Arnon Grünberg: "Besetzte Gebiete" © Kiepenheuer & Witsch

"Besetzte Gebiete" von Arnon Grünberg: Flucht ins Gelobte Land

Stand: 14.04.2021 19:48 Uhr

Der Roman "Besetzte Gebiete" des gefeierten niederländischen Autors Arnon Grünberg zeigt ein Schicksal zwischen innerer und äußerer Emigration, zwischen Israel und den Niederlanden.

von Peter Helling

Das Buch beginnt mit einer fast biblischen Schimpftirade: "Du hast mich zerfleischt, das hast du schon immer getan, Hilfebedürftige zerfleischen, zerreißen, weil du sie verachtest, weil du sie hasst". Klagt hier ein moderner Hiob Gott an? Nicht ganz. Michette, eine Klientin, verurteilt ihren Psychiater Kadoke. Der habe sie missbraucht. Was gar nicht stimmt, in Wirklichkeit hat Kadoke die junge Frau bei sich aufgenommen, weil er Angst hatte, sie bringt sich um. Ein fataler Fehler.

"Besetzte Gebiete": Eine öffentliche gesellschaftliche Hinrichtung

Der Roman "Besetze Gebiete" zeigt seine öffentliche gesellschaftliche Hinrichtung. Der Vorwurf: Ein Arzt missbraucht eine junge Frau. Im Vorwurf schwingt schon das Urteil mit. In einer Art Enthüllungs-Roman macht Michette ihre Version der Geschichte öffentlich. Kadoke ist zum Paria geworden, im eigenen Land, den Niederlanden, wird in Talkshows gegrillt. Die Angriffe gegen ihn sind bösartig und antisemitisch. 

Flucht ins Gelobte Land

Aber dann tritt Anat in sein Leben, eine entfernte Cousine Kadokes, aus Israel. Die junge Mathematikerin ist ultra-orthodoxe Jüdin und will Kadoke und dessen Vater "nach Hause holen" wie sie sagt. Nach Israel in ihre Siedlung im Westjordanland. Das Undenkbare wird für den säkularen Juden Kadoke zur Rettung. Er hat sich in Anat verliebt. Und folgt ihr ins Gelobte Land.

Wo soll er sonst hin? Er hat nicht vor, sich die nächsten Jahre als Paria durch Amsterdam zu bewegen, erkannt und verfolgt zu werden als etwas, das er nicht war und übrigens auch niemals sein wird. Leseprobe

Arnon Grünbergs Roman wirft viele Fragen auf

Der Autor hat eigentlich drei Romane in einem geschrieben. Der erste, der mit Abstand gelungenste, seziert die empfindliche öffentliche Meinung, zeigt, wie ein kleiner Fehltritt eine Empörungs-Lawine auslöst. Das ist beklemmend komisch. Man denkt an Philip Roths Meisterwerk "Der menschliche Makel".

Der zweite Teil erzählt die Auswanderung Kadokes und seines Vaters nach Israel. In der glühend heißen Siedlung mitten im Palästinensergebiet wird Kadoke als "Wunder" begrüßt, das Anat heiratet und ihr viele Kinder machen soll. Spätestens hier wird der Roman zur Groteske. Ja, das ist streckenweise grandios geschrieben, der Cultural Clash zwischen westlich-liberal und fast steinzeitlich-religiös. Aber die Figur Kadokes wird immer unschärfer. Das Buch verheddert sich zwischen ärgerlichen Sexszenen - Anat schläft mit Kadoke nur, wenn er eine SS-Mütze trägt - und ermüdenden theologischen Diskursen. Die Charaktere werden zu Karikaturen, die Handlung eskaliert.  

Die dritte Wendung, die Arnon Grünberg nimmt, ist schließlich eine leidenschaftliche Liebesaffäre Kadokes mit einem palästinensischen Mann:

Leben heißt gewollt werden, der Tod beginnt, wo das Gewolltwerden endet. Hier in diesem Hotelzimmer wird er gewollt, ist darauf reduziert, zu einem Ding - was für eine Erlösung, ein Ding zu sein, eine schmerzhafte Erlösung. Leseprobe

Spätestens hier hat man vergessen, wer Kadoke wirklich ist. Eine Metapher? Gott? Ein gefallener Arzt? In gewisser Weise verrät der Erzähler Grünberg seinen Gegenstand: die feine Zeichnung eines Mittelmäßigen, der nach einem Zuhause sucht. Man hat das beklemmende Gefühl, Arnon Grünberg brät sich auf den Konfliktherden der Gegenwart ein literarisches Ei, dreht die Temperatur hoch, bis es platzt.

Besetzte Gebiete

von Arnon Grünberg
Seitenzahl:
432 Seiten
Genre:
übersetzt von Rainer Kersten
Verlag:
Kiepenheuer & Witsch
Bestellnummer:
978-3-462-00106-8
Preis:
24,00 €

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