Stand: 27.11.2019 13:32 Uhr

Thomas de Maizière holt Lesung in Göttingen nach

von Wieland Gabcke

Thomas de Maizière hat von 2005 bis 2018 die Politik der Bundesregierung in Deutschland mitbestimmt. Erst als Kanzleramtsminister, dann als Verteidigungs- und Innenminister unter Angela Merkel. Jetzt ist der CDU-Politiker einfacher Abgeordneter und hat ein Buch geschrieben. "Regieren - Innenansichten der Politik". Dieses Buch wollte de Maizière eigentlich schon am 21. Oktober beim Göttinger Literaturherbst vorstellen, doch linke Aktivisten verhinderten das mit einer Blockade. Am Dienstag wurde die Lesung im Alten Rathaus in Göttingen nachgeholt.

Der früherer Bundesminister Thomas de Maizière spricht auf einem Podium ins Mikrofon. © picture alliance/Swen Pförtner/dpa Foto: Swen Pförtner
Wiederholungstermin: Thomas de Maizière stellt in Göttingens Altem Rathaus sein Buch "Regieren" vor.

Das neue Buch von Thomas de Maizière wird an diesem Abend streckenweise zur Nebensache. Denn in Göttingen sorgen Gewalt und Proteste, die sich gegen die Lesung richten, für Gesprächsstoff: Nach einem Brandanschlag auf die Göttinger Ausländerbehörde vermutet die Polizei die Täter in der linken Szene. In einem Bekennerschreiben wird ein Bezug zu de Maizière hergestellt. Der ehemalige Minister findet dazu deutliche Worte: "Leute, die Behörden und Gebäude, wo Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der öffentlichen Verwaltung sitzen, anzünden, sind genauso schlimm wie diejenigen, die Flüchtlingsunterkünfte anzünden."

VIDEO: De-Maizière-Lesung in Göttingen (3 Min)

Auch Lucke-Blockade bleibt Thema

Auch die Blockade, mit der linksradikale Gruppen die Lesung im Oktober hatten platzen lassen, ist weiterhin Thema. Diese Blockade und die verhinderte Vorlesung des AfD-Gründers Bernd Lucke an der Universität Hamburg hatten eine bundesweite Debatte über Meinungsfreiheit ausgelöst. Darauf angesprochen, antwortet de Maizière süffisant: "Ich war natürlich zunächst nicht sehr glücklich, mit Herrn Lucke immer in einem Atemzug genannt zu werden. Aber wenn es um die Meinungsfreiheit geht, war es mir dann auch egal."

Für rechte Verlage auf der Frankfurter Buchmesse

Demokratischer Meinungsstreit, auch und gerade wenn man die Position des anderen nicht teilt, ist de Maizière wichtig. Diesen Meinungsstreit sieht der CDU-Politiker aber gefährdet, zum Beispiel auch auf der Frankfurter Buchmesse. Für ihn ist es ein Unding, wenn Verlage, die "nicht extremistisch, aber rechtslastig" aufgestellt sind, keinen Platz auf der Buchmesse finden.  

Polizisten stehen vor Demonstranten auf dem Weihnachtsmarkt am Alten Rathaus in Göttingen. © picture alliance/Swen Pförtner/dpa Foto: Swen Pförtner
Während der Lesung de Maizières protestierten rund 150 Demonstrierende auf dem Weihnachtsmarkt am Alten Rathaus.

Während der CDU-Politiker im Alten Rathaus liest und diskutiert, protestieren draußen rund 150 Demonstrierende aus der linken Szene. Die geben dem ehemaligen Mitglied der Bundesregierung eine Mitschuld an der Lage der Kurden in Nordsyrien. Eine Demonstrantin sagt etwa: "Die Politik von de Maizière ist nicht darauf ausgerichtet, ein friedliches Miteinander zu fördern. Mit den Waffenlieferungen an die Türkei wurde der Krieg in Nordsyrien angefacht und in Rojava gerade Bewegungen, die für die Demokratie im Nahen Osten kämpfen."

Abwägung über Waffenlieferungen in Krisengebiete

Um diese Kritik ging es auch bei der Blockade im Oktober. Das greift Moderatorin Natascha Freundel bei der nachgeholten Lesung im Alten Rathaus auf und hakt bei de Maizière nach. Was hätte er den Blockierern gesagt, wenn er die Möglichkeit gehabt hätte, mit ihnen ins Gespräch zu kommen? De Maizière: "Außen- und Sicherheitspolitik ist immer eine Abwägung zwischen Werten und Interessen. Wir haben den Beschluss, dass wir keine Waffen in Krisengebiete liefern und selbst dagegen haben wir bewusst verstoßen." Nämlich als die Bundesregierung Waffen an die kurdischen Peschmerga im Kampf gegen den IS lieferte. Ein Beschluss, der ihm nicht leichtgefallen sein, so de Maizière.

Kein Verständnis für Blockierer

Der ehemalige Minister spannt einen weiten Bogen über schwierige Entscheidungen von Regierenden. Die rund 300 Gäste hören gespannt zu, einige zeigen sich danach beeindruckt, auch von seinen Äußerungen zu Waffenlieferungen: "Man kann sich schuldig machen, egal welche Entscheidung man trifft“, so ein Besucher. Für die Blockade der de- Maizière-Lesung im Oktober und den Brandanschlag im Vorfeld der nachgeholten Lesung haben die Besucher kein Verständnis. Das finden sie schlicht undemokratisch.

Weitere Informationen
CDU Politiker Thomas de Maizière im Interview.
3 Min

De-Maizière-Lesung in Göttingen

Im Oktober hatten linke Aktivisten eine Lesung von Thomas de Maizière verhindert. Der nachgeholte Auftritt des ehemaligen Innenministers fand unter großem Polizeischutz statt. 3 Min

Der ehemalige Bundesinnenminister Thomas de Maizère (CDU) sitzt auf einer Bühne, im Hintergrund ist ein Plakat des Göttinger Literaturherbstes zu sehen. © dpa - Bildfunk Foto: Swen Pförtner

De Maizière liest in Göttingen unter Polizeischutz

Die wegen einer Blockade verschobene Lesung des Ex-Bundesinnenministers de Maizière in Göttingen ist am Dienstag nachgeholt worden. Eine Demo mit etwa 150 Teilnehmern verlief friedlich. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 27.11.2019 | 07:20 Uhr