Stand: 31.05.2018 00:01 Uhr

Oper "Carmen": Eine ziemlich moderne Geschichte

von Peter Helling

Das Hamburger Ernst-Deutsch-Theater zeigt ganz große Oper mit Spaßfaktor: Georges Bizets "Carmen" mit kleinem Orchester und einer jungen Sängerbesetzung. Die heißblütige Handlung aus dem Spanien von 1800 hat einiges mit dem Film "Fack ju Göhte" gemein - inklusive unwiderstehlichem Referendar und Stierkämpfer im Football-Trikot.

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"Carmen": Das Hamburger Ernst-Deutsch-Theater transportiert den Opern-Stoff in die heutige Zeit.

Wenn die Schulklasse im Unterricht mehr oder weniger lustlos mit Instrumenten rasselt, dann ist das die Version von "Carmen", wie viele sie kennen. Es ist vielleicht die bekannteste Oper überhaupt. Soomi Hong singt die Titelpartie im Ernst-Deutsch-Theater: "Was wir singen, ist die Musik von 'Carmen', aber was wir auf der Bühne spielen, ist eine völlig andere Geschichte. Ich weiß, wenn ich auf Französisch singe, worum es geht - aber was in den Untertiteln steht, ist etwas völlig anderes."

Die coolste Schülerin von allen

Die Unter- oder vielmehr Übertitel sind der Clou der Aufführung: Wer kein Französisch kann, der guckt unweigerlich hin. Aber da steht jetzt nicht mehr die wortwörtliche Übersetzung, sondern es taucht eine ziemlich moderne Geschichte auf. Die Oper spielt in einer Schule von heute - und Carmen ist die coolste Schülerin von allen, ein Vamp. "Das hab ich daraus genommen, dass sich Carmen relativ unreif verhält und sich immer irgendwie rauslaviert - und letztlich auch unreif mit Gefühlen umgeht, immer gleich total hochkocht", erklärt Regisseurin Inken Rahardt.

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Carmen als Instagram-Star

Ein Hauch "Fack ju Göhte" weht durchs Ernst-Deutsch-Theater. Es spielt zwar die Originalmusik - leidenschaftlich und frisch gesungen - aber über die Bühne schlurfen Schüler, die klauen sich die Rucksäcke, machen pausenlos Selfies, ziehen verstohlen an einer Kippe. Carmen, immer mit Smartphone in der Hand, gibt den Ton an. "Ich finde das ganz toll, mal zu gucken, was Carmen als Instagram-Star umtreiben könnte, und die Übertitelung mit den Hashtags passt dann folgerichtig dazu", sagt Rahardt.

Hashtags im Schüler-Lehrer-Drama

Die Hashtags ploppen über der Bühne auf, wenn sich die Schüler per Smartphone Nachrichten schicken. Das Bühnenbild besteht aus zwei kreisförmigen Elementen, die sich ringförmig gegeneinander drehen, oben sitzt das kleine Kammerorchester. Schülerin Carmen führt den Cheerleader-Chor der Schule. Statt eines liebevollen Kusses von der Mutter bekommt Junglehrer Don José hier eine Schale Milchreis von zu Hause.

Die vielleicht berühmteste Oper der Welt als Schüler-Lehrer-Drama. Und das spitzt sich zu: Denn wie im Original rührt die Geschichte an einem Tabu, unterstreicht die Regisseurin: "Der Konflikt ist natürlich, dass diese Liebe nicht sein darf." Wenn Carmen den Referendar verführt, werden sie ausgerechnet von Escamillo erwischt und mit dem Handy gefilmt. Die Übersetzung davon? "Ich poste das jetzt mal!" Und damit steigt der Druck auf alle. Der Abend lebt von der Reibung aus Text, aus Musik und Handlung. Soomi Hong geht dafür bis an ihre Grenze: "Ich bin in asiatischer Kultur aufgewachsen, die Frauen meiner Generation dürften nicht so ihre leidenschaftliche Seite zeigen." Sie trägt eine Jeansjacke mit der Aufschrift "liberté", hat eine punkige Frisur mit blauen Strähnen und rote Cowboyboots. "Sie sozusagen eine femme fatale, was ich nie im echten Leben sein kann", erklärt Hong weiter.

Dort wird "Carmen", die klassische Story von der Verführerin mit "Zigeunerblut" - auch so ein Wort von gestern, zum Kampf um die Wahrheit der Gefühle im Hier und Heute - mit großem Augenzwinkern.

Oper "Carmen": Eine ziemlich moderne Geschichte

"Carmen" als coole Schülerin, Selfies, Hashtags, Instagram: Das Ernst-Deutsch-Theater in Hamburg zeigt Georges Bizets Oper in einer sehr modernen Fassung.

Art:
Bühne
Datum:
Ort:
Ernst-Deutsch-Theater
Friedrich-Schütter-Platz 1
22087  Hamburg
Telefon:
(040) 22 70 14 20
Preis:
Karten ab 22 Euro
Öffnungszeiten:
Das Service Center ist zu folgenden Zeiten geöffnet:
Montag bis Sonnabend: 10 bis 18.30 Uhr
Sonntag und Feiertage: 14 bis 18 Uhr

An vorstellungsfreien Sonn- und Feiertagen bleibt das Service-Center geschlossen. Die Abendkasse öffnet jeweils eine Stunde vor Vorstellungsbeginn.
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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 30.05.2018 | 19:00 Uhr

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