Stand: 01.03.2019 18:13 Uhr

Es geht um ihre Zukunft

von Albrecht von Lucke
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Der Jurist und Politikwissenschaftler Albrecht von Lucke lebt als Redakteur der "Blätter für deutsche und internationale Politik" in Berlin.

Null Bock auf Politik? Nur noch Abhängen bei Instagram und Snapchat, Facebook und Twitter? Kein Engagement mehr abseits des Touchscreens? Lauter Vorurteile über die "Jugend von heute". Ende Mai steht die Wahl zum Europäischen Parlament an - und die EU-Institutionen rätseln, wie sie die Jüngeren mehr für Europa begeistern können. Dabei gibt es Themen genug, die auch nur halbwegs interessierte junge Menschen heutzutage eigentlich umtreiben müssten: die Generationengerechtigkeit, der Klimawandel, die Künstliche Intelligenz, die Work-Life-Balance, die Vielfalt der Gesellschaft. Eine Bestandsaufnahme des Engagements der jungen Generation.

Über viele Jahre schien in der gesamten westlichen Welt das politische Engagement der Jugend rückläufig zu sein. Von ihrer Entpolitisierung war bereits die Rede. Diesen Eindruck bestätigte in besonders markanter Weise der Brexit. Schließlich sind es nicht zuletzt die Jungen gewesen, die das Ausstiegsvotum mit herbeigeführt haben - und zwar durch schlichte Abstinenz bei der Abstimmung. Erst kam die Ignoranz, danach der Katzenjammer.

Doch schon seit einiger Zeit nimmt das öffentliche politische Engagement der Jungen wieder zu - und zwar auch in Deutschland. Es begann mit den Demonstrationen gegen Pegida und die AfD beziehungsweise für die Demokratie und die Europäische Union. Vorläufiger Höhepunkt dieser Entwicklung war die "unteilbar"-Demonstration im vergangenen Herbst in Berlin. Damals gingen weit mehr als 200.000 Menschen gegen Rassismus und Ausgrenzung und für eine offene Gesellschaft auf die Straße. Hinzu kam die Bewegung "Ende Gelände", die für einen schnelleren Kohle-Ausstieg demonstrierte.

"Handelt endlich!"

Doch während all diese Demonstrationen generationsübergreifend stattfanden, erleben wir seit Neuestem auch eine echte neue Bewegung allein der jungen Generation. Am Anfang stand das beeindruckende Auftreten der jungen Schwedin Greta Thunberg, die über Monate jeden Freitag alleine vor dem schwedischen Parlament in Stockholm gegen den Klimawandel demonstrierte und deshalb erst zur Weltklimakonferenz in Kattowitz und später zum Weltwirtschaftsforum in Davos eingeladen wurde, wo sie mit scharfen Reden an das Umweltgewissen der Welt appellierte.

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Längst hat ihr Beispiel Schule gemacht. Inzwischen schwänzen Schülerinnen und Schüler in ganz Europa, aber am stärksten in Deutschland, Freitag für Freitag die Schule - und zwar unter dem Slogan "Fridays for Future". Ihr implizites Grundmotiv lautet: "Warum für die Zukunft lernen, wenn wir keine Zukunft haben!"

Offensichtlich war die Zeit reif für diese Protestbewegung. Das dürfte auch die schon lange angekündigte Großdemonstration in Berlin am Freitag den 15. März zeigen. Denn das Anliegen ist denkbar klar, einfach und berechtigt: Der Welt geht, wie die Berichte des International Panel for Climate Change Jahr für Jahr belegen, in der Klimapolitik die Zeit aus. Also, so die Aufforderung der Jungen an die Politiker: Handelt endlich! Erfüllt das Pariser Klimaabkommen! Denn sonst verspielt ihr unsere Zukunft!

Eine neue Art von Jugendbewegung

Bei "Fridays for Future" haben wir es ganz offensichtlich mit einer neuen Art von Jugendbewegung zu tun, die etwas historisch Einzigartiges darstellt. Alle deutschen Jugendbewegungen, beginnend mit dem Jungen Deutschland des Vormärz' über die Demokratiebewegung von 1848 bis zu den 68ern des letzten Jahrhunderts wähnten sich an der Spitze des Fortschritts und zielten auf eine radikale, ja revolutionäre Umgestaltung der Gesellschaft.

Bei der neuen Jugendbewegung ist das anders. Ihr Ziel ist primär konservativ, auf die Bewahrung der natürlichen Lebensgrundlagen gerichtet. Mit diesem Willen schließt sie am Ehesten an die naturbegeisterte Jugendbewegung von 1900 wie den Wandervogel und an die frühen Grünen an, die beide nicht zuletzt gegen die ökologischen Verheerungen der Industrialisierung zu Felde zogen.

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Von Daniel Cohn-Bendit und dem Publizisten Reinhard Mohr stammt die Aussage über 1968 als "die letzte Revolution, die noch nichts vom Ozonloch wusste". Diese neue Generation weiß vom Ozonloch, aber sie weiß auch, dass dieses beileibe nicht das Schlimmste ist. Denn sie weiß heute viel mehr. Sie weiß ganz genau, dass es so wie bisher nicht weitergehen kann. Ohne eine radikale Veränderung des westlich-kapitalistischen Lebens- und Konsummodells werden wir weiter das Klima anheizen, werden sich immer mehr Menschen im Süden in Bewegung setzen. Daher kommt es darauf an, dass alle unsere Preise - von Benzin und Kerosin bis zu den Lebensmitteln - endlich die ökologische Wahrheit sagen. Denn ohne eine Politik des Zurück, ohne eine Wende zum Weniger werden wir die globalen Herausforderungen nicht bewältigen - und schon gar nicht mit den "My-country-first-Methoden" der Rechtspopulisten und Klimawandelleugner.

Der Protest gegen den Protest

Eigentlich, so sollte man daher meinen, hätten die Sorgen der jüngeren Generation allgemeines Verständnis verdient - schon angesichts der immensen Diskrepanz zwischen globaler Krise und globaler Untätigkeit. Doch genauso stark wie der Protest war von Anfang an der Protest gegen den Protest. Mit allen Mitteln wurde der aufkommenden Bewegung ihre Legitimation abgesprochen.

"Das Establishment", zugespitzt formuliert, gibt Contra, und zwar kräftig. Anfangs richtete sich die Diffamierung vor allem gegen die junge Schwedin als dem Gesicht der Bewegung. Sofort wurde insinuiert, ihre Reden in Kattowitz und in Davos könnten überhaupt nicht von ihr stammen. Greta Thunberg wurde als bloße Marionette dargestellt, die von egoistischen Hintermännern politisch instrumentalisiert, ja fremdgesteuert werde. All das gipfelte in dem absurden Vorwurf, man habe es mit einem Fall von Kinderarbeit zu tun.

Längst aber richtet sich die Kritik gegen die gesamte Bewegung. Ihr wird eine Form der Planwirtschaft bis hin zur "Ökodiktatur" vorgeworfen. Die dahinterstehende Strategie liegt auf der Hand: Statt sich mit Anliegen und Inhalt der Jugendproteste auseinanderzusetzen, immunisiert man sich mit dem Diktaturvorwurf gegen jede Kritik an der eigenen, ressourcenverschlingenden Produktions- und Konsumtionsweise.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 03.03.2019 | 19:00 Uhr

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