23.08.2013, Thüringen, Weimar: Die Holocaust-Überlebende Ruth Klüger geht nach ihrer Gastrede zur Eröffnung des Kunstfestes von der Bühne © dpa-Zentralbild Foto: Michael Reichel

Schriftstellerin Ruth Klüger ist tot

Stand: 07.10.2020 14:09 Uhr

Die Autorin, Literaturwissenschafterin und Holocaust-Überlebende Ruth Klüger ist tot. 1931 in Wien geboren, überlebte sie mehrere Konzentrationslager und emigrierte nach dem Krieg in die USA.

von Jan Ehlert

In den USA arbeitete Ruth Klüger zunächst als Literaturwissenschaftlerin und Kritikerin und trat erst in den 1980er-Jahren als Autorin in Erscheinung. Ihre Autobiografie "weiter leben - eine Jugend" wurde in zehn Sprachen übersetzt und war der erfolgreiche Auftakt zu einer Reihe von Büchern zum Thema Vergangenheitsbewältigung.

Serie von Zufällen lässt sie überleben

Ruth Klüger war gerade einmal zwölf Jahre alt, als ihr Leben eigentlich beendet war. Bei der Selektion im Konzentrationslager Auschwitz war sie aussortiert worden, nicht stark genug für das Arbeitslager. Doch ein Zufall rettete sie vor der Gaskammer, wie sie erzählte: "Jedenfalls, ich bin dann doch ein zweites Mal reingegangen, und dann hat eine Schreiberin, auch ein Häftling, mich ermutigt, mich älter zu machen, hat den SS-Mann auch beschwatzt, mich durchzulassen. Und so bin ich durchgekommen. Es ist eine Serie von Zufällen, die eigentlich schauderhaft sind, wenn man denkt, was daran hing.“

Schauderhaft, das war die gesamte Kindheit Klügers. Drei Konzentrationslager hat sie überlebt: Neben Auschwitz auch Theresienstadt und Christianstadt. Ihre einzige Zuflucht, schon damals, war die Sprache: Gedichte von Schiller, Goethe und Hölderlin. Aber auch eigene Verse, die sie als junges Mädchen verfasste.

Täglich hinter den Baracken seh ich Rauch und Feuer stehn. Jude, beuge Deinen Nacken, keiner hier kann dem entgehn. Gedichtauszug

Erinnerungen zunächst für sich behalten

Doch Ruth Klüger entging dem Tod. Gemeinsam mit ihrer Mutter und einem weiteren Mädchen gelang ihr während eines sogenannten Todesmarschs nach Bergen-Belsen die Flucht. Schon bald danach emigrierte sie in die USA, heiratete, bekam zwei Söhne. Ihre Geschichte, ihre Erinnerungen, behielt sie lange Zeit für sich: "In den Lagern selbst hatten, glaub ich, fast alle das Gefühl, wenn wir das überleben, dann müssen wir irgendwie Zeugnis ablegen, weil es etwas so Ungeheures war. Und dann nach dem Krieg, was dann geschah, war: Erstens wollte niemand davon hören und zweitens hatten selber nur wenige Lust gehabt, sich mit der Vergangenheit abzugeben, sie wollten ein neues Leben anfangen."

Gastprofessur für Germanistik in Göttingen

Ein Leben, in dem für Ruth Klüger Deutsch - die "Teufelssprache", wie sie sie nannte - zunächst keine Rolle spielte. Doch die Liebe zu den deutschen Klassikern war größer und ein jüdischer Professor in Princeton ermutigte sie schließlich, Germanistik zu studieren. So kam Ruth Klüger Ende der 80er-Jahre erstmals wieder nach Deutschland. Nach Göttingen.

Sie schilderte ihre Rückkehr so: "Einerseits weiß ich ganz genau, dass praktisch um die Ecke, das heißt in Braunschweig, Hitler die Staatsbürgerschaft bekommen hat. Und ich weiß auch genau, dass es nicht weit nach Bergen-Belsen ist, dem Konzentrationslager, wo ich fast gelandet wäre gegen Ende des Kriegs. Aber für mich ist Göttingen kein Nazi-Land, sondern eine Nachkriegsstadt. Eine Stadt, die für mich belebend war."

Dort reifte der Gedanke, ihre Erinnerungen aufzuschreiben. Sie erschienen 1992 unter dem Titel "Weiter leben", gewidmet den Göttinger Freunden, geschickt an den Suhrkamp-Verlag. Doch der lehnte ab: "Und zwar hat Herr Unseld persönlich den Absagebrief unterschrieben. Es sei eben keine Literatur und man könne sich nicht identifizieren mit diesem Mädchen."

Erinnerungen "weiter leben" werden zum Bestseller

Selten hat sich Siegfried Unseld so gründlich geirrt. "Weiter Leben", das schließlich im Göttinger Wallstein-Verlag erschien, wurde ein Bestseller. Schaffte eine Identifikation mit dem ungeheuerlichen Leid. Gerade weil Klüger beim Schreiben auf Sentimentalitäten verzichtete. Ihre Sprache war schroff, geradlinig, schonungslos, ohne belehren zu wollen: Ich bin kein Mensch, der Botschaften hat. Ich bilde mir, wie Faust, nicht ein, ich könnte was lehren, die Menschen zu bessern und zu bekehren, so glaube ich eigentlich auch, dass Bücher Spiegelbilder einer Wirklichkeit sind und nicht unbedingt zukunftsweisend, und besonders nicht lehrhaft."

Rede im Deutschen Bundestag

Ein Opfer wolle sie nicht sein, betonte Ruth Klüger immer wieder. Die Opfer, das seien die Toten. Dass sie, die Ermordeten des Holocaust, nicht in Vergessenheit geraten, dafür hat Ruth Klüger weiter gelebt und weiter geschrieben. 2008 erschien der zweite Teil ihrer Autobiografie: "Unterwegs verloren", in der sie erzählt, wie diese Verantwortung sie nie losgelassen hat. An diese Verantwortung erinnerte sie auch 2016, in der Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus im Deutschen Bundestag. Die Öffnung der Grenzen für Flüchtlinge, die damals wenige Monate zurücklag, lobte sie dabei ausdrücklich.

Nun ist Ruth Klüger gestorben - ihre Geschichte aber wird bleiben: "Das Buch ist da, ich hab' es so gut ich kann gemacht und ich brauche jetzt nicht mehr persönlich im Gespräch zu überzeugen. Wenn man älter wird, hat man das Gefühl, dass die ganze Generation ja langsam verschwindet, die Generation, die ermordet wurde und die Generation, die überlebt hat. Andere Menschen werden auf der Bildfläche leben und sich mit der Vergangenheit ihrer Großeltern auseinandersetzen oder nicht auseinandersetzen. Das ist dann ihre Sache, nicht mehr meine."

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 07.10.2020 | 14:20 Uhr

Mehr Kultur

Christian Kuhnt © picture alliance/dpa Foto: Markus Scholz

SHMF mit 160 Konzerten geplant: "Es wird kein normales Festival"

Wie sehen die Planungen für das Schleswig-Holstein Musik Festival aus? Ein Gespräch mit dem Intendanten Christian Kuhnt. mehr