Stand: 12.03.2020 13:59 Uhr

"Die Entscheidung für Lutz Seiler ist hervorragend!"

Autor Lutz Seiler sitzt in der Schaubühne Lindenfels © picture alliance/Hendrik Schmidt/dpa-Zentralbild/dpa Foto: Hendrik Schmidt
Der Schriftsteller Lutz Seiler wurde für seinen Roman "Stern 111" mit dem Leipziger Belletristik-Preis ausgezeichnet.

Der Belletristik-Preis der Leipziger Buchmesse geht an Lutz Seiler. Der Autor erhält die mit 15.000 Euro dotierte Auszeichnung für seinen Roman "Stern 111", wie die Buchmesse am Donnerstag mitteilte.

Zum ersten Mal in ihrer Geschichte wurden die Preise der Leipziger Buchmesse in den Sparten Belletristik, Sachbuch und Übersetzung nicht auf der Messe selbst vergeben. Aufgrund der Ausbreitung des Coronavirus wurde die Veranstaltung komplett abgesagt.

Ulrich Kühn, Leiter der NDR Kultur Literaturredaktion spricht über die Vergabe des Leipziger Belletristik-Preises an Lutz Seiler und dessen Roman "Stern 111".

Was ist "Stern 111" für ein Roman?

Ulrich Kühn: Wir kennen Lutz Seiler als feinen Romancier seit seinem Romandebüt "Kruso", für das er 2014 gleich den Deutschen Buchpreis bekam. Das war ein starkes und stark autobiografisches Werk, dieser Inselroman, der auf Hiddensee spielt, beginnend im Sommer 1989, von da aus den großen Bogen schlagend. "Stern 111" knüpft gewissermaßen an: Herbst 1989, alles wird umgestülpt, die festgemauerten Verhältnisse werden flüssig, alles ist offen. Und ein Ehepaar aus Gera, Inge und Walter, bisher ganz in seinen Gewohnheiten verhaftet, fasst einen spektakulären Beschluss: Die Grenze ist erst seit ein paar Tagen offen, wir wissen nicht, ob sie es bleibt, aber wir gehen, und zwar für immer.

Interview
Schriftsteller Lutz Seiler © picture alliance/dpa Foto: Arne Dedert

"Mein Traum ist immer der nächste gute Text"

Lutz Seiler saß am Frühstückstisch, als er erfuhr, dass er den Leipziger Buchpreis in der Kategorie Belletristik gewonnen hat. "Es war eine grandiose Situation", erzählt er NDR Kultur. mehr

Die beiden lassen alles zurück, auch ihren Sohn Carl, den jungen Protagonisten, der eine Art Auftrag bekommt: Er soll Haus und Auto hüten, als Nachhut sozusagen. Aber der junge Mann hat auch Träume, er hat längst ein eigenes, vor den Eltern teils verborgenes Leben, er schnappt sich das väterliche Auto und macht sich auf nach Berlin, dorthin, wo "die guten Gedichte" geschrieben werden. Das ist sein Ziel, er will ein "poetisches Dasein", er will ein Dichter sein. Wie der junge Lutz Seiler, der 1963 in eben jenem Gera zur Welt kam. Überhaupt hat der Roman viel mit realen Begebenheiten zu tun, das hat mir Lutz Seiler in der vergangenen Woche im Hamburger Literaturhaus bei der Vorstellung der Nominierten selbst gesagt.

Die Eltern im Roman haben Träume, die jahrzehntelang weggeschlossen waren und die sie zuletzt bis in die USA führen werden. Und der junge träumerische Carl gerät in der neuen Berliner Offenheit mitten in die Hausbesetzerszene hinein und an eine Gruppe, "Rudel" genannt, mit charismatischem Anführer, der sozialutopischen Ideen anhängt. Carl gerät außerdem in eine Liebesverstrickung, dichtet, erlebt dabei, wie Berlin sich rasend ändert. Das ist eine pralle, intensive, farbensatt erzählte, sprachrhythmisch schöne Geschichte, der man über 500 Seiten gerne folgt.

Ist die Entscheidung der Jury eine gute Wahl?

Ich finde diese Entscheidung hervorragend. "Stern 111" zeigt, dass über die Wendezeit längst nicht alles gesagt ist. Und dabei will das Buch gar nichts "zeigen", es will einfach nur ein dichtes und sinnliches Romankunstwerk sein. Ein sehr lange gereiftes obendrein: "Kruso", hat Lutz Seiler gesagt, war eigentlich eine Art Ableger, weil "Stern 111" im ersten Anlauf noch nicht reifen wollte. Jetzt ist der Stern da und strahlt hell.

Aber natürlich gab es noch andere bemerkenswerte Bücher. Auch Ingo Schulzes "Die rechtschaffenen Mörder", ein Roman, der die Wendezeit völlig anders und genauso originell anleuchtet, hätte einen Preis verdient. Das quasi-musikalisch komponierte Langgedicht "Luna Luna" von Maren Kames sei erwähnt, "Power" von Verena Güntner -eine Parabel über unser Zusammenleben oder Nicht-mehr-Zusammenleben auf dem Dorf und in der Welt der Unbehaustheit - und schließlich Leif Randt, der in "Allegro Pastell" in sehr gegenwärtiger Sprache von Fernliebe unter den Bedingungen der permanenten Selbstbeobachtung erzählt. Das waren sehr interessante Nominierte.

Werfen wir nochmal einen Blick auf die Kategorien Sachbuch und Übersetzung ... was gibt es da zu vermelden?

Das neue Coronavirus hält uns alle in Atem. Es gibt aber andere, uralte Krankheiten, die uns seit Jahrtausenden beschäftigen, mit denen wir leben und sterben. Die Historikerin Bettina Hitzer bekommt den Sachbuch-Preis für ihr Buch "Krebs fühlen. Eine Emotionsgeschichte des 20. Jahrhunderts". Da wird umfassend erzählt, wie uns diese Krankheit im Wandel der Gesellschaft beschäftigt.

Und Pieke Biermann bekommt den Übersetzungs-Preis für ihre Übertragung des Romans "Oreo" von Fran Ross. Das ist ein Roman, der von der Tochter einer schwarzen Mutter und eines weißen Juden handelt - sprachlich virtuos, alles andere als leicht zu übersetzen. Ross war eine afroamerikanische Autorin, die von 1935 bis 1985 gelebt hat und ganz gewiss eine Entdeckung wert ist.

Alles in allem also ein Verzicht auf die schöne Preisverleihung auf der pulsierenden Leipziger Buchmesse. Dafür gibt's aber wunderbareren und ausgezeichneten Lesestoff.

Das Gespräch führte Andrea Wilke.

Zu den Rezensionen der einzelnen Nominierten:

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Cover des Buchs "Power" von Verena Güntner © Dumont Buchverlag

Die verbissene Suche nach dem verschwundenen Hündchen

Verena Güntners begleitet in ihrem Roman "Power" das Mädchen Kerze, das einen entlaufenen Hund sucht. Beunruhigend ist die Macht des Mädchens, das sich zum Gott einer gottlosen Welt aufschwingt. mehr

Cover des Buchs "Luna Luna" von Maren Kames © Secession Verlag

Maren Kames: "Luna Luna"

Zart und gewaltsam zugleich ist Maren Kames' nur 120 Seiten umfassender Lyrikband "Luna Luna". Ihre Texte sind betörend und mehr als würdig, ausgezeichnet zu werden. mehr

Cover des Buchs "Die rechtschaffenen Mörder" von Ingo Schulze © S. Fischer Verlag

Ingo Schulzes Roman über einen Antiquar nach der Wende

Ingo Schulzes Roman "Die rechtschaffenen Mörder" ist ein Buch für Liebende der Literatur, die ihre Kraft und Lust daraus schöpft, uns Fragen statt Antworten mit auf den Weg zu geben. mehr

Cover des Buchs "Stern111" von Lutz Seiler © Suhrkamp Verlag

Eine Gesellschaft im Umbruch: "Stern 111"

Lutz Seiler ist mit "Stern 111" ein großer Roman gelungen, der auf bedrückende Weise von Aufbruch und Untergang erzählt, von sozialen Utopien und gesellschaftlicher Realität. mehr

Cover des Buchs "Allegro Pastell" von Leif Randt © Kiepenheuer und Witsch Verlag

"Allegro Pastell" über eine fast makellose Fernbeziehung

Leif Randts erzählt in seinem Roman "Allegro Pastell" über einen klassischen Lovestory-Plot von den Spannungen zwischen abstrakter und wirklichkeitsgesättigter Liebe. mehr

 

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Leipzig: Besucher gehen in der Glashalle über die Treppe mit dem Logo der Leipziger Buchmesse © picture alliance/Jens Kalaene/dpa-Zentralbild/dpa Foto: Jens Kalaene

Leipziger Buchmesse wegen Coronavirus abgesagt

Das Frühjahrsereignis der Buchbranche fällt wegen der Ausbreitung des Coronavirus aus. Wir haben mit Ulrich Kühn, Leiter der Literaturredaktion von NDR Kultur, darüber gesprochen. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 12.03.2020 | 10:20 Uhr