Stand: 13.10.2017 11:45 Uhr

Kleine Kulturgeschichte des Kusses

Kuss - Von Rodin bis Bob Dylan
von Anna Grosskopf und Tobias Hoffmann (Herausgeber)
Vorgestellt von Silke Lahmann-Lammert

Dichter haben ihn in Verse gegossen, Musiker haben ihn besungen und ungezählt sind die Filmszenen, in denen der Kuss die Hauptrolle spielt. Nur in einem Genre ist die Liebesgeste wahrscheinlich noch häufiger vertreten - in der Bildenden Kunst: Rodins Bronzeskulptur "Le baiser", Klimts golden-glänzendes "Liebespaar" oder Caravaggios selbstverliebter "Narziss": Sie alle beschäftigen sich mit Küssen.

Die Begegnung zweier Lippen hat so viele Künstler-Fantasien beflügelt, dass man glauben sollte, es gäbe meterweise Bücher über das Motiv. Ein Irrtum: Der kleine Bildband, der jetzt im Wienand Verlag erschienen ist, scheint die erste Kunstgeschichte des Kusses zu liefern - und eine spannende dazu.

100 Jahre Küsse

Wenn ein Kuss zum Politikum wird

Es ist kalt in dem winterlichen Birkenwäldchen. Das verraten die roten Ohren der russischen Polizisten, die sich zwischen die Baumreihen zurückgezogen haben. Trotz des Schnees tragen die beiden keine Mäntel. Nur ihre Uniformen. Warm halten sie sich auf andere Weise.  

Das großformatige Foto zeigt, wie schnell ein Kuss zum Politikum werden kann: 2005 will die russische Künstlergruppe "Blue Noses" mit den küssenden Polizisten ein Zeichen setzen - für Liebe statt Gewalt. Aber beim Thema Homosexualität verstehen die Mächtigen im Kreml keinen Spaß: Kulturminister Alexander Sokolow bezeichnet das Bild als "Schande für Russland". Das Werk, das in einer Ausstellung der staatseigenen Galerie Tretjakow in Paris gezeigt werden soll, wird zurückgezogen.

Dabei haben Küsse unter Männern in sozialistischen Staaten Tradition: Sie müssen allerdings politisch motiviert sein. Wie der Bruderkuss von Leonid Breschnew und Erich Honecker, den der russische Künstler Dmitri Wrubel an der Berliner Mauer verewigt hat. Erweitert um die Unterschrift: "Mein Gott. Hilf mir. Diese tödliche Liebe zu überleben." In dem neuen Bildband illustriert Wrubels Mauerbild das Kapitel "Kuss und Politik".

Chronologie von Kuss-Darstellungen

Das Hardcover-Büchlein, das nicht viel größer ist als eine DIN A5-Kladde, beginnt seine Chronologie in den 1880er-Jahren. Zwar gab es schon vorher Kuss-Darstellungen, aber erst ab Ende des 19. Jahrhunderts hat das Motiv bei Malern, Bildhauern und Designern Hochkonjunktur. 

Geradezu obsessiv befasst sich der Jugendstil mit dem Kuss. Auf Gemälden und Titelblättern von Zeitschriften vereinen Paare ihre Lippen. Möbel, Lampen und Vasen schmücken sich mit Begegnungen zweier Münder. Ein Plädoyer für die Liebe, könnte man meinen. Aber die Symbolik des Kusses ist vielfältig, zitiert das Buch den französischen Geisteswissenschaftler Alain Montandon: 

Wie Tränen, Gesten, Seufzer und Schluchzer ist der Kuss Teil eines so komplexen Zeichensystems der Gefühle, dass Mehrdeutigkeiten, Irrtümer, Missverständnisse und Verwirrungen unvermeidlich sind. Alain Montandon

Filmküsse lösen Skandale aus

Küsse können harmlos, zärtlich, lustvoll, übergriffig oder sogar tödlich sein. Auf Darstellungen der Jahrhundertwende mutiert die Frau nicht selten zur Femme Fatale und saugt - wie ein blutrünstiger Vampir - die Lebenskraft aus ihrem Opfer, dem wehrlosen Mann.

Die schönsten Küsse der Filmgeschichte

Mehr als hundert Küsse füllen die Seiten des Bildbands. Viele davon Reproduktionen von Plakaten, die einst Zuschauer ins Kino zogen. Kein anderes Medium hat die Vereinigung der Lippen so ausgekostet wie der Film - und in keiner anderen Sparte haben Küsse so viele Skandale ausgelöst. Schlagzeilen regnet es schon beim ersten Kinokuss, den Thomas Alva Edison 1896 auf Zelluloid bannt: 

Die Riesenaufnahme dreimal wiederholt, ist vom allerletzten Geschmack und gehört eigentlich ins Ressort der Polizei. Zeitgenössischer Zeitungsartikel

So ist dieser Bildband auch ein Buch über unsere Sehgewohnheiten. Und über Tabus, die manchmal so schnell verfliegen wie der hingehauchte Kuss einer Leinwanddiva.

Kuss - Von Rodin bis Bob Dylan

von
Seitenzahl:
232 Seiten
Genre:
Bildband
Zusatzinfo:
Mit Beiträgen von Simon Häuser, Inga Remmers, Nils Martin Müller, Sabine Panchaud und Fabian Reifferscheidt
Verlag:
Wienand
Bestellnummer:
978-3-86832-375-7
Preis:
19,80 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 15.10.2017 | 17:40 Uhr

NDR Logo
Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/kultur/buch/Bildband-Kuss-Von-Rodin-bis-Bob-Dylan,kuss270.html

Mehr Kultur

59:52

Bettina Tietjen - die Talklady im Porträt

25.11.2017 00:10 Uhr
NDR Fernsehen
01:28

Werke von Hans Fuglsang in Flensburg

24.11.2017 19:30 Uhr
Schleswig-Holstein Magazin
00:59

Hakenkreuz auf Sportplatz-Gelände zerschlagen

24.11.2017 19:30 Uhr
Hamburg Journal