Stand: 06.09.2017 14:17 Uhr

Politisches Blind Date im Chatraum

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Louis Klamroth will im Chat Menschen zusammenbringen, die nicht einer Meinung sind.

Vier Freunde, die sich aus der Schulzeit kennen, wollten aus ihrer Filterblase heraus und haben die Internetseite "Diskutier Mit Mir" an den Start gebracht. Unterstützt wird das Projekt von der Bundeszentrale für politische Bildung und der Schöpflin Stiftung. NDR Kultur hat mit einem der Gründer, dem n-tv-Moderator Louis Klamroth, gesprochen.

Was ist die Grundidee hinter "Diskutier Mit Mir"?

Louis Klamroth: Die Grundidee von "Diskutier Mit Mir" ist, dass wir festgestellt haben, dass wir alle online und offline in Filter- und Meinungsblasen feststecken. Von den Algorithmen in den sozialen Netzwerken bekommen wir eigentlich nur Inhalte gezeigt, denen wir so auch zustimmen. Und offline, wenn wir ehrlich sind, denken unsere Freunde und Bekannten in den großen politischen Fragen eigentlich gleich. Wir meinen aber, dass es für die Demokratie und das Zusammenleben unabdingbar ist, mit Menschen in Kontakt zu kommen, die andere Perspektiven und Meinungen haben. Mit unserem Projekt versuchen wir daher, diese Blasen zum Platzen zu bringen und Menschen mit unterschiedlichen politischen Perspektiven in ein Gespräch zu bringen.

Die Idee, Leute mit gegensätzlicher Meinung zusammenzubringen, gibt es schon länger. Was ist das Neue an Ihrem Projekt?

Klamroth: Das Prinzip von "Diskutier Mit Mir" ist denkbar einfach. Man geht auf unsere Internetseite und sagt zunächst, wo man politisch steht, ob jetzt bei einer Partei oder in einem politischen Spektrum von links bis rechts. Der Algorithmus matcht einen dann automatisch mit einer Person, die politisch möglichst weit entfernt steht. Man gelangt dann in einen Eins-zu-eins-Chatraum und bekommt aktuelle politische Thesen vorgelegt, die man dann diskutieren kann. Das Schöne daran: Dadurch, dass dies online und anonym passiert, trifft man da auf Menschen, die auch ganz andere Lebensrealitäten haben. Also jemand, der auf dem Land lebt, trifft jemanden, der in der Stadt lebt. Oder alte Menschen treffen junge. Und so entstehen Begegnungen, die man sonst nicht hätte.

Greifen Sie in den Dialog noch ein, nachdem Sie die These reingegeben haben?

Klamroth: Die Gespräche werden nicht moderiert und die Thesen automatisch vorgegeben. Niemand kann in diese Chats reingucken, nicht einmal wir, die bleiben komplett anonym und tatsächlich nur eins zu eins. Wir wollten, dass dieser Raum so privat wie möglich ist, damit Menschen dort vielleicht auch Gedanken ausdrücken können, die sie für sich vielleicht schon einmal hatten, aber eben noch nie anderen gegenüber geäußert haben. Um sich auch einmal ein bisschen auszuprobieren: Wie wirkt das, wenn ich so ein Argument tatsächlich mal ausspreche oder eintippe?

Wie sind denn Ihre ersten Erfahrungen?

Klamroth: Die sind super. Wir sind sehr erfreut, dass schon so viele Menschen mitgemacht haben. Wir hatten in den ersten zwei Tagen schon 30.000 Zugriffe, haben über 5.000 Gespräche ermöglicht und bekommen sehr viel positives Feedback. Zum Beispiel von Menschen, die sagen, sie hatten eine kontroverse und harte Diskussion, fanden es aber sehr interessant, einmal mit jemandem aus einem anderen politischen Lager zu sprechen. Worüber ich mich besonders freue, sind Menschen, die uns schreiben: "Hey, das Gespräch hat mir ganz andere Perspektiven eröffnet und jetzt hinterfrage ich auch noch einmal meine eigene Meinung, meine eigenen Argumente." Dass man dazu gezwungen wird, sich selbst zu hinterfragen, ist das Schönste an dem Projekt. So fragt man sich: Sind die Argumente, die ich immer parat hatte, stringent? Gelten die eigentlich noch, oder gibt es vielleicht auch Perspektiven, die anders sind, aber genau so valide?

An welche Zielgruppe richtet sich das Projekt?

Klamroth: Die Zielgruppe von "Diskutier Mit Mir" sind tatsächlich alle Menschen, die offen genug dafür sind, ihre Komfortzone zu verlassen und sich mit anderen Meinungen auseinanderzusetzen. Insofern laden wir jeden herzlich ein, mitzumachen, egal mit welchem Hintergrund. Wir wollen, dass so viele Menschen wie möglich an der Diskussion teilnehmen und haben die Seite auch so niedrigschwellig wie mögliche designt. Man braucht nur vier Klicks, bis man im Chat ist, und das Ganze passiert, wie gesagt, anonym.

Das ist ein bisschen wie Speed Dating, oder?  

Klamroth: "Diskutier Mit Mir" wurde in der Tat schon als politisches Tinder, Speed Dating oder Chat Roulette bezeichnet. Ich glaube, das trifft es alles so ein bisschen, weil man tatsächlich in eine Art Blind Date mit jemandem geworfen wird. Allerdings achten wir darauf, dass diese Personen gerade nicht zusammenpassen. Wir bringen Menschen in einem Chatraum zusammen, die eigentlich von ihrer politischen Einstellung her nicht miteinander reden würden.

Das Gespräch führte Anna Novák.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 06.09.2017 | 14:20 Uhr

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