Stand: 30.04.2020 11:53 Uhr  - NDR Kultur

70 Jahre NDR Radiophilharmonie: Große Konzerte

Am 1. Mai wird die NDR Radiophilharmonie 70 Jahre alt. Wir blicken zurück auf die Anfänge, das Orchester, die Musik und die Persönlichkeiten, die in den vergangenen Jahrzehnten die NDR Radiophilharmonie ausgemacht und geprägt haben. Hansjoachim Reiser war von 1981 bis 2004 Leiter der Abteilung Musik im Funkhaus Hannover und damit auch für die Radiophilharmonie zuständig. Ein Interview.

Herr Reiser, Anfang der 1980er-Jahre wurden Sie Chef der Musikabteilung. Zuvor waren Sie 1972 Tonmeister beim NDR, dann wurden Sie Redakteur für sinfonische Musik und Rundfunkorchester in Hannover. Was waren Ihre persönlichen Highlights in dieser sehr langen Zeit?

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Hansjoachim Reiser war von 1981 bis 2004 für die NDR Radiophilharmonie verantwortlich.

Hansjoachim Reiser: Das Highlight findet heute statt, weil die Konzerte, die ich heute als Pensionär besuche, mit die schönsten sind, die ich jemals erlebt habe, weil wir mit Andrew Manze einen so wunderbaren Chefdirigenten haben. Aber ich kann mich natürlich an die Persönlichkeiten erinnern, die bei mir angestellt waren: Besonders an Bernhard Klee, dessen musikalische Arbeit hier relativ früh begann. Er war zwei Mal Chef des Orchesters: einmal in den 70er- und noch einmal in den 90er-Jahren. Und wir haben sehr schöne Programme entworfen, die viel mit der Wiener Klassik, aber auch mit der Wiener Moderne zu tun hatten. Ich kann mich auch bei einem großen Geburtstag an ein Konzert von Mahlers Neunter erinnern, die damals für das Orchester fast ein Novum war, weil wir uns lange Zeit nahmen, um uns an die große Symphonik heranzutasten.

Ein Orchester wird auch immer geprägt von demjenigen, der vorne am Pult steht. Welchen Chefdirigenten haben Sie besonderer in Erinnerung? Wer hat nachhaltig das Orchester geprägt?

Reiser: Nachhaltig war es sicherlich Bernhard Klee, der in seinen zwei Perioden die größte Arbeit leistete. Es gab eine sehr schöne Zeit, besonders am Anfang, mit dem Japaner Eiji Oue. Aus dieser Zeit stammen auch besondere Erlebnisse: Wir haben in Sevilla gespielt und am Schluss musste das Orchester eine Zugabe spielen, ich glaube, es war Brahms' Ungarischer Tanz Nr. 5. Anschließend klatschte das Publikum den berühmten Flamenco-Rhythmus - dabei lief es einem kalt den Rücken runter. Das war ein unwahrscheinliches Erlebnis.

Die Radiophilharmonie hatte immer auch viele Gäste: Martha Argerich hat in Hannover Rachmaninow am Klavier gespielt, der Jazztrompeter Chet Baker kam 1988 ins Funkhaus, zwei Wochen vor seinem Tod. Das sind schöne Sternstunden gewesen. Können Sie sich daran erinnern?

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Reiser: Ja, an diesen Tag kann ich mich ganz besonders erinnern. Ich wurde nämlich von unserem Pförtner angerufen: "Hier ist jemand, der aussieht wie ein Stadtstreicher - soll ich den hereinlassen?" Ich bin natürlich, so schnell ich konnte, zum Pförtner gelaufen und habe Chet Baker abgeholt, der damals schon äußerlich sehr gezeichnet war durch die Jahre davor, und wir haben wunderschöne Aufnahmen gemacht. Unter den Solisten gab es auch Künstler, die ihr letztes Konzert in Hannover hatten. Zum Beispiel Clifford Curzonin, ein Pianist aus England. Wenig später ist er dann verstorben. Das war auch eines der nicht zu vergessen Konzerte, die einem im Gedächtnis bleiben.

Das klingt nach einer außergewöhnlichen Bandbreite des Orchesters: von Klassik über Jazz bis Pop. Wie kam es zu dieser breiten Aufstellung - und wie haben Sie es geschafft, diese Expertise zu entwickeln?

Reiser: Ich glaube, das war 1950 einer der Grundgedanke, ein Orchester aufzubauen, das "echt" für den Rundfunk spielt - egal welche Musik. Das war eine bisher noch nicht dagewesene Sache. Der Allround-Charakter hat dem Orchester sehr gut getan und hat ihn die ganze Geschichte hindurch geprägt. Der Gipfel war sicherlich die Zeit der Expo, die Konzerte mit Grönemeyer, mit Lionel Richie, mit Al Jarreau oder mit anderen Jazzgrößen. Nicht zu vergessen Solisten wie Argerich und Schering - das waren unvergleichliche Erlebnisse.

Das Gespräch führte Claudia Christophersen

Pressekonferenz zur Joseph Joachim Akademie © NDR Foto: Amrei Flechsig

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Am 1. Mai wird die Radiophilharmonie 70. Hansjoachim Reiser, von 1981 bis 2004 Chef der NDR Abteilung Musik in Hannover, blickt zurück auf "unvergleichliche Erlebnisse".

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 30.04.2020 | 19:00 Uhr

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