Buchcover: Jutta Voigt - Wilde Mutter, ferner Vater © Aufbau Verlag

"Wilde Mutter, ferner Vater": Berührende Zeit- und Familiengeschichte

Stand: 05.09.2022 06:00 Uhr

Trotz Kritik ist Voigts Buch eine sehr lohnende Lektüre. Es ist berührende Zeit- und Familiengeschichte und nicht zuletzt auch eine Liebeserklärung an die Stadt Berlin.

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von Katja Eßbach

Die Journalistin Jutta Voigt arbeitete in der DDR viele Jahre bei der Zeitschrift "Sonntag", die man nicht abonnieren, sondern deren Abos man nur erben konnte. Dort hat sie Reportagen und Filmkritiken geschrieben, sie beherrschte die Kunst des Zwischen-den-Zeilen-Schreibens perfekt. Nach der Wende arbeitete sie unter anderem bei der "Wochenpost" und der "Zeit". Außerdem veröffentlichte sie bereits mehrere Bücher. Das neue erzählt sehr persönlich über ihr Leben in der DDR, ihre Familie und vor allem über ihre Eltern.

Traumatische Kriegserfahrungen

Die Eltern von Judy, so nennt sich Jutta Voigt in ihrem Buch, sind Teenager, als sie sich beim Tanzen kennenlernen. Es ist Krieg. Margit, die Mutter, verliebt sich in die blauen Augen von Willi. Sie tanzen Foxtrott und wäre es nicht 1940, hätten sie ihre ganze Jugend noch vor sich.

Je älter Judy war, desto größer wurde ihr Mitleid mit den Eltern, diesen beiden Achtzehnjährigen, denen der Lauf der Geschichte ihre Jugend stahl, sie hatten nur ein halbes Leben. Manchmal ist ihr, als wären Margit und Willi die um ihr Leben betrogenen Kinder und sie, Judy, ihre Mutter. Leseprobe

Als Willi dann einberufen wird, ist Margit schon schwanger. Und für Willi wird der Krieg so traumatisch, dass er sein kurzes Leben lang immer mit den Erinnerungen daran kämpfen wird. Trotz akzeptabler Nachkriegskarriere wird er dem Alkohol verfallen. Posttraumatische Belastungsstörungen diagnostizierte damals kein Arzt und niemand konnte Willi helfen. Für die Mutter aber bedeutet die neue Zeit Aufbruch und Neuerfindung.

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Jutta Voigt: Wichtige Stimme in der Debatte über Ostdeutschland

Jutta Voigt war eine bekannte Feuilletonistin in der DDR und seit der Wende ist sie eine wichtige Stimme in der Debatte über Ostdeutschland. In diese hat sie sich vor allem über Zeitungsartikel und ihre Bücher eingebracht. Sie veröffentlichte unter anderem Erinnerungen an die Boheme und den Geschmack des Ostens. Der Osten ist ihr Leben und ihr Ding. Darüber schreibt sie auch in ihrem neuen Buch. Über die harten, aber auch hoffnungsvollen Nachkriegsjahre in der frühen DDR. Und über ihre Anfänge als Journalistin bei der Zeitschrift "Sonntag", einer publizistischen Nische.

Man siezte sich beim "Sonntag", das forsche Genossen-Du passte nicht zu ihnen; sie wollten anders links sein. Ab und an konnten sie sich sogar als Helden fühlen, wenn zwischen den Zeilen die Realität aufschien und ausgehungerte Leser Solidaritätsadressen sandten. Leseprobe

"Wilde Mutter, ferner Vater": Sehr lohnende Lektüre

Jutta Voigts Buch "Wilde Mutter, ferner Vater" hinterlässt manchmal einen leicht zwiespältigen Eindruck. Einerseits schreibt die Autorin, vor allem in den Kapiteln über ihre Eltern, sehr einfühlsam. Wenn sie über die Traumata und Verletzungen durch den Krieg erzählt, geht das sehr zu Herzen. Andererseits hat sie einen Hang zur sprachlichen Selbstverliebtheit und zur Verklärung der Vergangenheit, vor allem ihrer eigenen in der DDR. Dabei lässt sie außer Acht, dass sie damals ein sehr privilegiertes Leben führte, als Teil der Berliner Künstlerboheme, in die sie ihr Mann einführte, den sie im Buch Henry nennt:

Henry zeigte Judy ein Milieu, das sein Milieu war und mit überwältigender Wucht über sie hereinbrach. Da war das grau glitzernde Brecht-Theater am Schiffbauerdamm, da war die von Helene Weigel eingerichtete Theaterkantine mit den Durchsagen für die Schauspieler, die unaufhörlich Witze erzählten. Leseprobe

Trotz Kritik ist Voigts Buch eine sehr lohnende Lektüre. Es ist berührende Zeit- und Familiengeschichte und nicht zuletzt auch eine Liebeserklärung an die Stadt Berlin. Jutta Voigts Heimatstadt, die sie wahrscheinlich ähnlich heftig liebt wie den Osten.

Wilde Mutter, ferner Vater

von Jutta Voigt
Seitenzahl:
256 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Aufbau
Bestellnummer:
978-3-351-03799-4
Preis:
22 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 05.09.2022 | 12:40 Uhr

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