Cover von Sven Regeners "Glitterschnitter" © Galiani

"Glitterschnitter" von Sven Regener: Ohne Liebe geht es nicht

Stand: 08.09.2021 10:02 Uhr

Nachdem 2020 die Konzerte mit Element of Crime ausfallen mussten, dachte sich Sven Regener: "Man könnte auch ebenso gut ein neues Buch schreiben". "Glitterschnitter" ist nun sein sechster Roman.

von Alexander Solloch

Wenn man sich dem frühen "Element of Crime"-Song "Don’t you ever come back" anstelle des jaulenden Sven Regener eine Bohrmaschine vorstellt, dann dürfte man in etwa den Klang von "Glitterschnitter" im Ohr haben. "Glitterschnitter“, das ist das neueste heiße Zeug in der Kreuzberger Künstler- und Quatschkopf-Welt rund um die Arsch-Art-Galerie und das Café Einfall, in dem ein gewisser Frank Lehmann sich so langsam von der Putz- zur Tresenkraft hocharbeitet.

"Glitterschnitter" auf ihrem Weg zur "Wall City Noise"

Dezember 1980: Raimund, Ferdi und Charlie, die drei von "Glitterschnitter", haben Großes vor. Sie wollen mit ihrer eben gegründeten Band eingeladen werden zur Kunstmesse "Wall City Noise".

Wenn die Trommeln sprechen, schweigt der Kummer, hatte sein Schlagzeuglehrer immer gesagt, das hatte damals gestimmt, und es stimmte auch heute, wie schön, dass manche Dinge immer gleich bleiben, dachte Raimund, während er über die Becken hinweg Ferdi dabei zuschaute, wie der mit spitzen Fingern irgendwelche Knöpfe an seinem Synthesizer drehte. Etwas weiter rechts drückte Charlie die Hilti-Bohrmaschine, auf die er sehr stolz war und von der Raimund vermutete, dass er sie irgendwo geklaut hatte, mit voller Kraft in den Betonklotz, und nun war ordentlich Lärm, das nahm Raimund jedenfalls an, denn wenn er spielte, hörte er nur sein Schlagzeug, weil er nun einmal eine Art Tunnelgehör hatte. Leseprobe

Woraus sich die komplizierte Frage ergibt: Wer darf lauter sein bei "Glitterschnitter", Schlagzeuger Raimund oder Bohrmaschinist Karl Schmidt? Dieses Problem allein könnte ein professioneller Gedanken-vom-Kopf-auf-den-Fuß-Steller wie Sven Regener zweifellos abendfüllend und sehr lustig abhandeln, aber er webt noch viele andere Konflikte in den Erzählstoff ein: Auch H.R. (Heinz-Rüdiger) will zur "Wall City", und dort unbedingt - aber gegen den verzweifelten Widerstand seines Managers - eine IKEA-Musterwohnung aufbauen.

Ein Roman wie eine Sitcom

P. Immel und Kacki von der ArschArt-Galerie wiederum müssen es irgendwie schaffen, erst H.R.s Aufmerksamkeit und dann einen Teil seines Geldes zu erlangen, um aus ihrer Pleitekneipe "Intimfrisur" ein Wiener Kaffeehaus machen zu können. Shakespearesker Verrat und überbordender Österreich-Patriotismus stellen ihnen dabei viele Beine. Nebenan, im Café Einfall, ringt unterdessen Frank Lehmann um seine berufliche Zukunft, in der Kondensmilch keine so große Rolle mehr spielen sollte.

Es wird Zeit, dass hier ein neuer Geist und eine neue Milch einkehrt, dachte Frank, sonst ist die Frühschicht bald Geschichte. Leseprobe

Und das darf sie nicht werden, weil es da ja noch die sehr interessante Nichte des Kneipenbesitzers Erwin gibt, Chrissie, die sich ihrerseits von ihrer Mutter zu emanzipieren versucht; und der große Bruder, um dessen Willen Frank ja überhaupt erst von Bremen nach West-Berlin gefahren ist, meldet sich auch kurz zu Wort in diesem Roman, der - nach Art einer riesigen Sitcom - aus einem guten Dutzend Perspektiven erzählt ist, 15 Stimmen, die sich aber alle irgendwie aufeinander beziehen.

Ich komme mit dem Romanschreiben nur klar, wenn letztendlich doch eigentlich jede dieser Romanfiguren - auch die Frauen, alt, jung, ganz egal, auch die Supermarkt-Kassiererin, die da vorkommt - eigentlich auch so eine Art Spinoff von mir selber sind, wie wenn man sich selber in 15 verschiedene Persönlichkeiten aufspaltet. Diesen ganzen Quatsch hat man ja auch irgendwann gemacht. Es ist ja nicht so, dass man das von außen sieht und sagt, guckt mal, die Doofen, sondern man lacht ja nur über sich selbst, also ich jedenfalls. Das sind zwar künstlich geschaffene Figuren, aber ich habe sie trotzdem lieb, die bedeuten mir was, wahrscheinlich, weil sie einfach Teil meines Lebens sind und mein Leben erzählen. Sven Regener über sein Buch

Wenn die Trommeln sprechen, schweigt der Kummer

Ohne Liebe geht es nicht - das ist die Grundmelodie dieses wunderbaren Romans: ohne Liebe kriegt "Glitterschnitter" nicht den richtigen Bohrmaschinen-Sound, ohne Liebe wird Frank Lehmann die Milch nicht gut aufschäumen, und ohne Liebe ließe sich von all diesen herrlichen Kapeiken und ihren momentweise weltbewegenden Aktivitäten nicht so hinreißend komisch erzählen. Wenn die Trommeln sprechen - und der Regener schreibt -, dann schweigt der Kummer.

"So sieht's jedenfalls aus!", sagte Klaus am Ende seiner langen Ansprache, und dann bekräftigte er noch einmal: "So sieht's jedenfalls aus!" -"Wie sieht's aus?", sagte Erwin - nicht etwa, weil er nicht verstanden hätte, was Klaus meinte oder wie’s aussah oder was auch immer, sondern um ihn noch ein bisschen laufen zu lassen, den guten alten Klaus, denn das hier war, soviel war mal klar, Klaus' letzter Tango im Café Einfall, und Erwin wollte die Sache noch ein bisschen genießen, gleich sag' ich's, dachte er, gleich sag' ich's.
"Ich sag' dir, wie's aussieht", sagte Klaus und hob einen Finger und stach damit durch die Luft in Richtung Erwin. "Ich sag's dir!"
"Ja, nun sag's aber auch."
"Habe ich eigentlich aber eben schon." Leseprobe

 

Glitterschnitter

von Sven Regener
Seitenzahl:
480 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Galiani-Berlin
Veröffentlichungsdatum:
09. September 2021
Bestellnummer:
978-3-86971-234-5
Preis:
24,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 08.09.2021 | 12:40 Uhr

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Romane

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