Stand: 17.03.2020 09:37 Uhr  - NDR Info

Absagen wegen Corona: Wer rettet die Kultur?

von Kristina Bischoff

"Kulturstätten, Künstlerinnen, Künstler, Autorinnen, Autoren, Theater, Kinos oder Veranstalter werden in den kommenden Monaten unsere Solidarität oder wirtschaftliche Unterstützung benötigen. Kultur und Kunst sind kein Luxus. Wer Banken rettet, muss auch jetzt helfen." So äußerte sich der Moderator Jan Böhmermann am vergangenen Donnerstag per Twitter. Tatsächlich wird es ernst für Kulturschaffende in Deutschland. Die Auswirkungen des Coronavirus auf den Kulturbetrieb in Norddeutschland sind massiv. 

James Blunt gibt Geisterkonzert in der Elbphilharmonie

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Publikum und Künstler räumlich getrennt wie beim Konzert von James Blunt der Hamburger Elbphilharmonie: Ist das eine Lösung?

Vergangene Woche Donnerstag gab Popstar James Blunt das wohl am schlechtesten besuchte Konzert seiner Karriere: ein Geisterkonzert ohne Publikum im leeren Saal der Hamburger Elbphilharmonie. Das Konzert wurde lediglich per Livestream übertragen. James Blunt erklärt die besondere Atmosphäre bei dem Konzert vor leeren Rängen: "All diese leeren Stühle sorgen für ein komisches Gefühl. Ich weiß ja, wie viele großartige Musiker hier gespielt haben. Hinter den Linsen der Kameras sind all diese Leute, die den Livestream geschaut haben. Auch sonst kann ich bei meinen Konzerten nicht alle sehen, aber ich weiß ja, dass sie da sind."

Konzertveranstalter: Versicherung zahlt nicht bei Viren

Während James Blunt der Situation noch etwas Positives abgewinnen kann, ist die Lage für seinen niedersächsischen Konzertveranstalter Hannover Concerts angespannter. Denn nicht nur die beiden Termine von Blunt in Hannover und Lingen sind ausgefallen. In diesem Monat hat die Agentur damit zu tun, 58 Konzerte zu verlegen, deren Besucher zu informieren und auch noch den Tagesbetrieb aufrechtzuerhalten. Auf Geld von der Versicherung können sie nicht hoffen - die springt nicht bei Viren und Epidemien ein.

Konzerte der NDR Radiophilharmonie entfallen wegen des Coronavirus

Auch die kommenden Veranstaltungen der NDR Radiophilharmonie in Hannover müssen entfallen. Dazu der Veranstalter: "Der NDR folgt damit den Anweisungen der Landesregierung zum Umgang mit dem Coronavirus. Die Filmmusik-Konzerte der Reihe "Freistil" werden in den September 2020 verschoben, für die Kammermusik-Konzerte "Blaue Stunde" und "Konzerte Junger Künstler" wird derzeit nach einem Ersatztermin gesucht. Tickets behalten ihre Gültigkeit, können aber auch zurückgegeben werden."

Tickets behalten - Künstler unterstützen

In manchen Fällen wäre es allerdings besser, auf das Rückgaberecht der Tickets zu verzichten. Wer auf ein Konzert gehen wollte, das auf unbestimmte Zeit verlegt ist, oder zu einer Lesung wollte, die abgesagt wurde und seine Eintrittskarte behält, leistet eine Unterstützung. Diese kommt dann kleinen Veranstaltern und Künstlern zugute, die keine Stars mit einem sicheren finanziellen Polster sind.

Berufsmusiker unter Existenzdruck

Matthias Clasen, Saxofonist und Berufsmusiker aus Hamburg, spricht aus Erfahrung:  "Mir wurden in der letzten Woche drei Konzerte abgesagt. Mit der Ankündigung, dass wahrscheinlich noch mehr abgesagt wird. Für mich ist das noch ganz in Ordnung, aber ich denke, dass diese Absagen viele Kollegen existenziell treffen. Man kann damit rechnen, in den nächsten Monaten über Auftritte kein Geld mehr zu verdienen. Und das ist ja die Einnahmequelle von Musikern und Musikerinnen. Das ist schon hart."

Bedingungsloses Grundeinkommen für Künstler?

Woher soll die Hilfe für die vielen Freiberufler kommen? Konzertkarten zu behalten oder Kultureinrichtungen und Vereine privat zu fördern, wären ein Weg. Dazu kursieren im Internet Forderungen, den freien Künstlern in den kommenden sechs Monaten das bedingungslose Grundeinkommen zu gewähren. Andere wie der Dresdner Sänger David Erler, bittet in einer Petition den Bundestag und das Finanzministerium um Hilfe. Damit hat er in weniger als einer Woche bereits 190.000 Unterzeichnende erreicht.

Schutzschirm für Privattheater gefordert

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Konstanze Ullmer, Intendantin des Hamburger Sprechwerks, macht sich Sorgen um die Zukunft der Hamburger Privattheater.

Um einen Schutzschirm für Privattheater geht es auch in Hamburg. Konstanze Ullmer, Leiterin des Hamburger Sprechwerks, hofft auf Unterstützung durch die Kulturbehörde. "Beim Sprechwerk handelt es sich finanziell um Peanuts. Aber wenn ich mir überlege, dass das Mehr! Theater in Hamburg ein halbes Jahr zugemacht sowie 50 Millionen Euro investiert hat und dann die Premiere nicht machen konnte - das ist gruselig, finde ich. Oder auch das Ernst Deutsch Theater mit seinen 750 Plätzen, da geht es um ganz andere Summen. Wir sind ein kleines Haus, wir haben sieben Mitarbeiter, das kriegen wir mit ein bisschen Unterstützung schon hin."

Coronavirus: Chance für neue kreative Kulturformate?

Das Publikum ist verunsichert. Aber heißt das, dass man während der Coronakrise ganz auf Kultur verzichten muss? Nicht, so lange es Kultur gibt. Dann finden einfach neue Angebote ihr Publikum. Davon ist Corinne Eicher, Geschäftsführerin der Stadtkultur Hamburg, überzeugt: "Das wird ganz bestimmt einen Schub geben für die Digitalisierung. Wir versuchen zum Beispiel gerade die Kultureinrichtungen per Webinaren (Seminare im Internet, Anm. d. Redaktion) fit zu machen für digitale Kulturangebote. Gleichzeitig gibt es Überlegungen, welche Formate vielleicht noch im Freien stattfinden können und was man auch ins Netz verlegen kann, wie etwa gemeinsames Singen. Da sind jetzt alle sehr kreativ. Aber ich denke, das ist ja auch unsere Stärke", so Eicher.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 16.03.2020 | 15:55 Uhr

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