Stand: 24.07.2019 16:46 Uhr

Pedro Almodóvar: "Ich habe Angst vor der Zeit"

Im neuen Film Pedro Almodóvars geht es um einen älter gewordenen, berühmten Filmregisseur, der von vielerlei Schmerzen geplagt ist und sich in einer Schaffenskrise befindet. Daniel Guthmann und Joachim Palutzki haben Almodóvar in seiner Produktionsfirma in Madrid getroffen und mit ihm über sein jüngstes Werk, über die Inspiration für seine Filme und über seine eigenen Lebenserinnerungen gesprochen.

Herr Almodóvar, in Ihrem Film lassen sich starke autobiografische Bezüge erkennen, auch wenn sie natürlich mit fiktionalen Elementen vermischt sind. Empfinden Sie selbst diesen Film als Ihren persönlichsten?

Bild vergrößern
"'Leid und Herrlichkeit' ist der Film, der mich am intimsten repräsentiert", sagt Pedro Almodóvar.

Pedro Almodóvar: Es gibt auf jeden Fall autobiografische Bezüge, aber ich würde nicht so weit gehen zu sagen, dass der Film meine Autobiografie ist. Man darf die Geschehnisse im Film nicht wortwörtlich verstehen. Aber es ist wahr, dass die wichtigsten Eigenschaften der Hauptfigur und die Situationen, die sie erlebt, aus meiner eigenen Erfahrung stammen. Ich habe mich selbst als Referenz genommen. Ich hätte das Drehbuch nicht geschrieben, wenn ich mich vorher nicht einer Rückenoperation hätte unterziehen müssen, mit allen Konsequenzen, die so eine Operation mit sich bringt. Es war eine komplizierte Operation mit so schrecklichen Nachwirkungen, dass sie einen für das restliche Leben prägt.

Es ist mir eigentlich ziemlich peinlich, über meine eigenen Schmerzen zu schreiben, sie zum Thema zu machen. Aber dann, als ich einmal mit dem Schreiben begonnen hatte und alles langsam Form annahm, bin ich an einem Punkt angelangt, an dem das Verlangen, weiter zu schreiben, stärker war als alle Bedenken - nach einer Phase des Zweifelns und des Erschauderns darüber, dass ich selbst das Vorbild für die Hauptfigur des Films sein würde. Das ist das erste Mal, dass mir das als Drehbuchautor passiert ist. Es ist schon so, dass sich meine Persönlichkeit in allen meinen Filmen widerspiegelt, alle meine Filme sind sehr persönlich, aber in der Tat ist dieser Film derjenige, der mich am meisten repräsentiert und vor allem, der mich am intimsten repräsentiert.

Man kann sagen, dass alle Schicksalswege, die die von Antonio Banderas gespielte Figur durchläuft, mir vertraut sind, und dass ich sie selbst auch durchschritten habe. Nicht in jedem Fall auf die gleiche Art wie die Filmfigur, aber ich kenne sie alle.

In "Leid und Herrlichkeit" leidet der Regisseur nicht nur unter körperlichem Schmerz, sondern auch an einer Art Depression. Wie erleben Sie selbst das Älterwerden?

Bild vergrößern
Für Salvador Mallo (Antonio Banderas) ist und war seine Mutter Jacinta (Julieta Serrano) der Fels in der Brandung.

Almodóvar: Es ist schon so, dass ich bestimmte Ängste habe. Ich habe vor allem Angst vor der Zeit. Das Verrinnen der Zeit bedrückt mich sehr. Es ist wahrscheinlich nicht gut, so zu denken, aber ich bemerke einfach immer mehr die Unannehmlichkeiten und die Verluste, die das Älterwerden mit sich bringt. Ich bin zwar noch kein alter Mann, aber wenn ich an mich in den 1990er-Jahren zurückdenke, gibt es vieles, was ich jetzt nicht mehr kann - oder was mich jetzt sehr viel mehr Mühe kostet. Ich habe auch nicht mehr dieses absolute Vertrauen in meine schöpferische Kraft, auf die ich mich von klein auf immer verlassen konnte. Ich habe schon Angst, dass sie schwächer wird, denke aber, das ist etwas ganz Natürliches. So wie bei besonders hübschen Menschen, die sich in ihrer letzten Lebensphase damit abfinden müssen, dass ihnen ihre Schönheit abhandenkommt. Meine Schönheit bestand in meiner schöpferischen Kraft, die mir von der Natur verliehen wurde und mir genauso gut auch wieder genommen werden kann. Ich will es natürlich nicht hoffen.

Es heißt, dass Sie in den 80er- und 90er-Jahren während der Dreharbeiten zu einem Film nicht nur bereits in den Nächten am Schnitt desselbigen Films gearbeitet haben, sondern zugleich auch schon am Drehbuch des nächsten Films! Wie ist diese Lust am Filmemachen entstanden, und was war der Motor für die nie versiegende Kreativität?

Almodóvar: Ich glaube, ich wurde mit der Leidenschaft für das Kino geboren. Jedenfalls bin ich mir schon als Kind dieser Leidenschaft bewusst geworden, und als Teenager war ich bereits felsenfest dazu entschlossen, Filmemacher zu werden. Es war aber schwer zu verwirklichen, denn es war klar, dass meine Familie kein Geld haben würde, um so etwas zu bezahlen und ich natürlich auch nicht. Als ich mit 18 Jahren nach Madrid kam, um dort meinen Traum zu verwirklichen, hatte der Diktator Franco gerade die staatliche Filmschule schließen lassen. Also gab es zu dieser Zeit keine Möglichkeit, Film zu studieren. Und ich hatte anfangs nicht einmal genügend Geld, um einen Kurzfilm auf die Beine zu stellen.

Ihre ersten Spielfilme dokumentieren wichtige Orte der madrilenischen Subkultur und das Lebensgefühl Anfang der 80er-Jahre. Es scheinen im Vergleich zu heute "wilde Jahre" gewesen zu sein.

Filmtipp

Antonio Banderas als Alter Ego einer Regielegende

In Rückblenden wird im Film "Leid und Herrlichkeit" die Geschichte des Regisseurs Salvador Mallos erzählt. Es gibt viele Parallelen zur Biografie des Regisseurs Pedro Almodóvar. mehr

Almodóvar: Wir lebten in dieser musikdurchtränkten, nächtlichen Welt der Clubs und Diskotheken - das war gewissermaßen unsere Universität. Und die Nacht ging in Madrid nie zu Ende! Dabei spielten Drogen natürlich eine wichtige Rolle. Es war auch so, dass wir von unseren großen Vorbildern, Ikonen der Popkultur wie David Bowie oder Iggy Pop, Lou Reed oder auch von Schriftstellern wie William Burroughs wussten, dass sie alle eine Menge Drogen nahmen. Außerdem waren es sehr hedonistische Jahre, die geprägt waren von großer Lebenslust und schöpferischer Kraft. Es ging uns um eine bestimmte Lebensweise, die Lichtjahre entfernt von dem schien, was ältere Generationen uns vorgelebt hatten. Das Wichtigste war ein grundlegender Wandel des Verhaltens und der Mentalität.

Von den Gefahren der Drogen wussten wir zunächst wenig. Ich hatte jedoch das Glück, dass ich aus einem bestimmten Instinkt heraus und vielleicht auch ganz einfach, weil ich andere Arten von Drogen bevorzugte, niemals Heroin ausprobiert habe. Aber ich wusste natürlich viel darüber, ich lebte ja inmitten von Leuten, die es nahmen. Mir sind schon früh die katastrophalen Auswirkungen dieser Droge aufgefallen und sie selbst nicht zu nehmen, machte mich ein Stück weit zum Außenseiter. Darum ist die Erinnerung an die "Movida" für mich eine süße Erinnerung mit bitterem Beigeschmack. Ich bin sehr froh, dass ich die Gelegenheit hatte, diese Jahre mit zu erleben, damals jung gewesen zu sein. Aber ich habe natürlich nicht an die Gefahren unserer Lebensweise gedacht. Und dennoch: Wenn ich erneut vor die Wahl gestellt würde, würde ich wahrscheinlich zu meinem Lebensstil der 1980er-Jahre zurückkehren.

Andererseits hat jemand mal mit Recht gesagt, dass die "Movida" für die Menschen meiner Generation quasi unser Vietnamkrieg war. Es hatte auch eine tragische Seite, weil mehr als die Hälfte unserer damaligen Freunde frühzeitig verstorben ist. Das gehört auch zur Wahrheit. Auch das war Teil des Abenteuers.

Ist eine solche Situation, wie sie im neuen Film dargestellt wird, dass ein Schauspieler während Dreharbeiten unter Drogen stand, tatsächlich einmal vorgekommen?

Porträt

Antonio Banderas: Vom "Zorro" zum Palmensieger

Pistolero, Picasso, gestiefelter Kater, Zorro, schwuler Lover: Antonio Banderas kann alles. Mit Stammregisseur Pedro Almodóvar erlebt der 58-Jährige nun einen neuen Höhenflug. mehr

Almodóvar: In der Vergangenheit ja. Besonders in den 80er-Jahren wurden bestimmte Drogen nicht nur nachts in den Clubs eingenommen, sondern auch während der Dreharbeiten. Die Drogen schienen das Filmen einfacher zu machen, weil wir kaum schlafen mussten und mehr Arbeit geleistet werden konnte. Das war aber ein sehr trügerisches Gefühl.

Ich habe das noch nie erzählt, aber ich erinnere mich daran, dass ich während der Dreharbeiten zu "Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs", also 1987, tatsächlich mal ein Verbot ausgesprochen habe. Und zwar war mir aufgefallen, dass die Drogen, die das Team konsumiert hat, überhand genommen hatten. Bei einigen Gelegenheiten habe ich mitgemacht, da wir viel gearbeitet hatten, aber mir wurde bewusst, wie unsinnig das war. Also sprach ich ein Verbot aus. Nachher im Hotel konnte ja jeder machen, was er wollte, aber während der Dreharbeiten sollten keine Drogen mehr genommen werden.

Die Dreharbeiten am Set damals, das war, als wenn Du einen Nachtclub betrittst. Man konnte praktisch nichts sehen durch den ganzen Qualm der Zigaretten, die wir rauchten. Das ganze Set war eingenebelt. Na ja, gut, das waren halt die freien 80er-Jahre, das musste natürlich gefeiert werden, aber es musste eben auch gearbeitet werden!

Das Gespräch führten Daniel Guthmann und Joachim Palutzki

Der spanische Filmregisseur, Produzent und Drehbuchautor Pedro Almodóvar trägt eine Sonnenbrille und winkt. © picture alliance/Fred Dugit/MAXPPP/dpa Foto: Fred Dugit

Das komplette Gespräch zum Nachhören

NDR Kultur - Das Gespräch -

In einem exklusiven Interview für NDR Kultur spricht der Regisseur Pedro Almodóvar über sein jüngstes Werk, über die Inspiration für seine Filme und über seine eigenen Lebenserinnerungen.

3,67 bei 3 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Das Gespräch | 27.07.2019 | 18:00 Uhr

Mehr Kultur

47:28
NDR Info

Fatima

NDR Info
04:32
NDR Fernsehen