Stand: 07.09.2020 11:54 Uhr

Thalia Theater: Zugfahrt durchs verlorene Paradies

von Peter Helling

Eigentlich sollte es ein achtstündiges Bühnen-Event werden, in allen Foyers des Hamburger Thalia Theaters, aber Corona zwang Christopher Rüping umzudenken. Der Regisseur, der schon drei Mal zum Berliner Theatertreffen eingeladen war, hat Thomas Köcks Stück "Paradies" mit dem sprechenden Untertitel: "fluten/hungern/spielen" am Wochenende in einem zweistündigen Konzentrat auf die Bühne gebracht - als Erstaufführung.

Blick auf einen hell erleuchteten Container auf der Bühne um den sich mehrere Schauspieler gruppiert haben. © Thalia Theater Foto: Krafft Angerer
Erleuchtete Container werden auf der Bühne bewegt und sorgen so für immer neue Settings.

Alles fängt ganz leicht an. Auf der Bühne sehen wir mit einer großen Selbstverständlichkeit ein paar Musikinstrumente stehen, ein Schlagzeug, ein Keyboard, zwei Container aus Glas - zwei Menschen stehen davor, wie Adam und Eva. Und in dem einen Container scheint es zu brennen. Ist es der Blick der Jungen auf die überhitzte Erde? Mag sein, mag auch nicht sein. Vielleicht sind es zwei Kinder, die einfach feststellen müssen, dass ihr Vater sich angezündet hat - aus reiner Verzweiflung.

Zugfahrt durch eine zerrüttete Welt

Und dann fährt der Zug des Stückes los, sprichwörtlich, es ist ein ICE durch die Zeiten. Thomas Köcks mäandernder Text versucht, die Globalisierung zu fassen, auf 20 mal 20 Meter Bühne macht es ihm Regisseur Christopher Rüping kongenial gleich.

"Wenn Sie aus dem Fenster schauen, dann sehen Sie Ertrunkene…", schallt es durch den Raum. Abdoul Kader Traoré leitet als Schaffner durch den Abend. Mit dabei sind fantastische Musiker und Musikerinnen, allen voran die Beatboxerin Lia Şahin.

Stück will die Welt einfangen

Beatboxerin Lia Şahin bei ihrem Auftritt auf der Bühne. © Thalia Theater Foto: Krafft Angerer
Beatboxerin Lia Şahin sorgt für den musikalischen Teil des Stücks.

Ob das verlorene Paradies zweier chinesischer Wanderarbeiter in Prato in der Toskana, ob Kriegsreporter, eingeschlossen in einem Luxushotel in Bagdad. Hier wechseln die Orte ganz leicht, indem die Container sich verschieben. Die Bühne wird zur Welt - einer Welt, die unter der Gier des Menschen ächzt.

Der Zug fährt mitten ins Brasilien des 19. Jahrhunderts hinein - dem Paradies reicher weißer Europäer, die hier Kautschuk gewinnen wollten - auf Kosten der Natives. Das Stück will die ganze Welt einfangen, und manchmal scheint es sich zu überheben.

Brilliantes Ensemble

Christopher Rüping wirft mit leichter Hand Bilder auf die Bühne - und Leerstellen von Bildern. Er lässt die Texte manchmal nur ablesen, manchmal daher sagen wie in einer lockeren Improvisation. Dadurch bringt er sie ins Schwingen: mit Humor, mit Musik, mit spielerischen Rollenwechseln, mit einem Ensemble, das einfach brilliert - direkt, klar und glaubhaft. Das kommt auch bei dieser Zuschauerin an: "Ich fand' die Schauspieler und den Text ganz ganz toll. Sehr berührend, ganz tolle Spieler!"

Das Paradies ist nur ein Bild, das Bild eines Bildes. Es sind Vorstellungen, die jeder von uns hat, Vorstellungen, die enttäuscht werden müssen. Diese Bilder scheinen sich in diesem Stück zu überlagern. Und sie addieren sich zu einem Zerrbild des Paradieses. Bis endlich der ICE stillsteht und wieder dort landet, wo er angefangen hat. Es brennt, in jeder Hinsicht. Eine Zuschauerin fragt sich angesichts dieser Hoffnungslosigkeit am Ende: "Wo ist ein Ausblick? Was machen wir? Dass wir hier stehen: ja! Aber da können wir doch nicht stehen bleiben!"

Es war ein großartiger Abend, ein Abend darüber, dass wir endlich unsere Bilder über Bord werfen müssen, um neu zu sehen.

 

Weitere Informationen
Beatboxerin Lia Şahin (links) und Theaterregisseur Christopher Rüping bei NDR Kultur zu Besuch © NDR Foto: Pascal Strehler

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Eine ungewöhnliche Zusammenarbeit am Hamburger Thalia Theater: Regisseur Christopher Rüping und Beatboxerin Lia Şahin sind unsere Gäste und sprechen über die Premiere von "Paradies". mehr

 

Thalia Theater: Zugfahrt durchs verlorene Paradies

Am Hamburger Thalia Theater hat Thomas Köcks Stück "Paradies" Premiere gefeiert. Eine Abhandlung über den Zustand der Welt. Regie hatte Christopher Rüping. Peter Helling war dabei.

Art:
Bühne
Datum:
Ende:
Ort:
Thalia Theater - Großes Haus am Alstertor
Alstertor
20095Hamburg
Telefon:
(040) 328 14 444
Preis:
7,00 - 31,00 Euro
Öffnungszeiten:
Mo-Sa 10-19 Uhr
So und Feiertage 16-18 Uhr
Kartenverkauf:
theaterkasse@thalia-theater.de

thalia-theater.de
Hinweis:
Regie: Christopher Rüping
Dramaturgie: Matthias Günther
Bühne: Peter Baur
Kostüme: Lene Schwind
Mit: Maike Knirsch, Björn Meyer, Abdul Kader Traoré, Lia Şahin, Matze Pröllochs, Julia Förster, Christoph Hart, Günter Schaupp
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassikboulevard | 06.09.2020 | 15:40 Uhr

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