Stand: 04.08.2020 09:30 Uhr

Halbzeitbilanz bei den Musiktagen in Hitzacker

von Marcus Stäbler

Ein-Stunden-Konzerte ohne Pause und umsichtige Hygienemaßnahmen zum Schutz der Festival-Besucher: Die Sommerlichen Musiktage Hitzacker und ihr Veranstalter Oliver Wille versuchen der Corona-Pandemie zu trotzen. Noch bis 9. August läuft Deutschlands ältestes Kammermusikfestival. Zeit, eine erste Bilanz zu ziehen.

Isabelle Faust bei den Sommerlichen Musiktagen Hitzacker 2020 © NDR.de Foto: Marcus Stäbler
Isabelle Faust bei den Sommerlichen Musiktagen Hitzacker 2020

Montagabend, dritter Festivaltag im Konzertsaal Verdo in Hitzacker: Die Geigerin Isabelle Faust spielt zwei Violinsolosonaten von Johann Sebastian Bach - und dazwischen eine Hommage an Bach vom ungarischen Komponisten György Kurtág. In der wunderbar transparenten und zugleich sehr beseelten Interpretation von Isabelle Faust scheinen sich die Grenzen zwischen den Epochen stellenweise aufzulösen.

Alte und Neue Musik rücken näher aneinander, als man denkt - nicht ohne Grund, wie Isabelle Faust sagt: "Ich habe sehr oft das Feedback bekommen, dass die barocke Musik plötzlich moderner klingt und das Moderne aber auch deutlich vom Alten inspiriert."

Wie traumwandlerisch sicher sich die Geigerin in beiden Sphären bewegt und Strukturen und emotionale Botschaften enthüllt, kann einen tief berühren. Ihr Auftritt ist ein Höhepunkt der 75. Sommerlichen Musiktage, an den man sich noch lange erinnern wird.

Musikalische Dialog zwischen Tradition und Gegenwart

Die Begegnung von Bach und Kurtág folgt der zentralen Programmidee des Festivals und seines Intendanten Oliver Wille: "Über den Musiktagen steht 'Tradition trifft Moderne'". Dieser Gedanke spiegelt sich auf verschiedenen Ebenen. Zunächst natürlich in der Auswahl der Werke, wenn Bach auf Kurtág trifft oder Quartette von Beethoven auf zeitgenössische Sounds und Rhythmen des Schlagzeugers Johannes Fischer.

Aber der Dialog zwischen Tradition, Gegenwart und Zukunft ist auch an der Auswahl der Gäste abzulesen. Neben längst etablierten Klassik-Stars wie Isabelle Faust oder Sabine Meyer sind auch jüngere Künstlerinnen und Künstler zu erleben, wie die Geigerin Bomsori Kim, die mit ihrem singenden Ton begeistert.

Jubiläumsjahr mit Überraschungsgästen

Außerdem hat Intendant Oliver Wille im Jubiläumsjahr einige seiner Vorgänger eingeladen - darunter Claus Kanngießer und Wolfgang Boettcher, zwei der renommiertesten Cellisten ihrer Zeit. Die beiden plauderten schon am Nachmittag bei einem Gesprächskonzert im Kurpark kurzweilig über ihre Erfahrungen als Intendanten während der 80er- und 90er-Jahre, aber auch über ihre früheren Auftritte in Hitzacker.

Wolfgang Boettcher erinnert sich noch leibhaftig an Konzerte im Hotel Waldfrieden mit seiner sommerlich schwülen Hitze: "Du spielst in 'Schwitzacker', hieß es damals." Heute finden die Veranstaltungen längst im klimatisierten Verdo, dem ehemaligen Kurhaus von Hitzacker, statt.

Weniger Publikum durch Hygieneregeln

Besucher bei den Sommerlichen Musiktagen in Hitzacker © NDR.de Foto: Marcus Stäbler
Die Hygieneregeln werden bei den Sommerlichen Musiktagen Hitzacker umgesetzt.

Um das Infektionsrisiko während der Corona-Pandemie möglichst gering zu halten, dürfen dieses Jahr nur 150 statt 680 Besucher zur selben Zeit im Saal sitzen, die Stuhlpaare sind mit ausreichend Abstand zueinander rund um eine imaginäre Bühne etwa in der Mitte des Raums angeordnet. Die Musikerinnen und Musiker werden vom Publikum umringt.

"Für mich hatte es eine extrem große Intimität," sagt die Sopranistin Sarah Maria Sun. Gemeinsam mit fünf Instrumentalistinnen der Spitzenklasse fesselte Sun im Eröffnungskonzert in einer Aufführung von Schönbergs Melodram "Pierrot lunaire". Eine von vielen spannenden Herausforderungen, mit denen das älteste Kammermusikfestival Deutschlands sich und seine Besucher jung hält.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 04.08.2020 | 06:40 Uhr