Ingo Schulze © picture alliance/Soeren Stache/dpa Foto: Soeren Stache

Ingo Schulze - Hineingeboren in die Mauer

Stand: 12.08.2021 07:36 Uhr

Am 13. August jährt sich der Tag des Mauerbaus zum 60. Mal. Autor Ingo Schulze wurde ein Jahr nach dem Mauerbau in Dresden geboren und thematisiert in seinen Romanen und Erzählungen immer wieder die DDR, die Nachwendezeit und die Auswirkungen der Teilung bis heute.

Ingo Schulze © picture alliance/Soeren Stache/dpa Foto: Soeren Stache
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Herr Schulze, Sie wurden ja quasi in den Mauerbau hineingeboren. So haben Sie es selber formuliert. Was hat man in Ihrer Familie vom 13. August 1961 erzählt? Wie haben Ihre Eltern den Mauerbau erlebt?

Ingo Schulze: Ich glaube, das war wie für die allermeisten ein Schock. Man hat nicht für möglich gehalten, dass es so etwas geben könnte. Es gab schon Planungen, das Studium im Osten zu machen und dann eventuell wegzugehen, was ja schon eine schwierige Haltung ist. Aber ich glaube, solche Pläne existierten.

Wie haben denn Ihre Eltern erzählt? Welche Haltung hatten sie? Waren sie überzeugt vom System der DDR oder schielten sie immer auch in Richtung Westen?

Schulze: Ich bin nur bei meiner Mutter aufgewachsen. Mein Vater ist richtig im Container mit seiner neuen Familie 1977 in den Westen geflüchtet. Die wussten nicht, wer diesen Container aufmacht an der Grenze oder dann zum Glück eben doch erst im Westen. Meine Mutter war Ärztin und wir hatten eigentlich keine Absichten, in den Westen zu gehen. Für sie war es natürlich auch so, dass sie sich ihren Patientinnen und Patienten verpflichtet fühlte. Und bei mir war es so, als ich zu Bewusstsein kam, dachte ich, es ist längst noch nicht so ein Druck da, dass ich gehen müsste. Und der hat sich bei mir auch in dem Sinne nicht eingestellt. Also ich habe mich - ich will nicht sagen im Widerstand, aber doch irgendwie im Dagegen am richtigen Platz gefühlt.

Hatten Sie das Gefühl, hinter oder vor der Mauer zu leben. Wie ging es Ihnen damit?

Schulze: Das ist eine gute Frage. Man hat natürlich nicht jeden Tag darüber nachgedacht, warum man nicht nach Rom oder Paris kann, weil man das natürlich auch im eigenen Land nicht ausgeschöpft hat. Aber natürlich war es ein Ding, das alles nicht sehen zu können. Ich glaube, es war gar nicht so sehr West-Berlin oder Süddeutschland, aber als ich das erste Mal nach Italien kam, da dachte ich: ja, verdammt noch mal! Nicht dass ich das irgendwann mal schön gefunden hätte mit der Mauer, aber die ganze Bedeutung ist mir eigentlich erst danach klar geworden.

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Was Ihnen auch so entgangen ist vielleicht, oder?

Schulze: Natürlich. Wenn man alle Sprachen studiert, Latein und Griechisch, da bietet es sich doch an, dass man nach Griechenland und Italien fährt. Aber auch wenn man nur irgendwo hin an einen Strand will und eben nicht ewig nach Bulgarien, Rumänien oder an die Ostsee. Aber andererseits war es für mich so, auch wenn bei uns keiner in der Partei war oder in einer Blockpartei, fand man das  Sozialistische schon ganz gut, aber eben nicht diese Undemokratie und Unfreiheit, die da herrschten.

Kommen wir zu Ihren Geschichten, zu Ihren Büchern. Sie leuchten in Ihren Texten ja immer auch in die Innenwelten der Menschen. Was richtet da eine Mauer an? Wie prägt sie die Menschen?

Schulze: Ich habe schon gestaunt, als ich ältere Kolleginnen und Kollegen kennenlernte, die wirklich unter diesem geteilten Land gelitten haben. Das kann ich so für mich nicht sagen, weil ich das natürlich so auch nie erlebt habe. Ich habe es eher so erlebt, dass die Mauer bei vielen für das Misslungene herhalten musste. Also wenn es die Mauer nicht gäbe, dann hätte ich ja...

Inzwischen ist Deutschland vereint, seit über 30 Jahren im November. In diesem Jahr werden es 32 Jahre. Das ist länger als die Mauer stand. Dennoch ist die Mauer vielfach spürbar in den Seelen, in den Köpfen. Woran liegt das? Was stimmt nicht oder klappt nicht?

Schulze: Ich glaube, das sind gar nicht so metaphysische Dinge. Man kann es vielleicht auf den Begriff bringen: Dass wir Ostler es nur zu einem Beitritt geschafft haben, unter großer Mithilfe von Kohl und vielen anderen und dass es eben keine Vereinigung geworden ist, das ist die Schwierigkeit, glaube ich. Dadurch haben einfach so ungleiche Bedingungen eingesetzt. Es gibt in Europa keine Bevölkerung, die dort, wo sie lebt, so wenig an Grund und Boden, Immobilien und Betrieben gehört und auch die Führungspositionen. Und das ist eine Sache, die nicht nur in den 90er Jahren so war, sondern die sich verstetigt hat. Und dadurch vererbt sich im wahrsten Sinne des Wortes schon so eine Ungleichheit und damit geht jeder anders um. Das ist dann auch schwer zu generalisieren, aber ich glaube, so eine Grundenttäuschung ist doch im Osten und selbst bei mir - ich wohne in Westberlin. Aber dieses Reden immer über den Osten, das macht mich seit ein paar Jahren ziemlich fuchtig.

Wie sehr ist bei Ihnen die Mauer noch präsent, noch spürbar - im Alltag und vor allem auch am Schreibtisch?

Schulze: Ich bin sehr glücklich mit einer Frau aus der Pfalz verheiratet. Sie hat zwei Söhne, ich habe zwei Töchter. Und das ist für uns nicht jeden Tag ein Thema, aber es gibt doch unentwegt Dinge abzugleichen, manchmal ironisch, manchmal fetzen wir uns auch. Das spielt da schon eine Rolle. Ich war 26 im Herbst 1989 oder dann 1990 27 und das ist natürlich eine Prägung. Und die Unterschiede hören ja '89 oder '90 nicht auf. Ich halte für das, was jetzt passiert, beinahe noch prägender, was unmittelbar danach geschah. Und das gehört zu meinem Leben und das ist der Erfahrungsschatz, den man hat, um zu schreiben. Aber es geht natürlich immer um das Heute, um das Jetzt und Ost/West ist nur ein Level in dem, was einen beschäftigt. Aber es spielt halt in vieles hinein und ist, wenn man sich so die ganze Welt anguckt wie so ein Beispiel. Ich finde, es gibt in den Reaktionsmustern schon eine Ähnlichkeit der Kinder oder Enkelkinder von Migranten oder Ostlern. Also jemand, der nicht im Westen oder Westeuropa selbstverständlich groß geworden ist, hat einen anderen Blick oder eine Differenz, die ich aber gar nicht schlecht finde. Ich finde es gut, wenn es Unterschiede gibt. Es kommt eben darauf an, was man daraus macht.

Das Gespräch führte Claudia Christophersen.

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NDR Kultur | Journal | 12.08.2021 | 18:00 Uhr

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