Stand: 24.01.2020 11:49 Uhr  - NDR Kultur

"Weltmeister": Begehbarer Theaterabend in Hannover

von Agnes Bührig

Wie erinnern wir uns an den Holocaust? Ein Thema, das vor dem 75. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz in der kommenden Woche aktuell ist. Ausgehend von Recherchen und Interviews entwickelt die Regisseurin Nina Gühlstorff mit einem multinationalen Schauspielensemble dazu einen begehbaren Theaterabend am Schauspiel Hannover mit dem Titel "Weltmeister".

Fünf Männer und Frauen treten auf die Bühne und halten Einzug im Schtetl. Sie tragen Gebetsschals und Kipa und treffen sich in einer Holzhütte im Aufbau: Hinten eine unfertige Bretterwand, an der Seite eine Leiter, die aufs Dach führt. Es könnte das Haus des Juden Tewje sein, besser bekannt als Musicalfigur des "Fiddler in the Roof".

Unterschiedliche Perspektiven auf den Holocaust

Dieser Erinnerungsabend beginnt mit der Geschichte. Mit jüdischem Leben Ende des 19. Jahrhunderts, traditioneller Kleidung, religiösen Symbolen und bald auch dem Streit darum, ob man das alles zeigen muss oder sollte. Denn schon bald reißt sich Schauspieler Hajo Tuschy Kipa und Schläfenlöckchen vom Kopf und wirft eine Münze, um zu entscheiden, ob ein Pogrom bevorsteht oder nicht. Denn miterlebt hat er keines.

"Ich habe ja nur Überlieferungen, das heißt, es gibt etwas wie eine kollektive Erinnerung - vielleicht, aber es gibt ja gar keine private, persönliche Erinnerung. Ich habe eine Erinnerung an meinen Großvater und an ganz viel Wissen, was überliefert wurde. Und ich denke, dass das in Israel auch so ist. Und da zusammenzukommen, war in der Gruppe nicht einfach, weil die Gruppe sehr heterogen ist, was brillant ist, weil wir sehr viele unterschiedliche Perspektiven vertreten haben", sagt Hajo Tuschy.

Regisseurin reiste zur Recherche nach Israel

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Regisseurin Nina Gühlstorff reiste für ihre Recherchen nach Israel und führte Interviews.

Zwei Schauspieler aus Israel und vier aus Hannover bilden das Ensemble. Ihre biografischen Wurzeln haben sie in Ghana, Österreich, Deutschland und Israel. Dorthin reiste Nina Gühlstorff in Vorbereitung auf das Theaterstück, fragte Menschen unterschiedlicher Herkunft, wie sie sich erinnern. Dabei kamen für sie zum Teil sehr schwierige Erkenntnisse über den Holocaust zum Vorschein, sagt die Regisseurin, Jahrgang 1977. "Im Interview hat jemand zu mir gesagt, dass man vielleicht daraus lernt, dass man nicht Opfer werden möchte. Das wäre eine sehr harte Lehre. Jemand anders hat gesagt, dass wir es schaffen müssen, uns mit negativen Dingen zu konfrontieren. Wir dürften nicht einfach nur erinnern, weil das etwas Passives ist, sondern wir müssen konfrontieren."

Sind die Deutschen Weltmeister des Erinnerns?

Damit das Gespräch in Gang kommt, werden die Zuschauer auf die Bühne gebeten. "Herzlich willkommen auf der Hinterbühne, da darf man ja sonst nicht drauf, hier beginnt nämlich jetzt gleich die Gruppenaufteilung ..."

Denn diese Gruppen sollen reisen, durch Zeiten und Perspektiven, und dabei verschiedene Stationen im Schauspielhaus ansteuern, die unterschiedliche Facetten des Erinnerns beleuchten. Begriffe wie Mahnmal, Gedenktag, Archiv, Familienerzählung und Kunstwerk der Erinnerung werden von den Schauspielern in Monologform reflektiert. Der israelischen Schauspielerin und Theatermacherin Hadas Kalderon, deren Großvater Abraham Sutzkever das Wilnaer Ghetto überlebte und einer der großen Dichter des Jiddischen wurde, ist dabei vor allem die persönliche Ebene wichtig. "Wir müssen zu unseren Gefühlen zurückkommen und nicht dazu, wie die Staaten sich erinnern oder unsere Gesellschaft. Da ist keine Gesellschaft, da sind Menschen. Und jeder von uns hat seinen eigenen Zugang, unabhängig von den Schlagzeilen, die unsere Länder hervorbringen. Es sind Schlagzeilen des Bereuens, vom Weltmeister des Erinnerns. Das sage ich auch in der Aufführung: Wenn du an diese Gefühle nicht rankommst, wie willst du deinen Kindern und Enkeln beibringen, es besser zu machen."

Es ist ein Konzept, das auf das Morgen und auf positive Aspekte ausgerichtet ist. Zum Beispiel, wie wir aus der Katastrophe lernen und uns persönlich begegnen können und das sich mit einem kontroversen Titel an die Öffentlichkeit wagt. Denn Weltmeister, das waren die Nationalsozialisten bei der Vernichtung der Juden, sind die Deutschen heute Weltmeister des Erinnerns?

"Weltmeister": Begehbarer Theaterabend in Hannover

Sind die Deutschen Weltmeister des Erinnerns an den Holocaust? Der Theaterabend mit dem Titel "Weltmeister" möchte seine Besucher mit diesem Thema konfrontieren.

Art:
Bühne
Datum:
Ende:
Ort:
Schauspielhaus Hannover
Prinzenstraße 9
30159   Hannover
Preis:
27,00 - 35,00
Kartenverkauf:
Kartentelefon: +49 511 9999 1111
Hinweis:
Die Produktion ist nicht barrierefrei.
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 23.01.2020 | 17:20 Uhr

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