacht, auf der Straße, in der Schule, in der Umkleidekabine des Schwimmbads. Dort nutzt eine Gruppe von Mitschülern die Situation aus. Sie öffnen den Bikini des Mädchens, machen mit dem Smartphone Fotos, die sie herumschicken.

"Schwimmen": Zwischen Mobbing und großer Freundschaft

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Elisa (Stephanie Amarell, links) taucht ein in das Nachtleben von Berlin.

Elisa wird gemobbt, weil sie ein bisschen anders ist. Das ist aber nur ein Handlungsstrang dieses vielschichtigen, sinnlichen, flirrenden Films über Jugend und Adoleszenz. Ein anderer erzählt von der Entstehung einer Freundschaft. In der Schule lernt Elisa Anthea kennen. Sie scheint in vielem ihr Gegenteil zu sein: groß, selbstbewusst, extrovertiert, amüsierentschlossen. Anthea träumt davon, Schauspielerin zu werden und Elisa filmt die kleinen Videos, mit denen sie sich bei Agenturen vorstellen will.

Generation Smartphone - ein Leben in Schnappschüssen

Man sticht sich Ohrringlöcher. Man geht aus. Das Smartphone ist immer dabei. Man ist, was man filmt - und filmt, was man ist. Regisseurin Luzie Loose gelingt es, das selbstverständliche Leben in und mit Bildern und Schnappschüssen zur Textur ihres Films zu machen. Mit Lisa Vicari in der Rolle der Anthea zieht eine große Energie in den Film ein. Diese halbwüchsige Berliner Göre weiß in jeder Situation zu bestehen. Wie kommt man nochmal in einen Club?

Eher zufällig entdecken Elisa und Anthea auch die Macht im Umgang mit den Bildern. Zunächst spielerisch filmen sie die Mitschüler, die Elisa mobben - und dann systematisch. Sie stellen peinliche Filmchen ins Netz, üben medialen Terror aus.

Die Kamera spielt im Film eine besondere Rolle

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Anthea sorgt für Aufregung in Elisas Leben.

Aber egal, was sie tun: Die Kamera ist Komplizin und Verbündete dieser Heldinnen. Sie folgt ihnen, oft aus nächster Nähe - und sucht dann wieder eine Distanz, die zum Lebensgefühl wird. Etwa wenn Elisa und Anthea mit Freunden einen Trip nehmen und die Bilder sich mit ihnen von der Welt loslösen.

In manchen Momenten hat man das Gefühl, diesen Mädchen gemeinsam mit der Kamera einfach ein Stück ihres Weges zu folgen. Beiläufig wird dieser Weg auch zur Entwicklung. Endlich kann sich Elisa gegenüber einem befreundeten Mitschüler öffnen.

"Schwimmen" handelt vom Erwachsenwerden. Vom Weg in eine Welt, der man sich noch nicht zugehörig fühlt. Das Schönste, was man über diesen Film sagen kann, ist, dass es ihm immer wieder auf grandiose Weise gelingt, gar nichts zu erzählen - sondern einfach mit seinen Heldinnen zu sein.

Schwimmen

Genre:
Drama
Produktionsjahr:
2019
Produktionsland:
Deutschland
Zusatzinfo:
mit Stephanie Amarell, Lisa Vicari, Alexandra Finder
Regie:
Luzie Loose
Länge:
102 Min.
FSK:
ab 12 Jahren
Kinostart:
12. September 2019

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Filme | 12.09.2019 | 07:20 Uhr

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