Eine Szene mit Schauspieler Ricardo Darín als Staatsanwalt Julio Strassera in "Argentina, 1985" © Argentina 1985 / Amazon Studios / La Unión de los Rios / Kenya Films / Infinity Hill / Lina-Etchesuri Foto: Lina-Etchesuri
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"Argentina, 1985" holt Oscar Nominierung: Worum geht's im Film?

Stand: 25.01.2023 15:00 Uhr

Santiago Mitre hat in seiner Heimat Rekorde mit seinem Justizdrama "Argentina, 1985" gebrochen. Der Film mit Ricardo Darín holte einen Golden Globe und hofft nun auf einen Oscar als bester internationaler Film.

von Patricia Batlle

"Argentina, 1985" ist Mitres siebter Spielfilm - ein 140-minütiger Politthriller mit dem 65-jährigen Schauspielstar Ricardo Darín ("In ihren Augen") ist auf der Streamingplattform Amazon zu sehen. Im Herbst 2022 lief er beim Filmfest Hamburg.

Regisseur Santiago Mitre (links) und Schauspieler Ricardo Darín holten einen Golden Globe für "Argentina, 1985" © Chris Pizzello/Invision/AP/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ Foto:  Chris Pizzello
Regisseur Santiago Mitre (links) und Schauspieler Ricardo Darín bei der Dankesrede für den Golden Globe als bester nicht-englischsprachiger Film in Hollywood.

140 Minuten voller Spannung - basierend auf wahrer Geschichte und zum Teil gedreht an den historischen Orten des Geschehens - und auch Humor, die den Chefankläger Julio Strassera (Darín) dabei begleiten, wie er die Angehörigen der argentinischen Militärjunten von 1976 bis 1983 verklagt.

"Argentina, 1985" - Oscar nominierte Hoffnung aus Argentinien

Der argentinische Regisseur Santiago Mitre vor dem Abaton Kino vor der Vorführung seines Filmes "Argentina, 1985" beim Filmfest Hamburg © Michael Kottmeier
Der 41-jährige argentinische Regisseur Santiago Mitre hat sein Justizdrama "Argentina, 1985" beim Filmfest Hamburg vorgestellt und lange mit dem Publikum im Abaton Kino gesprochen.

Im Herbst feierte "Argentina, 1985" - eine Koproduktion zwischen Argentinien und USA - Weltpremiere im Wettbewerb beim Filmfest Venedig und lief danach auf Festivals in Spanien, England und der Schweiz. In Argentinien war er der größte Kassenhit des Jahres, obwohl er fast nur in Programmkinos lief. In vielen Ländern Südamerikas, in England und den USA wurde er in ausgewählten Kinos gezeigt.

Nun ist er weltweit auf Amazon zu sehen - und hat mit dem populären Schauspieler Darín gute Chancen auf den Oscar als bester internationaler Film. Er ist seit dem 24. Januar nominiert in dieser Kategorie und hat bereits den Golden Globe für den besten fremdsprachigen Film erhalten: "Das macht uns natürlich Hoffnung, dass ihn so mehr Menschen sehen werden und mehr über die Dinge erfahren, von denen der Film erzählt," sagte Regisseur Santiago Mitre im Gespräch nach der Vorstellung seines Filmes in Hamburg gegenüber NDR Kultur. Er war zum zweiten Mal beim Filmfest Hamburg, um eine eigene Produktion vorzustellen. "Das erste Mal war ich 2011 hier - mit meinem ersten Film 'El estudiante'. Ich komme auch aus einer Hafenstadt und finde die Hafenstadt Hamburg sehr schön", so Mitre.

Inhalt: Staatsanwalt Julio Strassera verklagt argentinische Militärjunta

Schätzungen zufolge verschwanden in Argentinien Zehntausende Männer und Frauen während der siebenjährigen Diktatur unter dem damaligen argentinischen Machthaber General Jorge Videla und Admiral Emilio Massera.

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Eine Szene mit Schauspieler Ricardo Darín als Staatsanwalt Julio Strassera in "Argentina, 1985" © Argentina 1985 / Amazon Studios / La Unión de los Rios / Kenya Films / Infinity Hill / Lina-Etchesuri Foto: Lina-Etchesuri
Ricardo Darín hat die Hauptrolle gespielt, war von Anfang an beim Projekt dabei - und hat den Film mit produziert.

Staatsanwalt Julio Strassera und sein junger Kollege Luis Moreno Ocampo müssen ein junges Team zusammenstellen, um Beweise und Zeugenaussagen gegen die Generäle zu beschaffen. Die Zeit arbeitet gegen sie - und zum Teil werden sie bedroht. "Als wir mit der Vorbereitung für unseren Film begonnen haben, mussten wir erst evaluieren, wie viel man in Argentinien noch vom Gerichtsverfahren von 1985 wusste. Woran sich die Leute heute noch erinnerten. Wir haben festgestellt: sehr wenig. Selbst aus der heutigen Welt der Justiz kam wenig Resonanz," erzählt Regisseur und Drehbuchautor Santiago Mitre.

Man erinnerte sich mehr an den Ausgang des Prozesses, als an den Mann Strassera und "sein Plädoyer für die Gerechtigkeit, für die Demokratie und gegen die Gewalt als Methode, um Konflikte zu lösen. Also wussten wir, wir durften kaum etwas voraussetzen." Dieser Teil der Justizgeschichte, so wichtig für die heutige Demokratie in Argentinien, werde im Geschichtsunterricht kaum behandelt. "Aber mit diesem Film erinnern sich viele an die Geschehnisse von 1985. Es ist nur so viel Zeit seitdem vergangen."

Santiago Mitre: "Ein weltweit einzigartiger Fall"

Eine Szene mit Ricardo Darín als Staatsanwalt Julio Strassera und Juan Pedro Lanzani als Luis Moreno  in "Argentina, 1985" © Argentina 1985 / Amazon Studios / La Unión de los Rios / Kenya Films / Infinity Hill / Lina-Etchesuri Foto: Lina-Etchesuri
Ricardo Darín (r.) und Juan Pedro Lanzani spielen das ungleiche Anwaltsduo gegen neun Generäle der Militardiktatur vor Gericht.

Dieser Justizfall habe viele Besonderheiten: "Es ist ein weltweit einzigartiger Fall. Es ist das einzige Mal, in dem die demokratischen und zivilen Institutionen eines Landes eine Diktatur verurteilt haben." Es habe zwar ähnliche Fälle gegeben, "aber mit anderen Vorzeichen, etwa die Nürnberger Prozesse. Aber dort haben die Sieger des Krieges die Anklagen geführt." Vor 1985 habe kein ziviles Gericht ein Verfahren gegen eine Diktatur geführt.

"Das war entscheidend für den Aufbau der neuen Demokratie in Argentinien. Dieses Gerichtsverfahren hat neun Generäle der argentinischen Militärdiktatur auf die Anklagebank gesetzt. Wer auch immer auf Seite der Staatsanwaltschaft am Verfahren teilgenommen hat, wurde damals bedroht."

Kollektives Erinnern der Gesellschaft stärken

Glücklicherweise konnte der Prozess damals durchgeführt werden, erzählt Mitre. Daraus seien Verurteilungen resultiert: "Bis zum heutigen Tag gibt es weitere Prozesse gegen etwa 1.000 Personen aus dem Militär und Kollaborateuren. Das ist wichtig für das Erinnern. Ich hoffe, dieser Film dient auch dazu, die kollektive Erinnerung zu stärken. Das ist sehr wichtig, damit Gesellschaften nicht in alte Muster oder alte Fehler verfallen."

Der argentinische Regisseur Santiago Mitre (r.) mit seinem Hauptdarsteller Ricardo Darín bei der Vorstellung seines Filmes "Argentina, 1985" beim Filmfest Venedig © AGF Editorial AGF imago images/AGF/Maria Laura Ant Foto: Maria Laura Antonelli
Ricardo Darín (links) und Regisseur Santiago Mitre stellen das Justizdrama bei den Festspielen Venedig vor.

Der Kinofilm setzt nicht nur auf die spannende Szenen vor Gericht und folgt klassischen Mustern des Justizthrillers. So gibt es bewegende Aussagen der überlebenden Opfer und dann, Wort für Wort, die finale brillante Rede Strasseras als Staatsanwalt, gedreht im damaligen Verhandlungssaal von 1985. Er setzt auch auf humorvolle Dialoge aus der Familie Strasseras, der mit seiner Frau, seinem Sohn und seiner Tochter im Teenageralter scherzte. Eine Komik, die laut Regisseur Mitre Strassera auch gehabt habe.

Abschließend erzählt er, wie Star Ricardo Darín während der Dreharbeiten einmal in Kostüm und Maske als Julio Strassera auf der Straße geraucht, als ihn jemand älteres angesprochen habe. Diese Person habe viele Jahre mit dem damaligen Staatsanwalt zusammengearbeitet, so Mitre. Der Zeitzeuge habe Darín erstaunt erzählt: "Sie sehen ihm gar nicht ähnlich. Aber Sie sind genauso, wie er!"

Drehbuch: Santiago Mitre, Mariano Llinás. Darstellerinnen: Ricardo Darín, Peter Lanzani, Alejandra Flechner, Norman Briski

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 24.01.2023 | 16:40 Uhr

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