Stand: 06.03.2018 15:30 Uhr

"Lucky": Hommage an Harry Dean Stanton

Lucky
, Regie: John Carroll Lynch
Vorgestellt von Katja Nicodemus

Am 15. September des vergangenen Jahres starb der Schauspieler Harry Dean Stanton in Los Angeles. Er war einer der großen Nebendarsteller des amerikanischen Kinos. Nun kommt sein letzter Film in die Kinos: "Lucky" von John Carroll Lynch.

Großer Auftritt in seinem letzten Film

Dieser Film ist eine Liebeserklärung an einen Schauspieler, dessen Größe darin besteht, dass er nie groß sein wollte. Eine Hommage an Harry Dean Stanton, dessen zurückgenommene Männlichkeit auch Wim Wenders' Film "Paris Texas" prägte. Stanton war ein Bit-Player, ein Mann der kleinen, ja winzigen Rollen. In seinem letzten Film hat er jedoch einen großen Auftritt: Der Regisseur und Schauspieler John Caroll Lynch hat ihm viele Aphorismen und Sentenzen auf den hageren Leib geschrieben. Sätze, aus denen eine Demut gegenüber dem Dasein spricht.

Harry Dean Stanton spielt Lucky, einen Mann Ende 80. Irgendwo in der wüstenhaften Weite des amerikanischen Südwestens lebt er am Rande eines kleinen Ortes in seinem Haus. Am Morgen macht er seine Yoga-Übungen und am Abend geht er immer in die gleiche Bar. Dort trifft er seine Bekannten, etwa Howard, gespielt von David Lynch. Gerade ist Howards Lebenspartner entlaufen, eine Schildkröte namens "Roosevelt".

Ein amerikanisches Idyll

Bild vergrößern
Am Abend geht Lucky immer in die gleiche Bar. Dort trifft er seinen Bekannten Howard, gespielt von David Lynch.

Aufstehen, Kaffee kochen, Frühstück im Diner, Einkauf im Minisupermarkt einer warmherzigen Mexikanerin. Rückkehr nach Hause, Fernsehen, der abendliche Ausgang. Kaum haben wir uns in Luckys Tagesroutine eingegroovt, geschieht das Unerwartete, aber wohl Unausweichliche. Der alte Mann mit dem Cowboyhut und den Cowboystiefeln hat einen Schwächeanfall und landet im Krankenhaus. Sein Arzt findet offene Worte.

Man könnte sagen, dass hier ein amerikanisches Idyll gezeichnet wird. Es gibt keine wirklich unsympathischen Figuren in diesem Film. Es gibt kein Drama und keinen Konflikt. Dafür lernen wir Lucky in der Tiefe seines Daseins kennen. Wir erfahren, dass er schon lange alleine lebt. Dass er jeden Tag Quizshows schaut und danach mit einem Menschen telefoniert, von dem wir nichts weiter erfahren. Dass er am Vietnamkrieg teilgenommen hat. Dass er einmal geliebt hat. Dass er keine Anwälte mag. Und vor allem nicht diesen einen Anwalt, der gerade im Begriff ist, seinen Freund Howard abzuzocken. Dennoch respektiert Lucky ihn als Menschen - mit dem man eine Auseinandersetzung über Wortbedeutungen führen kann.

Das Porträt eines einfachen Mannes

John Carroll Lynchs Film ist das Porträt eines einfachen Mannes, der beginnt, sein Dasein zu hinterfragen. Er blickt seinem unausweichlichen Tod ins Auge. Und er bringt diese Erkenntnis mit in seine Lieblingsbar, wo seine Bekanntschaften ein wenig überfordert sind von der Tatsache.

Man könnte diesen Film als einen Song beschreiben. Als ein Lied auf einen Mann, der allein lebt, den Refrain jedoch mit seinen Mitmenschen singt. Auch ganz konkret und spontan auf dem Fest der mexikanischen Supermarktbesitzerin.

"Lucky" ist ein filmisches Geschenk. Man geht ein Stück des Weges mit einem Menschen. Man nimmt teil an seiner Welt. Man erlebt seinen Alltag, seine Tagesroutine, seinen Blick auf das Wüstenkaff und das Leben überhaupt. Die Tatsache, dass dies Harry Dean Stantons letzter Film ist, verleiht diesem wunderbaren Film eine große Melancholie.

Lucky

Genre:
Drama
Produktionsjahr:
2017
Produktionsland:
USA
Zusatzinfo:
mit Harry Dean Stanton, David Lynch, Ron Livingston
Regie:
John Carroll Lynch
Länge:
88 min
FSK:
ohne Altersbeschränkung
Kinostart:
8. März 2018

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Filme | 08.03.2018 | 07:20 Uhr

Weitere Neustarts der Woche

"Molly's Game": Thriller nach wahrer Begebenheit

Dank Jessica Chastains ausgezeichneter Darstellung wird die fast zweieinhalbstündige Pokerpartie in "Molly's Game - Alles auf eine Karte" keinen Moment lang langweilig. mehr

"Arthur & Claire": Zum Sterben nach Amsterdam

Trotz der tragischen Situation behalten die Figuren in "Arthur & Claire" eine Bodenständigkeit, die Witz mit Wahrhaftigkeit vereint. So hat Schwülstigkeit keine Chance. mehr

"Er Sie Ich": Zwei Menschen, zwei Wahrheiten

Die Dokumentarfilmerin Carlotta Kittel hat ihre Eltern nie zusammen erlebt. 25 Jahre nach der Trennung interviewt sie die beiden - es entsteht ein Gespräch, das nie stattgefunden hat. mehr

Mehr Kino

22 Kinofilme, die Sie ab Sommer sehen sollten

Die zweite Jahreshälfte im Kinosessel: Sandra Bullock plant Juwelenraub im großen Stil, Bradley Cooper singt mit Lady Gaga, Mogli erkundet den Dschungel und Ant-Man trifft The Wasp. mehr

Mehr Kultur

05:52
Kulturjournal
02:57
Hallo Niedersachsen

Deichbrand-Festival: 50.000 "Rocker" erwartet

19.07.2018 19:30 Uhr
Hallo Niedersachsen
00:29
Hamburg Journal

Bettina Bick in der kulturreich Galerie

19.07.2018 19:30 Uhr
Hamburg Journal