Stand: 01.10.2018 16:45 Uhr

Ohnsorg-Theater: Viel Applaus für Lenz-Roman

von Daniel Kaiser
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"De Mann in'n Stroom" auf der Bühne des Ohnsorg-Theaters: Regisseur Murat Yeginer, Ausstatter Jürgen Höth und Video-Fachmann Carsten Woike lassen das Publikum tief in die 50er-Jahre eintauchen.

Das Ohnsorg-Theater hat Siegfried Lenz' Buch "Der Mann im Strom" von 1957 als plattdeutsches Theaterstück auf die Bühne gebracht. Das Publikum feierte die Uraufführung von "De Mann in'n Stroom" mit viel Applaus. Das Stück erzählt von einem Hamburger Taucher in der Nachkriegszeit, der Dokumente fälscht und sich jünger macht, um Aufträge zu bekommen.

Das ganze Nachkriegs-Hamburg dreht sich auf der kleinen Ohnsorg-Bühne. Mal sieht man die Hafenkante, von der die Taucher in den Strom springen, mal den Sockel des Bismarck-Denkmals, in dem dunkle Gestalten hausen, dann wieder ärmliche Nachkriegswohnungen mit Tisch, Bett, Stuhl und nackten Glühbirnen. Alte Hamburg-Filme flimmern über Leinwände. Schlager aus den 50ern krächzen aus dem Kofferradio. Regisseur Murat Yeginer, Ausstatter Jürgen Höth und Video-Fachmann Carsten Woike setzen auf dichte Hamburg-Atmosphäre und lassen das Publikum tief in diese Zeit eintauchen.

Zwei schauspieler auf der Bühne

Ohnsorg bringt Lenz-Klassiker auf die Bühne

Hamburg Journal -

Premiere für das Stück "De Mann in'n Stroom": Das Onsorg-Theater inszeniert Siegfried Lenz' Roman über das Schicksal des Tauchers Hinrichs im Hamburg der Nachkriegszeit.

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Spannende Tauchgänge 

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Till Huster (r.) spielt den Taucher Hinrichs, der mit dem Freund seiner Tochter (Vasilios Zavrakis, l.) Probleme hat.

Till Huster spielt den Taucher Hinrichs, der noch nicht zum alten Eisen gehören will und deshalb seine Dokumente fälscht, einfühlsam. "Man dat warrt keen Minsch op de Welt slechter gahn, wenn ik dat maak", rechtfertigt er seine Urkundenfälschung. In vorsintflutlicher Ausrüstung springt er in die Elbe, um Wracks aus dem Krieg zu suchen. Auf einer Videoleinwand sieht man, wie er in der Elbe schweißnass unter seinem Helm die Augen aufreißt. Sein Herz pocht laut. Wo andere Theater solche Video-Einspieler schon längst ins Special-Effects-Archiv ausgelagert haben, sind sie auf der Ohnsorg-Bühne noch Avantgarde. Das audiovisuelle Experiment gelingt. Die Tauchgänge zwischen munitionsverseuchten Wracks, die geborgen werden sollen, sind spannend inszeniert. "Ik kaam mi nu sülvst as dat Wrack vör, dat wi hochhaalt hebbt", bringt Hinrichs sein Leben als Davongekommener des Krieges und letztlich den Roman auf den Punkt.

Und dann noch Familienprobleme

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Karina Rudi (l.) spielt Hinrichs' Tochter, Oskar Ketelhut einen Kollegen.

Seine schwangere Tochter Lena (Karina Rudi, manchmal einen Tick zu hysterisch) hat eine problematische Beziehung mit einem Bagaluten. Vasilios Zavrakis spielt den aggressiven, verzweifelten Manfred bedrohlich und intensiv. Ganz stark! Als Gegenpol in Hinrichs Welt bringt Oskar Ketelhut den Hafen-Kollegen Kuddl empathisch auf die Bühne. Hinrichs Sohn Timm wird alternierend von fünf Jungs gespielt. Der Premieren-Timm Nikolai Amadeus Lang, der Sohn des Ohnsorg-Intendanten, machte das großartig.

Bis ins letzte Komma hamburgisch

Frank Grupe, Murat Yeginers Vorgänger als Oberspielleiter am Ohnsorg, hat aus dem Lenz-Roman eine straffe, authentische und bis ins letzte Komma hamburgische Bühnenversion gemacht. Die Lenz-Texte auf Plattdeutsch wirken besonders eindringlich. Man entdeckt Lenz' großes Herz für den kleinen Mann noch einmal ganz neu. Nur manchmal fehlte bei diesem "Mann im Strom" der Flow. Die Szenen wirkten bisweilen wie in einem Film etwas hart aneinandergeschnitten. Man wünschte sich, die Bühne hätte das Rotieren auch mal kurz eingestellt, um Hinrichs in seiner Tiefe und mit seinen Abgründen noch besser zu verstehen.

Starkes Statement

Till Huster in dem Stück "De Mann in'n Strom" auf der Bühne des Ohnsorg Theaters. © Ohnsorg Theater Foto: Sinje Hasheider

Viel Applaus für Lenz-Roman im Ohnsorg

NDR 90,3 - Kulturjournal -

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Das Ohnsorg hatte in der vergangenen Saison mit murrendem Stammpublikum zu tun, das mit immer mehr hochdeutschen Anteilen in den Stücken fremdelte. Dieser starke niederdeutsche Abend ist ein wichtiges Signal an die, die befürchtet hatten, dass das Theater nur noch anderswo längst bewährte Boulevardkomödien auf Platt übersetzen würde. Das Ohnsorg will erklärtermaßen verstärkt neue, norddeutsche, Hamburger Stücke auf die Bühne bringen. Mit diesem starken plattdeutschen Statement ist ein vielversprechender Anfang für den alten, neuen Ohnsorg-Kurs gemacht.

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 01.10.2018 | 19:00 Uhr

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