Szene mit einer Kuh auf einer Brücke aus dem Western "First Cow" von Kelly Reichardt © Allyson Riggs - A24 Films Foto: Allyson Riggs

"First Cow": Film über die Schönheit des Zusammenhaltens

Stand: 19.11.2021 16:24 Uhr

Der Film "First Cow" ist ein ungewöhnlicher Western. US-Regisseurin Kelly Reichardt inszeniert einen wunderbaren Film über den Trost, den Freundschaft in der Fremde verleihen kann.

Szene aus dem Western "First Cow" von Kelly Reichardt © Allyson Riggs - A24 Films Foto: Allyson Riggs
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von Katja Nicodemus

Orion Lee und John Magaro spielen zwei Einwanderer in Nordamerika: einen chinesischen Seemann und einen jungen Mann aus Osteuropa, die sich im Wilden Westen wiederfinden - der hier gar nicht so wild ist. Aus den Farben von Kelly Reichardts Film spricht eine naturhafte Sinnlichkeit. Hier ist alles Schlamm, Wald, Holz, Blätter. Während des Goldrauschs in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist ein junger Mann in der Wildnis von Oregon unterwegs. Als Koch begleitet Cookie eine Gruppe rauer Pelztierjäger. Er ist ein zurückhaltender, stiller Kerl - seine saufenden Kameraden hingegen streiten und schlagen sich. Diese Welt ist unwirtlich, und der Koch findet in den feuchten Mammuturwäldern wenig Nahrung zum Zubereiten. Als Cookie im Dickicht vorsichtig nach Pilzen späht, gewahrt er einen splitternackten Mann mit asiatischen Zügen. Er werde gejagt, weil er einen Mann bei einem Schusswechsel erschossen habe, sagt der Nackte im Versteck. Der Name des Chinesen ist King Liu. Cookie wird ihm Kleidung und einen Schlafplatz besorgen.

Beginn einer Freundschaft zwischen Cookie und King Liu

Die Handlung springt zu einem jener Orte, an denen der amerikanische Einwanderermythos begann: In einer improvisierten Siedlung mit schlammigen Wegen finden sich Gold- und Glückssucher zusammen. Rund um ein zusammengezimmertes Fort haben sich Bretterbuden gruppiert. Feuerholz wird transportiert, Fische werden getrocknet, ein Schwein wird zum Schlachten getragen. Sogar ein rudimentärer Saloon ist vorhanden. Es gibt alles, was die verfrorenen Pioniere brauchen: eine Holztheke, Tische, Flaschen.

Hier begegnen wir Cookie wieder, der sich inzwischen von den Jägern getrennt hat. Eine kurze Einstellung genügt der Regisseurin Kelly Reichardt, um das sanftmütige Wesen dieses Mannes auf den Punkt zu bringen. Während draußen ein Mann in eine Schlägerei verwickelt ist, kümmert sich Cookie drinnen um dessen Baby.

Im Saloon entdeckt Cookie plötzlich King-Liu. Aufmerksam begleitet die Kamera die Wiederbegegnung zweier Wahlverwandter. Cookie zieht zu dem Chinesen in dessen neue Bleibe. Eigentlich ist es nur ein Bretterverschlag. Aber die beiden Männer richten ihn her und richten sich ein. Wir sehen ein Leben zwischen Freundschaft, Alltag und Sehnsucht. Und eine sanfte Umdeutung der Männerbilder des Westerngenres. Beim Nüsseknacken wird über Geschäftsmodelle sinniert. Wie wäre es mit einer Bäckerei in San Francisco? Oder einem anderen Zukunftsprojekt?

Heimlich melken Diebe die einzige Kuh weit und breit

Zwei ungleiche Freunde gründen ein GEschäftsmodell im 19. Jahrhundert - Szene aus dem Western "First Cow" von Kelly Reichardt © Allyson Riggs - A24 Films Foto: Allyson Riggs
Geschäftspartner und Freunde: Cookie und King-Liu wollen einen Bäckereibetrieb öffnen.

Zufällig entdecken Cookie und King-Liu eine Geldquelle, die auch nicht zu den Männerwelten des Western passen will: Der schüchterne Koch und sein geschäftstüchtiger Freund eröffnen einen winzigen Bäckereibetrieb. Für ihre honigsüßen Kekse werden sie zu Dieben. Heimlich melken die beiden nachts die weit und breit einzige Kuh im Besitz eines Geschäftsmannes. Auch gegenüber dem Tier wahrt Cookie Umgangsformen und bezeugt der Kuh sein Beileid, da sie ihren Ehemann, den Bullen, auf dem langen Transport verloren habe.

Die kleine Keksproduktion verleiht dem verlotterten Goldgräberdorf einen Hauch von Kulinarik und Raffinement. Und die Siedler geraten angesichts des süßen Gebäcks ins Schwärmen.

"First Cow": Zwei Pioniere kämpfen mit bodenständigen Problemen

"First Cow" ist ein Gegenentwurf zum Mythos der unbegrenzten Möglichkeiten. Hier nutzen zwei Pioniere auf gewitzte Weise einen begrenzten Spielraum. Vor der ruhig beobachtenden Kamera entfaltet sich die Frühform einer Gesellschaft als Sprachen- und Menschengewirr in einem anarchischen Raum, der sich bereits durch Kapitalismus und Klassengegensätze strukturiert.

Für die Helden gilt es, bodenständige Probleme zu lösen: Wie baut man einen Schneebesen aus Ästchen? Wie backt man Kekse ohne Ofen? Wie melkt man eine Kuh im Dunkeln? "First Cow" ist auch ein Film über platonische Liebe. Über die schlichte Schönheit des Zusammenhaltens im Aufgeschmissensein. Über den Trost, den die Freundschaft in der Fremde verleihen kann.

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First Cow

Genre:
Drama
Produktionsjahr:
2019
Produktionsland:
USA
Zusatzinfo:
Unter anderem mit Orion Lee und John Magaro.
Regie:
Kelly Reichardt
FSK:
ab 6 Jahren
Kinostart:
18. November 2021

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Filme | 18.11.2021 | 07:20 Uhr

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