Thomas Kunst: "Zandschower Klinken" © Suhrkamp

Thomas Kunst: "Zandschower Klinken"

Stand: 05.03.2021 13:43 Uhr

Der gebürtige Stralsunder zog in den 1980er-Jahren nach Leipzig, tauchte dort in die Literaturszene ein und gab mit dem Autor Lutz Seiler eine - inoffizielle - Literaturzeitschrift heraus.

von Matthias Schümann

Seitdem hat er nicht mehr aufgehört zu schreiben. Vor drei Jahren ist Thomas Kunst bei Suhrkamp angekommen, 2018 erschien dort ein vielbeachteter Lyrikband, jetzt der Roman "Zandschower Klinken".

Zandschow liegt irgendwo in Norddeutschland

Es geht beschaulich zu in diesem kleinen Ort namens Zandschow. Wo er liegt, ist nicht ganz klar, irgendwo in Norddeutschland, an der A7, irgendwie aber auch in Mecklenburg-Vorpommern. Ein Fantasieort also, in den Thomas Kunst seine Hauptfigur Bengt Claasen per Zufall geraten lässt. Claasen steckt mitten in einer Lebenskrise, da kommt ihm das Dorf mit seinen buckligen Straßen gerade recht. Was dort aber am Ufer des Feuerlöschteichs passiert, das ist schon etwas skurril.

Zwanzig Zandschower setzen an der Küste zwanzig identische Plastikschwäne aus und übernehmen zwei Stunden lang die Patenschaft über sie, indem sie sich so an Land bewegen wie die Tiere auf dem Wasser. Um allzu plumpe Körperreaktionen, die zu Gelächter führen könnten, zu verhindern, wird vor diesem Training mittels asiatischer Videofilme angeregt, Tanz- und Tai-Chi-Einlagen in die Bewegungen an Land mit einfließen zu lassen. Leseprobe

Ein strenger Wochenplan sorgt für Struktur

Der geheime Bürgermeister von Zandschow ist Getränkehändler Wolf. Der verkauft afrikanisches Bier und hat seinen Heimatort "Sansibar" getauft. Für seine Mitbewohner hat er sich einen strammen Wochenplan ausgedacht mit den Plastikschwänen im Teich, mit Workshops und einer fiktiven Reise nach Berlin in einem Bauwagen.

Jeden Tag eine Aufgabe, das gibt Struktur, sagt Thomas Kunst: "Es geht letzten Endes um eine utopische Solidargemeinschaft, die hier in dieser Pampa, in dieser Walachei gestaltet wird von sehr armen Menschen, ich benenne die jetzt nicht als Hartz-IV-Leute oder Rentner, sondern sie sind arm und sie versuchen sich ein schönes Leben zu machen mit den Dingen, die sie haben. Sie haben einen Feuerlöschteich, das ist ihr Indischer Ozean. Sie haben sich Palmen hingestellt, und sie machen es sich einfach richtig schön dort."

Mit dem Dorfleben hat der Autor Erfahrung

Thomas Kunst lebt selbst abgeschieden in einem Dorf in Sachsen-Anhalt. Dort schweift sein Blick übers Land, aber der Autor blickt auch immer wieder zurück in die eigene Vergangenheit, in die DDR. In einigen Passagen schildert er Erlebnisse aus der vorpommerschen Stadt Stralsund, wo Kunst 1965 geboren wurde. Als Teenager saß er dort an den Wochenenden zu Hause bei ein paar Flaschen Bier vor dem Plattenspieler und begleitete seine Idole auf der Gitarre.

Eric Clapton hat nicht angerufen, aber er hat sich immer irgendwie bei mir gemeldet. Die Rolling Stones haben nicht angerufen, aber sie haben sich immer irgendwie bei mir gemeldet. Sonnabend für Sonnabend. Ich war zu Hause, saß in meinem Zimmer und schnitt mir vor jedem Konzert aus den Deckeln leerer Marmeladengläser Gitarrenplättchen in unterschiedlicher Größe und Gestalt. Leseprobe

Die Hauptfigur aus Thomas Kunsts Roman Bengt Claasen ist den Leserinnen und Lesern seiner Werke schon bekannt. Der Autor übernahm ihn aus einem früheren Buch und erzählt nun seine Geschichte fort. Aber mit dem Erzählen ist das so eine Sache. Kaum entfaltet sich so etwas wie eine Handlung, bricht der Text ab, verlagert sich nach Afrika, in die Vergangenheit oder in die kolumbianische Stadt Cartagena, wo ein Reh aus Zandschow Taxi fährt. 

Beim Schreiben rebelliert der Autor gegen Konventionen

"Ich mache einen großen Strich durch das lineare Erzählen", sagt der Autor, "ich lass es einfach knallen und explodieren und versuche, diese Krater zusammenzuführen. Ich möchte mich einfach beim Schreiben selbst überraschen, ich möchte verwundert sein über das, was ich am nächsten Tag schreibe, alles andere würde mich zu Tode langweilen."

Langweilig wird es in den "Zandschower Klinken" nicht. Der Text ist komponiert wie ein langes Prosagedicht oder besser gesagt wie ein Musikstück, mit Motiven und Melodien, die immer wieder auftauchen und zwar als Textpassagen, die ähnlich oder identisch wiederholt werden. Das, und das räumt sogar der Autor ein, kann einem auch gehörig auf die Nerven gehen. Dabei hilft es, den Text als "minimal music" zu begreifen: klare Formen, endlose Wiederholungen.

Thomas Kunst rebelliert gegen Erwartungen und Konventionen. Das tut manchmal weh, aber wenn man sich auf den ganz eigenen Rhythmus dieser Dichtung einlässt, dann macht die Lektüre richtig Spaß.

Zandschower Klinken

von Thomas Kunst
Seitenzahl:
254 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Suhrkamp
Bestellnummer:
978-3-518-42992-1
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 08.03.2021 | 12:40 Uhr

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