Stand: 27.08.2020 17:18 Uhr

GEW: "Es kommt eine zusätzliche Belastung auf alle zu"

Laura Pooth, niedersächsische GEW-Landesvorsitzende © picture alliance/Sina Schuldt/dpa Foto: Sina Schuldt
Laura Pooth ist Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Niedersachsen.

Am Donnerstag hat in Niedersachsen und Bremen die Schule wieder begonnen. Laut Konzept mit so strikten Hygienekonzepten wie nötig, aber so wenigen Einschränkungen wie möglich. Alle bemühen sich nach Kräften, die Entscheiderinnen und Entscheider in Ministerien und Behörden genauso wie die zahlreichen Lehrkräfte vor Ort. Trotzdem blickt die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft in Niedersachsen mit Sorgen auf den Schulstart, wie die GEW-Landesvorsitzende von Niedersachsen Laura Pooth berichtet. Ein Gespräch.

Frau Pooth, was bereitet Ihnen Sorgen?

Laura Pooth: Ich möchte gerne vorausschicken, dass wir es für das richtige Ziel halten, dass so viel Präsenzunterricht wie möglich stattfinden kann. Aber natürlich haben viele unserer Kolleginnen und Kollegen Ängste. Zum einen die, dass sie sich anstecken, wenn beispielsweise die Abstandsregelungen nicht mehr eingehalten werden können. Zum anderen ist das alles eine neue Situation.

Der Schulstart nach den Sommerferien ist immer aufregend für uns Lehrerinnen und Lehrer und er ist auch was Schönes. Aber dieses Mal ist es besonders. Die Klassen haben sich ein halbes Jahr nicht gesehen, das ist schon mal sehr aufregend. Dann kommt hinzu, dass wir sehr viele Regeln haben und uns fragen: "Klappt das alles?" Die Gebäude sind nicht so ausgestattet, wie es sein müsste. "Kann ich überhaupt die Fenster öffnen, um zu lüften? Wie funktioniert das alles mit den Masken? Wann müssen die getragen werden? In den Pausen schon, im Unterricht nicht." Das muss sich alles einpendeln.

Wie stark sind Ihre Kolleginnen und Kollegen gefordert? Diese müssen nun, über das Pädagogische hinaus, medizinisch und infektiologisch denken.

Pooth: Wir haben uns in Niedersachsen die Mühe gemacht, die Arbeitsbelastung der Lehrkräfte in einer Studie wissenschaftlich beweisen zu lassen. Das war noch vor der Corona-Pandemie. Da kam schon raus, dass die Belastung sehr, sehr hoch ist, dass die meisten Lehrkräfte viel mehr arbeiten, als sie eigentlich müssten. Jetzt kommt genau das, was Sie sagen, noch hinzu.

Wir haben immer gefordert, dass der Minister verschiedene Pläne für unterschiedliche Szenarien vorlegen muss, je nach Infektionsgeschehen. Es ist gut, dass das auch passiert ist. Nun liegen aber auch Pläne vor, wie diese Hygienemaßnahmen umzusetzen sind. Dadurch sind die Kolleginnen und Kollegen an den Schulen sehr gefordert, das auf ihre Schüler runterzubrechen, damit die verstehen, welche Regelungen gelten und umgesetzt werden. Das heißt, es kommt eine zusätzliche Belastung auf alle zu.

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Das Ziel ist Präsenzunterricht. Aber je nachdem, ob es eine zweite Welle gibt und wie sie verläuft, wäre der Digitalunterricht wieder das Maß der Dinge. Wie gut sehen Sie die niedersächsischen Schulen dafür gerüstet?

Pooth: Es ist eine Illusion, zu glauben, man könnte den Unterricht, der in der Schule stattfindet, eins zu eins über einen Bildschirm nach Hause übertragen. Die meisten Lernforscher sagen, dass ein Lernzuwachs schwierig ist, wenn ich alleine zu Hause vor dem Tablet lerne, sitze und wische. Lernen hängt von der sozialen Interaktion ab, vom Kontakt mit den Mitschülern und der Rückmeldung der Lehrkräfte.

Aber wir können uns dem nicht verwehren, wir werden digitale Endgeräte weiter benötigen. Wir haben eine Umfrage unter unseren Lehrkräften in Niedersachsen gemacht. Es ist erschreckend, dass 91 Prozent der Befragten antworteten, sie hätten gerne eine Fortbildung gemacht - aber es mangelt eben an Fortbildungsangeboten. Das ist das A und O, dass die Lehrkräfte die Möglichkeit bekommen, sich auf diesem Gebiet fortzubilden.

Eine Ihrer Forderungen ist: mehr Lehrkräfte einzustellen. Gerade in der angespannten Situation, unter Corona-Bedingungen, verschärft sich das. Aber auch schon vorher gab es zu wenige Lehrkräfte. Woher nehmen, wenn nicht stehlen?

Pooth: Das ist genau das Problem. Es gab auch schon vor Corona zu wenige Lehrkräfte, weil einfach viel zu lange viel zu wenig in Bildung investiert worden ist. Das heißt, es ist zu wenig ausgebildet worden. Es gibt Möglichkeiten, denn der Mangel ist besonders hoch an den Haupt-, Real- und Oberschulen, und die sind nun mal wesentlich schlechter bezahlt, als zum Beispiel die Lehrkräfte an Gymnasien. Das heißt, erstens muss das Gehalt angeglichen werden. Das zweite ist, dass Schulen inzwischen nicht mehr nur aus Lehrkräften bestehen.

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Es gibt auch pädagogische und therapeutische Fachkräfte, die gerade jetzt von besonderer Bedeutung sind. Da hat sich das Land seinen Personalmangel quasi selbst verschafft, weil nicht genug Geld zur Verfügung gestellt wird. Diese Fachkräfte werden in Zwangsteilzeit gehalten und bekommen keine Möglichkeit, ihre Verträge aufzustocken, beziehungsweise nur ein gewisser Teil von ihnen. Da ist mein Appell an den Ministerpräsidenten und an den Finanzminister, das nötige Geld zur Verfügung zu stellen. Dann hätten wir schon ein Problem weniger.

Man hilft sich an der Stelle auch gerne mit Quereinsteigerinnen und Quereinsteigern. Wie stehen Sie dazu?

Pooth: Es kann sicherlich eine Bereicherung für den Schulbetrieb sein, wenn Fachkräfte kommen, die auch einen anderen Beruf erlernt haben. Allerdings ist es wichtig, dass die für den Lehrberuf qualifiziert werden und nicht sofort ins kalte Wasser geworfen werden; dass sie zunächst weniger unterrichten und dafür berufsbegleitend eine Qualifikation bekommen. Das passiert noch viel zu wenig, da braucht es dringend Nachsteuerung.

Finanzielle Mittel wären auch für die Schulgebäude wichtig. Viele haben nicht mal mehr ein Waschbecken im Klassenzimmer, was gerade in Corona-Zeiten wichtig wäre. Glauben Sie, dass sich da nun etwas ins Positive bewegt, oder dass es durch Corona eher einen Sanierungsstau geben wird?

Pooth: Den Sanierungsstau haben wir schon seit mehreren Jahren. Gerade in den letzten Tagen ist mir noch einmal deutlich geworden, dass es nie jemanden interessiert hat, dass die Schulen marode sind, dass der Putz von der Decke kommt, dass es in Teilen schimmelt - obwohl wir es immer skandalisiert haben. Jetzt, in der Corona-Zeit, wo uns das auf die Füße fällt und die Folgen davon sein können, dass es zu Ansteckungen in der gesamten Gesellschaft führt, weil nicht einmal die Grundlagen für das Händewaschen da sind, da schaffen wir es zum ersten Mal, das überhaupt zum Thema zu machen.

Wenn wir eine Lehre ziehen können aus dieser Corona-Zeit, dann ist das eine davon: nämlich, dass über Jahre zu wenig investiert worden ist und das dringend in Angriff genommen werden muss. Das ist das Mindeste, was man fordern kann: dass die Grundlagen für das Händewaschen in Zeiten einer Pandemie an Schulen zur Verfügung stehen.

Mikrofon im NDR Kultur Sendestudio © NDR.de Foto: Mathias Heller

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Das Interview führte Jürgen Deppe

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NDR Kultur | Journal | 27.08.2020 | 19:00 Uhr