Buchcover: Ian McEwan - Lektionen © Diogenes Verlag
Buchcover: Ian McEwan - Lektionen © Diogenes Verlag
Buchcover: Ian McEwan - Lektionen © Diogenes Verlag
AUDIO: Ian McEwan geht in "Lektionen" vielen Lebensfragen nach (5 Min)

"Lektionen": Ian McEwan fragt, was uns im Leben prägt

Stand: 02.10.2022 11:12 Uhr

Ian McEwan ist einer der bekanntesten und wichtigsten englischen Schriftsteller der Gegenwart. Wie in vielen seiner Bücher geht es auch im großartigen Roman "Lektionen" um komplexe moralische Fragen.

von Andrea Gerk

Oberflächlich betrachtet erzählt Ian McEwan in "Lektionen" eine fast unspektakuläre Lebensgeschichte: Roland Baines ist ein alleinerziehender Vater, der sich als Barpianist, Tennisspieler und Gelegenheitsautor durchschlägt. Es ist das Jahr 1986: Roland ist gerade von seiner Frau Alissa verlassen worden. Während die Nachrichten den Reaktorunfall in Tschernobyl melden, sitzt Roland mit dem sieben Monate alten Lawrence in London, bekommt Angst und fängt an, sein Leben zu hinterfragen:

Von der Türschwelle aus wirkte für Roland alles wie zufällig, fast, als wäre er von einem vergessenen Ort in diese Umstände hineinversetzt worden, in ein von jemand anderem hinterlassenes Leben; nichts davon hatte er selbst gewählt. Das Haus, das er nie kaufen wollte und sich nicht leisten konnte. Das Kind in seinen Armen, von dem er nie angenommen hatte, dass er es einmal lieben und brauchen würde. Leseprobe

Ian McEwans Roman "Lektionen": Story über Liebe und Missbrauch

Bald erfährt man, was Roland noch alles nie selbst gewählt und was ihn doch für sein ganzes Leben geprägt hat. So haben ihn seine Eltern - der Vater war in Libyen stationiert - Ende der 50er-Jahre auf ein englisches Internat geschickt. Eine Begegnung mit seiner Klavierlehrerin Miriam Cornell entwickelt sich zu einer Missbrauchs-, aber auch zu einer Liebesgeschichte, die ihn sehr viel stärker beeinflusst, als er sich später eingestehen will.

Weitere Informationen
Maja Göpel © picture alliance / photothek Foto: Thomas Koehler

Harbour Front Literaturfestival: Große Namen, aber auch Absagen

110 Gäste werden erwartet, darunter Maja Göpel, Ian McEwan und Richard Ford. Es gibt auch Kritik am Festival. Ein Gespräch. mehr

Was prägt uns Menschen?

Wie in den meisten von McEwans Romanen geht es auch in "Lektionen" um komplexe moralische Fragen. Wie sie unter anderem die Missbrauchsgeschichte und der Weggang von Rolands Frau Alissa, die ihn und das Baby verlässt um Schriftstellerin zu werden, aufwerfen.

Als Alissa tatsächlich zu einer der bedeutendsten Autorinnen ihrer Zeit wird, fragt sich Roland aufrichtig, ob der Verlust und der Schmerz es wert waren, wenn dafür ein solches Werk entstehen konnte. Als Leser fragt man sich, ob nicht das letztlich unbedeutende Leben von Roland - der anders als Alissa von einer großen Familie mit Stiefkindern und Enkeln umgeben ist - das geglücktere?

Was Menschen prägt, betrachtet McEwan sowohl im ganz intimen Sinne, als auch im Hinblick darauf wie sich globale, historische Ereignisse in die Biografie des Einzelnen einschreiben. Wenn Roland sich wenige Tage nach dem Mauerfall in Berlin, wo er Jahre zuvor mit einer Ostberliner Familie eng befreundet war, von der begeisterten Menge mitreißen lässt:

Bei seinen Grenzübertritten Ende der Siebziger hätte er so etwas für unmöglich gehalten, eine Szene von solch grenzenloser Bedeutung, solchem symbolischen Gewicht - die zudem von einer wohlwollenden Menge bestimmt wurde. Sie alle erschufen - er erschuf - diesen Moment. Hier zu sein, über verbotenes Militärgelände zu laufen, war so außergewöhnlich, wie auf dem Mond zu stehen. Jeder spürte es. Leseprobe

"Lektionen": Ian McEwan verwebt eigenes Leben mit fiktiver Biografie

Doch Gefühle sind vergänglich und auch davon erzählt dieser großartige Roman. Roland heiratet noch einmal - seine beste Freundin Daphne, die viel zu früh sterben wird. Und er trifft einen verschwiegenen Bruder, den seine Eltern, die vor der Ehe eine verbotenen Affäre hatten, als Baby weggegeben haben. So wie Ian McEwan es selbst erlebt hat. Überhaupt verwebt er so einiges aus seinem eigenen Leben: die Kindheit in Libyen und im Internat, das Nachdenken über Literatur und deren Bedeutung - mit einer fiktiven Biografie, einem Leben, wie es hätte sein können. Wobei der Möglichkeitssinn ohnehin das ganze Buch trägt.

Wie - nach welcher Logik, welcher Motivation oder infolge welch hilfloser Kapitulation - waren wir alle, Stunde um Stunde, innerhalb einer Generation vom erregenden Optimismus des Berliner Mauerfalls zum Sturm auf das US-Kapitol gelangt. Er hatte das Jahr 1989 für ein Portal, einen Torbogen gehalten, eine weite Öffnung hin zur Zukunft, durch die alle strömen würden. Dabei war es nur ein Höhepunkt, ein kurzer Ausschlag nach oben gewesen. Längst wurden von Jerusalem bis Mexiko wieder Mauern hochgezogen. So viele vergessene Lektionen. Leseprobe

Und so träumt der betagte Roland von einem Buch mit 100 Kapiteln: einem für jedes Jahr, eine Geschichte des 21. Jahrhunderts, die ihn - bevor er sterben wird - erfahren lässt, wie es weitergehen wird mit uns, ob der Optimismus oder der Pessimismus recht behalten wird.

Als Leser wünscht man sich spätestens da, dass es weitergehen möge mit diesem Roland Baines, in dessen seltsames Leben Ian McEwan einen so intensiv hineingezogen hat. Mit all den kleinen und großen Fragen, die er aufgeworfen hat und denen man gerne noch viel länger nachgegangen wäre.

Lektionen

von Ian McEwan
Seitenzahl:
720 Seiten
Genre:
Roman
Zusatzinfo:
Aus dem Englischen von Bernhard Robben
Verlag:
Diogenes
Bestellnummer:
978-3-257-07213-6
Preis:
32 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 30.09.2022 | 12:40 Uhr

Schlagwörter zu diesem Artikel

Romane

Ein Bücherstapel liegt auf einem Holztisch vor einer farbigen Wand. © IMAGO / Shotshop

Neue Bücher 2022: Die spannendsten Neuerscheinungen

Viele aufregende Bücher erscheinen dieses Jahr. Etwa von Heinz Strunk, Yasmina Reza, Ralf Rothmann und Isabel Allende. mehr

Die Autorin Kristine Bilkau im Porträt © Thorsten Kirves Foto: Thorsten Kirves

Deutscher Buchpreis: Norddeutsche Kristine Bilkau auf der Shortlist

Die in Hamburg geborene und mittlerweile in Schleswig-Holstein lebende Autorin steht mit ihrem Buch "Nebenan" auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. mehr

Logo vom Podcast "eat.READ.sleep" © NDR/istockphoto.com Foto: Natee Meepian

Podcast: eat.READ.sleep. Bücher für dich

Mit dem Podcast eat.READ.sleep geben wir Tipps, Interviews mit Büchermenschen, Fun Facts und Besonderes für den Gaumen. mehr

Mehr Kultur

Geschenke auf einem Buch. © picture alliance / Zoonar | Oleksandr Latkun

Buchtipps für Weihnachten: Geschenkideen zum Fest

Wer Bücher verschenkt, der sagt: Ich halte Dich für einen klugen Menschen, der gern liest. Und das ist schon mal für sich ein Kompliment. mehr