Gillhoff-Büste im Rathaus Ludwigslust © Johannes-Gillhoff-Gesellschaft

Gillhoff-Preisträger 2021: Volkskundler Christoph Schmitt

Stand: 06.04.2021 06:00 Uhr

Der Gillhoff-Preisträger 2021 steht fest. Der Volkskundler Christoph Schmitt aus Rostock erhält in diesem Jahr die Auszeichnung für Verdienste um die norddeutsche Kultur.

von Rainer Schobeß

Er stammt aus Hessen und beschäftigt sich seit mehr als zwei Jahrzehnten mit der plattdeutschen Volksüberlieferung in Mecklenburg. Christoph Schmitt ist Leiter der Wossidlo-Forschungsstelle für Europäische Ethnologie an der Uni Rostock.  Sein Fachgebiet: die Alltagskultur und Lebensweise der einfachen Leute. Dabei hilft ihm ein ungeheurer Schatz: Sagen, Märchen, Rätsel, Reime und Lieder, die der Volkskundler Richard Wossidlo gesammelt hat und die in 1.200 Zettelkästen im Wossidlo-Archiv aufbewahrt werden.

Feldforschungsdokumente zur plattdeutschen Kultur

Gillhoff-Preisträger 2021 Christoph Schmitt © privat
Christoph Schmitt leitet an der Universität Rostock die Wossidlo-Forschungsstelle.

Die Feldforschungsdokumente von Richard Wossidlo und seinen Sammelhelfern stammen aus Mecklenburg, aus der Zeit um die Jahrhundertwende bis kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. "Dieses Material ist sehr wertvoll", sagt Schmitt, "weil es wenige Landschaften gibt, in denen so intensiv gesammelt wurde und wo vor allem alles noch erhalten geblieben ist, denn im Krieg ist leider sehr viel zerstört worden."

Nun könnten Wossidlos mehr als zwei Millionen Zettel langfristig durch Papierfraß zerstört werden. Daher gibt es seit 2014 auch das digitale Archiv WossiDiA. Für die berühmten Zettel mit Erzählmotiven, Erzählern und den Orten, wo ihre Geschichten aufgezeichnet wurden, braucht man allerdings eine Lese-Anleitung, sagt der Forscher: "Was bedeutet es, wenn in der rechten oberen Ecke ein S steht? Das steht für Sage. Da gibt es viel zu erklären, und das alles macht WossiDiA."

Der Gillhoff-Literaturpreis

Der Gillhoff-Literaturpreis für Verdienste um die norddeutsche Kultur wird seit 1980 verliehen. Die Auszeichnung ist nicht dotiert und soll an den Schriftsteller Johannes Gillhoff (1861- 1930) aus Glaisin/Ludwigslust erinnern. Gillhoff gehört zu den großen Autoren aus Mecklenburg und war auch international erfolgreich mit seinem Briefroman "Jürnjakob Swehn, der Amerikafahrer". Seit 1993 wird der Preis immer Anfang Juni vergeben, zunächst im Gillhoff-Dorf Glaisin und mittlerweile in Ludwigslust.

Prominente Preisträger sind der Schriftsteller Walter Kempowski, der Literaturwissenschaftler Jürgen Grambow, der Dramaturg Manfred Brümmer, die Lyrikerin Ursula Kurz, die Museologin Cornelia Nenz oder 2020 der Liedermacher Wolfgang Rieck. Der Vorjahres-Preisträger hält auch die Laudatio auf den aktuellen Preisträger.

Gillhoff-Preis für Verdienste um mecklenburgische Volkskunde

Bei seinen Wanderungen durch Mecklenburg hat Wossidlo auch mehr als 350.000 plattdeutsche Wörter notiert, die Grundlage für das Mecklenburgische Wörterbuch. "Es gibt Bereiche, wo die plattdeutsche Sprache reicher ist als das Hochdeutsche. Ein Beispiel ist, dass er sehr viele Synonyme für "prügeln" festgestellt hat. Es wurde damals in Mecklenburg sehr viel geprügelt. Auf den Gutshöfen wurden Tagelöhner und Knechte sehr häufig bestraft, so dass etwa ein Wort wie "prügeln" in der Region einen besonderen Stellenwert hatte und dementsprechend kreativ ausgestaltet wurde", berichtet Schmitt. "Dat Fell versohlen", "Zunner gäben", "de Jack upknöppen" oder "dat Ledder gor maken" sind nur einige Beispiele.

Christoph Schmitt erhält den Gillhoff-Literaturpreis 2021 für seine Verdienste um die mecklenburgische Volkskunde, heißt es in der Begründung der Gillhoff-Gesellschaft. Er sei im übertragenen Sinne ein direkter Nachfolger des Schriftstellers und Volkskundlers Johannes Gillhoff. Auch Gillhoff hat nämlich Redewendungen, Sprichwörter und plattdeutsche Ausdrücke in Mecklenburg gesammelt.

Christoph Schmitt und die Zukunft des Wossidlo-Archivs

Und Schmitt hat sich wisssenschaftlich mit dessen Auswandereroman "Jürnjakob Swehn der Amerikafahrer" auseinandergesetzt.  Im kommenden Jahr geht der Volkskundler in den Ruhestand. Die Zukunft der Volkskunde an der Uni Rostock ist mehr als ungewiss, sie könnte dann aufgehen in einem neuen Zentrum für Regionalgeschichte.

Den Preis für Christoph Schmitt versteht die Gillhoff-Gesellschaft daher auch als Weckruf an das Land, das mit dem Wossidlo-Archiv über einen einzigartigen Schatz verfüge.

Christoph Schmitt erhält die undotierte Auszeichnung am 5. Juni im Rathaus von Ludwigslust.

Weitere Informationen
Johannes Gillhoff: Jürnjakob Swehn, der Amerikafahrer © Erstdruck: Verlag der Täglichen Rundschau, Berlin, 1917

Jürnjakob Swehn: Von Mecklenburg nach Nordamerika

Rund 200.000 Mecklenburger wanderten allein in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nach Nordamerika aus. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Kulturjournal | 06.04.2021 | 19:00 Uhr

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