Stand: 10.09.2020 14:20 Uhr

Harbour Front: Fast perfekter Start - aber mit Schatten

von Daniel Kaiser

Beim Harbour Front Literaturfestival in Hamburg ist in diesem Jahr vieles anders. Nicht nur wegen Corona, sondern auch wegen des Eklats um abgesagte Lisa-Eckhart-Lesung. Das war auch bei der Eröffnung im kleinen Saal der Elbphilharmonie zu spüren.

Das Festival beginnt mit einer verbalen Ohrfeige: Auch auf seiner Lesung liege jetzt ein Schatten, sagt Ehrengast Navid Kermani zum Auftakt. "Einige Warnungen aus der Nachbarschaft - und schon sagt man eine Lesung ab. Ich brauche kaum auszuführen, was es für die literarische Öffentlichkeit und für die Meinungsfreiheit insgesamt bedeuten würde, wenn dieses Hamburger Beispiel Schule machte."

Besonders habe ihn verstört, dass zwei namentlich nicht bekannte Schriftsteller-Kollegen sich geweigert hatten, mit Lisa Ekchart aufzutreten. "Vom politischen Unverstand abgesehen - denn bewirkt haben sie natürlich das Gegenteil der beabsichtigten Tabuisierung - zeugt es auch von enormer Selbstgerechtigkeit und Unhöflichkeit, eine Kollegin, die missfällt, anonym davonjagen zu lassen", so Kermani langsam und eindringlich. Er erinnert an die Situation in seinem Heimatland Iran. Wenn freie Meinungsäußerung eingeschränkt werde, hätten Schriftsteller immer als erste darunter zu leiden. "Umso mehr erschrecke ich, wenn wir jetzt schon anfangen, uns selbst zu verbieten."

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Eine junge Frau hält sich den Mund zu und schaut ernst in die Kamera. © photocase.de Foto: nanihta

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Brosda: "Als Gesellschaft kühlen Kopf bewahren"

Auch Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda (SPD), dessen Behörde dem Festival in diesem Jahr aus der Patsche geholfen und es finanziell unterstützt hat, gibt den Festival-Machern in der Causa Eckhart noch mal einen mit auf den Weg. Wir würden Freiheiten gefährden, für die frühere Generationen hart und erbittert gestritten hätten, sagte Brosda. Es sei unerträglich, wenn aus Angst vor Empörungswellen vorschnell Programme geändert werden. "Insofern hoffe ich, dass die Hamburger Veranstalter und wir als Gesellschaft künftig einen kühlen Kopf bewahren und dafür sorgen, dass auf Veranstaltungen statt Empörung Debatte entstehen kann."

Von der Festivalleitung gab es in den Tagen zuvor und auch an diesem Abend dazu kein Wort. "Es ist zum Thema alles gesagt, und zwar von allen", sagte Festival-Chef Nikolaus Hansen im Interview mit NDR 90,3. Die Freude, trotz allem überhaupt ein Festival auf die Beine gestellt zu haben, war zu groß.

Beglückend - die eigentliche Lesung Kermanis

Berührend, beglückend und zum Niederknien war dann die eigentliche Lesung Navid Kermanis unter anderem aus seinem Buch "Die Nacht der von Neil Young Getöteten". Er erzählte mit Musik-Einspielungen, wie er seine kleine kranke Tochter wochenlang nur mit Musik von Neil Young beruhigen konnte. Eigentlich hätte das ein poetischer Auftakt für ein Literaturfestival sein können, das in diesem Jahr immer wieder Schriftsteller wie Saša Stanišić und Simone Buchholz mit Musikern zusammenbringt. Eigentlich ein perfekter Start - wäre da nicht dieser Schatten.

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Lesung in der Kirche St. Katharinen in Hamburg während des Harbour Front Literaturfestivals 2015. © dpa-Bildfunk Foto: Christian Charisius, dpa

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 10.09.2020 | 19:00 Uhr

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