Stand: 24.01.2020 10:49 Uhr  - NDR Kultur

Shakespeares "Hamlet" im Thalia Theater

von Katja Weise

Traum oder Albtraumrolle: Shakespeares "Hamlet" kann für Schauspieler beides sein. Am Hamburger Thalia Theater hat Hausregisseurin Jette Steckel die Tragödie jetzt mit Mirco Kreibich in der Hauptrolle umgesetzt. Die beiden verbindet eine lange Arbeitsbeziehung. 2014 haben sie zusammen schon "Romeo und Julia" auf die Bühne gebracht - eine Produktion, die wegen des großen Erfolgs noch immer auf dem Spielplan steht.

Das Spiel beginnt schon im Foyer: Die Höflinge Rosencrantz und Guildenstern berichten für Instagram live aus Helsingør von der Krönungsfeier für König Claudius. Als Gecken in schwarz-weiß gestreiften Anzügen schieben sie sich unentwegt kommentierend zwischen den Zuschauern hindurch, die Handykamera vor der Nase. Bild und Ton werden direkt auf verschiedene Bildschirme übertragen. Näher dran kann man kaum sein. Irgendwann erscheint der neue König, seinen Bruder hat er umgebracht, dessen Frau geheiratet, doch das ficht ihn nicht an: "Dieser Augenblick ist der Augenblick, wo es nicht mehr darauf ankommt, welcher König die Regierung führt, sondern dass die Regierung vom Volk geführt wird. Dieser Augenblick wird als der Augenblick in die Geschichte eingehen, in dem das Volk wieder zum Herrscher der Nation wurde", spricht er.

Frage nach der Beeinflussung durch die Medien

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Regisseurin Jette Steckel setzt "Hamlet" mit Schauspieler Mirco Kreibich (rechts) um. Er wirkte schon in anderen Stücken von ihr mit.

Wer ist hier Blender, wer spricht die Wahrheit, wer weiß die Bühne am geschicktesten zu nutzen für sein Macht-Spiel? Diese Fragen stellt Jette Steckel klar in den Raum - und die nach der Beeinflussung durch die Medien und andere Kanäle gleich mit.

Hamlets Kopf steckt in einer schwarzen Kugel. Er verweigert sich der Zeremonie und lädt schließlich Königspaar und Publikum ein, seinem Schauspiel im Saal nebenan zu folgen. Sein Ziel: den König des Mordes an seinem Vater zu überführen.

Radikaler Weltekel und Zerrüttung

Jette Steckel hat für ihre Fassung nicht nur auf Shakespeares Tragödie, sondern auch auf Heiner Müllers Theaterstück "Hamletmaschine" zurückgegriffen. Weltekel und innere Zerrüttung sind hier viel radikaler. Es ist nicht nur etwas faul im Staate Dänemark, die Welt ist schwarz.

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Hamlet (links), dessen Kopf in einer schwarzen Kugel steckt, will den König für den Mord an seinem Vater verantworten.

Langsam senkt sich eine riesige Kugel auf die sonst leere Bühne herab, sie droht Hamlet zu erdrücken, immer weiter muss er sich verbiegen. Wieder schaffen der Bühnenbildner Florian Lösche und Jette Steckel zusammen starke Bilder. Die Kugel ist Erde und schwarze Sonne zugleich, außerdem Kanonenkugel, Spielball, erdrückende Masse, die Last der Welt. Hamlets großer Monolog steigert sich zum Stakkato und wird zu einem Höllentanz der Worte.

Hamlet spielt das Spiel seines Lebens

Die Inszenierung ist ganz auf den Schauspieler Mirco Kreibich zugeschnitten. Um ihn dreht sich die Bühnenwelt, er schreit sein Elend heraus, ist aggressiv, rachsüchtig, verzweifelt in seinem Wahn und zaudernd eigentlich nie. Hamlet spielt hier das Spiel seines Lebens, manchmal wie ein Kind, manchmal wie ein Ertrinkender - großartig. Das ihn umgebene, ebenfalls vorzügliche Ensemble, hat vergleichsweise wenig zu tun. Beeindruckend ist, wie Jirka Zett es schafft, als Horatio beinahe durchgängig präsent zu sein, ohne kaum je ein Wort zu sagen. Bernd Grawert verkörpert den gewissenlosen Machtpolitiker Claudius so geschmeidig, dass es einen gruselt. Er wird - anders als bei Shakespeare - überleben. "Hamlet" von Jette Steckels ist düster. Es ist ein Stück über Schein und Sein ebenso wie über Sein und Nichtsein.

Ein aufwühlender, auch anstrengender Abend, der seine Form für "Hamlet" findet - auch musikalisch mit der Sängerin Dominique Dillon de Byington und Samuel Savenberg - und der zeigt, was Schau-Spiel kann.  

Shakespeares "Hamlet" im Thalia Theater

Die Regisseurin Jette Steckel inszeniert am Thalia Theater Shakespeares "Hamlet" und holt die Geschichte zusammen mit Schauspieler Mirco Kreibich in unsere Gegenwart. Am Donnerstag war Premiere.

Art:
Bühne
Datum:
Ende:
Ort:
Thalia Theater - Große Haus am Alstertor
Alstertor
20095  Hamburg
Preis:
11,00 - 55,00
Kartenverkauf:
theaterkasse@thalia-theater.de

thalia-theater.de
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 24.01.2020 | 06:40 Uhr

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