Stand: 21.09.2019 12:07 Uhr

"Bunbury" in Schwerin: Ernst sein ist alles

von Karin Erichsen, NDR 1 Radio MV

Die "Bunbury"-Premiere in Schwerin war ein unterhaltsames Ereignis und ein intellektueller Genuss, findet Karin Erichsen.

Schon der Titel ist eine Illusion bei Oscar Wildes Komödie. Denn es gibt ihn nicht, diesen "Bunbury", den kranken Freund auf dem Lande, der regelmäßiger Pflege und Zuwendung bedarf. Er ist eine Erfindung des Lebemanns Algernon Moncrieff, um seinen gesellschaftlichen Verpflichtungen in der Stadt zu entfliehen und sich dem Amüsement und immer neuen amourösen Abenteuern zu widmen.

Vieles im Haus ist Fassade

In seinem eleganten Haus ist vieles schöner Schein, das zeigen Regisseur Martin Nimz und Bühnenbilder Bernd Schneider noch bevor die Handlung einsetzt. Algernon fehlt das Geld für Hauspersonal. Wenn der Butler mit der Hand auf die Polstermöbel schlägt, steigen dicke Staubwolken auf. Auch die eindrucksvolle Bücherwand ist nur Fassade. Hinter den Pappdeckeln der literarischen Meisterwerke versteckt der Hausdiener liegen gebliebene Spitzenschlüpfer, Weinflaschen und Zigarren. Er muss sich dabei das Geklimper seines Dienstherrn anhören, der sich für einen begnadeten Pianisten hält.

Perfekte Dandy-Auftritte

Ohne den Dandy gesehen zu haben, ahnt der Zuschauer schon, mit wem er es gleich zu tun bekommt. Doch die Erwartungen werden übertroffen! Mit blonder Perücke, groß geblümtem Anzug, pinkfarbenen Schuhen und Burlington-Socken kommt Robert Höller als Hausherr "lässig" angeschlendert. Auch sein im gleichen Stile extravaganter Freund Ernst (Flavius Hölzemann) erscheint. Und schon beginnt eine überaus eloquente, mit vielerlei Pointen gespickte Konversation, bei der klar wird, um was sich das Leben der Freunde dreht: elegante Gesellschaften, den perfekten Auftritt, die Vermeidung von Themen, die die eigene Person betreffen.

Loser Lebenswandel bringt Schwierigkeiten

Es stellt sich auch heraus, dass Algernons Freund gar nicht Ernst heißt sondern Jack. Auch Jack hat sich Freiräume verschafft. Er hat einen jüngeren Bruder namens Ernst erfunden. Dessen loser Lebenswandel bringt ihn immer wieder in Schwierigkeiten, so dass Jack häufig gezwungen ist, von seinem Wohnsitz auf dem Lande in die Stadt zu fahren, um dem imaginären Bruder aus der Klemme zu helfen. In der Stadt gibt sich Jack dann als Ernst aus. Dumm nur, dass seine angebetete Gwendolen (Ana Yoffe), ausschließlich einen Mann lieben und heiraten will, der tatsächlich den "Vertrauen erweckenden" Namen Ernst trägt.

Ein Name, der "Vibrationen" auslöst

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Das Stück feierte am Freitagabend Premiere.

Die Komplikationen nehmen zu, als Algernon ohne das Wissen seines Freundes auf's Land fährt und sich bei Jacks Pflegetochter Cecily (Hannah Ehrlichmann), in die er sich sofort verliebt, als Jacks jüngerer Bruder Ernst vorstellt. Dabei entspricht er ganz dem Traumbild der jungen Frau, die seit langem schon fasziniert war von dem unbekannten, leidenschaftlichen Bruder ihres Ziehvaters. Allerdings ist es auch bei Cecily insbesondere der Name Ernst, der in ihr "Vibrationen" auslöst. Einen Mann namens Algernon könnte sie niemals lieben, schon der Gedanke daran löst bei ihr Gesichtskrämpfe aus.

Herrliches Spiel mit doppeltem Boden

Oscar Wildes rasante Komödie ist ein herrliches Spiel mit dem doppelten Boden. Einerseits ist da der Wunsch nach Ernsthaftigkeit oder vielmehr Wahrhaftigkeit in einer Welt des schönen Scheins, der lächelnden Fassade, der unerträglichen Oberflächlichkeit. Andererseits erscheint auch die vom Biedermann verordnete Ernsthaftigkeit des Lebens allen Beteiligten als wenig erstrebenswert. Früher wie heute liegt die Kunst offenbar darin, einen lebensfreundlichen Mittelweg zu finden. Das ist jedoch leichter gesagt als getan, wie sich immer wieder heraus stellt. Die Inszenierung führt diese Problematik auf unterhaltsamste Weise vor Augen.

Karikaturen ihrer selbst

Die Charaktere werden extrem überspitzt. Dazu tragen die Kostüme von Michaela Barth maßgeblich bei. Die Figuren sind eine Karikatur ihrer selbst. Die elegante Welt erscheint grotesk, das Extravagante überspannt. Die beiden jungen Frauen tragen identische Hochsteckfrisuren. Die Kleider unterscheiden sich lediglich in der Anordnung der schwarz-weißen Muster. Ein grandioser Kunstgriff.

Auch das Bühnenbild von Bernd Schneider ist fantastisch. Es zeigt, unterer anderem mittels Projektion, zunächst die Innenräume eines aristokratischen, englischen Stadthauses. Die petrolfarbene Tapete mit aufgedruckten Pfauen lässt sich jedoch in Sekundenschnelle abreißen und zum Vorschein kommt die Abbildung eines gepflegten Parks, so dass die Handlung nun auf die Terrasse eines eleganten Landhauses verlegt werden kann.

Sarkastische Dialoge, anspielungsreiche Wortverdrehungen

Auch die Leistung der Schauspieler war absolut bemerkenswert. Die Leichtigkeit, mit der sie die pointenreichen, sarkastischen Dialoge und sogar die anspielungsreichen Wortverdrehungen meisterten, machten den Premierenabend nicht nur zu einem unterhaltsamen Erlebnis, sondern auch zu einem intellektuellen Genuss. Hinzu kam, dass jeder aufs Schönste die Skurrilitäten seiner Figur auslebte, worüber das Publikum mitunter Tränen lachte.

Die Inszenierungseinfälle von Schauspieldirektor Martin Nimz waren grenzenlos. Allein durch die Art, wie die Hauptdarsteller ihre Weingläser leerten, konnten die Zuschauer tief in die Seelen blicken. Jochen Fahr war als stoischer Butler, der sich für jeden noch so schwachsinnigen Auftrag bedankte, aber hinter der Bühne mehrfach cholerische Anfälle bekam, ebenfalls ein geniales Kuriosum. Verständlicherweise hielt ausgerechnet er in der Pause eine Europafahne hoch.

Dem Mecklenburgischen Staatstheater ist mit "Bunbury oder von der Notwendigkeit, ernst zu sein" ein grandioser Auftakt in die neue Spielzeit gelungen.

"Bunbury" in Schwerin: Ernst sein ist alles

Das Mecklenburgische Staatstheater Schwerin ist mit Oscar Wildes Komödie "Bunbury oder von der Notwendigkeit, Ernst zu sein" grandios in die neue Spielzeit gestartet.

Datum:
Ende:
Ort:
Mecklenburgisches Staatstheater
Alter Garten 2
19055  Schwerin
Kartenverkauf:
Theaterkasse
Di-Fr: 10-18 Uhr
Sa: 16-18:30 Uhr
Kartentelefon: 0385 5300-123

Abendkasse öffnet eine Stunde vor Beginn der Veranstaltung.
Telefon: 0385 53 00-126


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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Kulturjournal | 23.09.2019 | 19:00 Uhr

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