Stand: 23.04.2020 17:20 Uhr  - NDR Kultur

Heinz Bude über Corona: "Weltgeschichtliche Zäsur"

In ihrer Regierungserklärung hat Bundeskanzlerin Angela Merkel vor zu schnellen Corona-Lockerungen gewarnt und betonte erneut, dass diese Krise für Deutschland die größte Bewährungsprobe seit dem Zweiten Weltkrieg sei. Der Soziologe Heinz Bude drückt es ähnlich aus: Er spricht von einer "weltgeschichtlichen Zäsur". Ein Interview.

Herr Bude, eine "weltgeschichtliche Zäsur" - was macht Sie so sicher, dass dieses Virus unsere Welt nachhaltig verändern wird?

Heinz Bude © imago
Heinz Bude lehrt an der Uni Kassel Makrosoziologie.

Heinz Bude: Wir hatten ja schon zwei Ereignisse, die darauf hindeuteten, dass sich etwas grundsätzlich ändert: die Wahl von Donald Trump zum amerikanischen Präsidenten und der Brexit. Der Brexit hat gezeigt, dass Europa, so wie wir uns das 40 Jahre lang gedacht haben, nicht mehr existiert. Und Donald Trump hat gezeigt, dass ein kompromissfähiger Kandidat nicht die Wahlen gewinnt, sondern jemand, der auf eine Strategie sozialer Spaltung setzt. Das waren beides ganz neue Dinge für unsere westlichen Gesellschaften. Und die haben gezeigt, dass irgendetwas in der Vorstellung, wie die Zukunft unserer Gesellschaft aussehen würde, nicht mehr stimmt.

Ich hatte damals schon den Eindruck, dass das große Thema nicht Freiheit, sondern Schutz ist. Mit dem Virus hat uns dieses Schutzthema massiv eingeholt. Wir merken, dass diese Vorstellung, die wir fast ein halbes Jahrhundert gepflegt haben, dass eine Gesellschaft aus starken Einzelnen besteht und dann auch gut wird, wenn wir die Möglichkeiten der Einzelnen stärken, eine merkwürdige Idee gewesen ist. Wir merken, dass wir durch diese Krise nur durchkommen, wenn jede einzelne Person die Idee hat, dass sie nicht nur für sich eine Verantwortung trägt, sondern auch für alle anderen - und zwar aus innerem Antrieb. Denn die Daten, die ich zur Verfügung habe, sagen nicht, dass die Leute das aus angstgetriebener Konformität tun - die Angstpotentiale sind gar nicht so wahnsinnig gestiegen, wie man denken würde. Das ist ein Mechanismus der Solidarität, der nicht erzwungen werden musste - die Leute machen das freiwillig. Und warum sollte das nicht bedeuten, dass in der Grundidee, wie wir unser Leben führen wollen, was für eine Gesellschaft wir für richtig und erstrebenswert halten, sich vor unseren Augen nicht etwas ändert?

Wo hört die Solidarität auf? Hört sie außerhalb der Familie, des Stadtteils, des Bundeslandes auf? Wie solidarisch sind wir gegenüber anderen europäischen Ländern oder auch Ländern außerhalb Europas?

Weitere Informationen
Viren schweben durch einen Tunnel aus Zahlen. © Fotolia, panthermedia Foto: Mike Kiev, lamianuovasupermail

Corona-Blog: Forscher entwickeln Vorhersage-Modell

Wissenschaftler aus Osnabrück und Jülich haben eine Methode entwickelt, um mögliche Verläufe von regionalen Corona-Ausbreitungen zu berechnen. Mehr Corona-News im Blog. mehr

Bude: Im eigenen Land sehe ich auch eine überraschende Entwicklung: Es gibt so etwas wie das Empfinden, dass wir doch den Staat brauchen. Wenn es wirklich darauf ankommt, können wir uns nicht auf den Voluntarismus der Zivilgesellschaft verlassen. Dann muss es eine Instanz geben, die für alle spricht, die für alle eintritt und auch sanktionsfähig ist gegenüber einzelnen, die nicht so denken wie die Mehrheit. Und zwar kein autoritärer Staat und nicht mal ein patriarchaler Staat. Diese Staatlichkeit, die wir in der großen Mehrheit für anerkennungsfähig halten, begründet sich daraus, dass wir sie aus dem Gefühl heraus brauchen - sonst können wir uns wechselseitig keinen Schutz bieten. Nicht, dass man sich dem Staat in die Arme wirft, sondern dass man die Notwendigkeit des Staates akzeptiert. Man könnte sagen, dass die Gesellschaft ihre eigene Staatsbedürftigkeit erkannt hat. Damit ist die Solidarität schon nicht mehr an meiner Tür zu Ende, sondern es ist eine Solidarität, die für ein ganzes Land gilt.

Was Europa betrifft, bin ich ganz guter Dinge - so komisch sich das anhört. Europa, so wie wir es kannten, war mit dem Brexit beendet. Es machen sich zu wenige Leute klar, dass nicht viel gefehlt hätte, und die französische Ministerpräsidentin hätte Marine LePen geheißen. Und es hat noch viel weniger gefehlt, dass der italienische Ministerpräsident Salvini geheißen hätte. Ich habe den Eindruck, von diesen Gefahren kann in Europa im Augenblick keine Rede mehr sein.

Wie lange hält denn diese Akzeptanz von Staatlichkeit an? Wir wollen alle irgendwie zurück zur Normalität, werden aber gleichzeitig von der Kanzlerin dazu ermahnt, dass das erst der Anfang der Pandemie ist. Das ist ein Dilemma - und da scheint der Konflikt schon vorprogrammiert.

Weitere Informationen
Corona ABC © NDR

Das Corona-ABC in 100 Sekunden

Die Corona-Krise verändert auch unseren Wortschatz. In unserem "Corona-ABC" erklären wir deshalb all die Wörter, mit denen wir es plötzlich im Alltag zu tun haben.   mehr

Bude: Das stimmt. Es gibt weite Bereiche von Isolationsmüdigkeit. Dafür habe ich nicht nur Verständnis, sondern ich sehe das auch in meiner unmittelbaren Umgebung. Das ist ein Problem - es zeigt aber auch, worauf Angela Merkel hingewiesen hat: Dass wir es mit einer grundsätzlichen Situation unser Gesellschaft zu tun haben, die uns noch länger beschäftigen wird. Der Bundespräsident hat gesagt, es sei definitiv so, dass wir einen bestimmten Reichtum unserer Gesellschaft schon jetzt verloren haben. Ich sage nicht, dass wir da nicht wieder herauskommen werden. Aber es ist erst recht Solidarität notwendig, um gesellschaftlich und ökonomisch wieder Fuß zu fassen.

Man könnte es auch ganz funktional sagen: Um die Gesellschaft in Ruhe zu halten, brauchen wir eine Solidarität, die auch bedeutet, dass die einzelnen für die Infrastruktur und für die Dinge, die sein müssen, damit wir alle überhaupt leben können, mehr bezahlen müssen. Sie werden einen Abschlag auf ihren individuellen Wohlstand hinnehmen müssen.

Und glauben Sie an diese andauernde Solidarität, wenn die Krise vorbei ist?

Bude: Absolut. Ich glaube wirklich daran, weil es dazu eigentlich gar keine Alternative gibt. Wenn jetzt wieder jeder auf eine Karte spielt und wir das zur allgemeinen Regel machen, dann haben wir jetzt schon verloren.

Das Gespräch führte Andrea Schwyzer

Heinz Bude © imago

AUDIO: Heinz Bude über Corona: "Weltgeschichtliche Zäsur" (8 Min)

Weitere Informationen
Jemand arbeitet an einem Laptop und macht sich eine Notiz. © picture alliance Foto: Christin Klose

Coronavirus: Was Sie im Job beachten müssen

Welche Folgen hat Corona auf die Arbeit? Wann darf ich zu Hause bleiben? Wer bezahlt mein Gehalt, wenn ich in Quarantäne muss und wie funktioniert Kurzarbeit? Die wichtigsten Fragen und Antworten. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 23.04.2020 | 19:00 Uhr