Stand: 04.05.2018 13:29 Uhr

NDR Info ist viel mehr als ein Formatradio

Claudia Spiewak übernahm 2008 die Leitung des NDR Info Programms von Joachim Knuth.

Als NDR Info, damals NDR 4 Info, am 2. Juni 1998 als neues Informationsradio des Norddeutschen Rundfunks auf Sendung ging, blieb nicht viel Zeit zum Proben: Einen Tag nach dem Start geschah das ICE-Unglück im niedersächsischen Eschede.

In einem Interview blicken NDR Hörfunk-Programmdirektor Joachim Knuth und die NDR Hörfunk-Chefredakteurin und Programmchefin von NDR Info Claudia Spiewak zu den Anfangszeiten des Nachrichten-Programms zurück und skizzieren die Zukunft für NDR Info.

Welche Herausforderungen waren mit der Reform von NDR 4 zu einer im Tagesprogramm nach Stundenuhr gestalteten Nachrichtenwelle verbunden?

Joachim Knuth: Entscheidend war die Zeit vor dem Start. Ich erinnere mich an eine Führungsklausur im Sommer 1997, auf der die NDR Leitung fragte: "Traut ihr euch zu, NDR 4 in ein moderneres, relevanteres, legitimationsstiftendes Informationsradio umzuwandeln?" Die damalige Chefredakteurin Dagmar Reim und ich als NDR 4 Verantwortlicher haben das bejaht und uns gemeinsam mit den Kolleginnen und Kollegen an die Arbeit gemacht. Wie immer bei solchen Prozessen war nicht jeder sofort und restlos davon überzeugt, dass das Neue wirklich besser oder nur vergleichbar gut wie das Alte sein könnte. Und so tauchten wir im Spätsommer 1997 in eine relativ kompressive Phase ein, die ein gutes Dreivierteljahr dauerte. Als wir starteten, wurden wir durch das katastrophale Bahnunglück von Eschede gleich auf die Probe gestellt.

Claudia Spiewak: Ich saß damals als Moderatorin im Studio. Dieser zweite Sendetag war eine Riesenherausforderung für uns, weil wir ja noch überhaupt nicht geübt waren im Inforadio-Machen. Wir mussten von jetzt auf gleich beweisen, dass wir über viele Stunden in der Lage waren, permanent über die sich laufend entwickelnde Katastrophe zu berichten. Am Ende dieses schrecklichen Tages hatten wir die Bewährungsprobe bestanden.

Ein Mikrofon im Radiostudio. © NDR Foto: Gitte Alpen

Wie alles begann: Der NDR Info Sendestart 1998

NDR Info - Aktuell -

Moderatorin Regina Methler sprach am 2. Juni 1998 die ersten Worte zum Sendestart von NDR Info - damals noch NDR 4 Info. Die Beiträge kamen vom Band, nicht aus dem Computer.

5 bei 3 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Trotz der strengen Formatierung behielt sich das neue Radioprogramm schon damals Freiheiten vor. Warum?

Knuth: Wir hatten lebhafte Diskussionen darüber, wie reduktionistisch ein Programmangebot wirkt, das mit Viertelstundennachrichten unterwegs ist. Anders als andere Inforadios haben wir uns deshalb bewusst von Anfang an größere Freiheiten genommen. Wir benötigten außerdem Plätze für viele Inhalte, die wir unter dem Aspekt der Grundversorgung und der Pluralität in einem Radioprogramm des NDR vorhalten wollten - insbesondere auch am Abend. Der Jazz ist seit dieser Zeit fester Bestandteil des Programms, das Zeitzeichen, das Kinderradio, die Feature-Sendungen, das Hörspiel - diese Vielfalt gibt es in keinem anderen deutschen Informationsradio.

Spiewak: Uns lag sehr daran zu zeigen, dass Informationsradio viel mehr sein kann als schnelles Formatradio. Wenn man NDR Info heute hört, dann findet man alles, was Radio ausmacht, die ganze Bandbreite von Themen und Formen. Das ist unsere Stärke.

Welche Rolle spielten bei der Reform die Hörerinnen und Hörer?

Spiewak: Sowohl die Menschen in Norddeutschland, die sich schnell auf den aktuellen Stand bringen wollen, als auch die, die eine Vertiefung wünschen, sprechen wir an. Diese beiden Zielgruppen, die sich überschneiden, haben wir schon damals im Auge gehabt.

Knuth: Wesentlich war das Versprechen an die Hörerinnen und Hörer: "Wenn man 20 Minuten NDR Info hört, dann weiß man verlässlich, was zu diesem Zeitpunkt in der Welt geschieht." Im Laufe der Jahre haben wir dies angereichert. Wer hätte vor 20 Jahren gedacht, dass wir heute auch Satire im Programm haben würden? Wer hätte geglaubt, dass wir zu einem der führenden Investigativmedien in Deutschland würden? Die Hörerinnen und Hörer schätzen all das offensichtlich: Wir haben mit einer Tagesreichweite von 1,1 Prozent angefangen, 2017 lagen wir bei 4,7 Prozent.

Welche Bedeutung kommt der regionalen Berichterstattung zu?

Spiewak: NDR Info ist ein norddeutsches Radio. Klar, unser Claim ist: "Wissen, was die Welt bewegt" - das riecht nach großer weiter Welt, die gibt es natürlich bei uns. Aber ungefähr 50 Prozent der Themen und Beiträge kommen aus dem Norden. Diese norddeutsche Prägung macht den Erfolg aus.

Knuth: Die Abbildung der Entwicklungen im Norden ist die DNA von NDR Info. Wenn es nur ein deutschlandweites Informationsangebot gäbe, dann würde gut die Hälfte dessen, was NDR Info ausmacht, wegfallen - und zwar nicht nur im aktuell politischen Bereich, sondern auch mit Blick auf die Kultur, den Sport, die Wirtschaft. Wir würden einen großen Teil dessen aufgeben, wofür wir geschätzt werden: die Nähe zu unseren norddeutschen Hörerinnen und Hörern.

Welche Bedeutung hatte die Digitalisierung?

Knuth: Die Digitalisierung ermöglicht ein schnelleres Arbeiten als früher, aber: Die Notwendigkeit für ein Informationsprogramm, immer schneller als die anderen zu sein, hat sich auf der anderen Seite reduziert - weil das Netz im Zweifel schneller ist. Wir brauchen heute - mehr als früher - Hintergrund, Einordnung, Analyse, Orientierung und die präzise Abbildung einer Nachrichtenlage.

Spiewak: Natürlich waren wir immer schon sportlich unterwegs, wir wollten immer schnell sein, aber durch die Digitalisierung tritt dies ein bisschen in den Hintergrund. Unser Kernwert ist Glaubwürdigkeit. Für uns gilt: "Be first, but first be right!"

Welche Rolle nimmt NDR Info als Informationsprogramm heute ein?

Knuth: Wir sind für die norddeutsche Medienlandschaft ein verlässlicher und wahrnehmbarer Agenda-Setter. Viele derjenigen, die Medien machen, die Meinungsführer und Multiplikatoren sind, lassen sich von NDR Info leiten, inspirieren und beeinflussen - im Sinne einer publizistischen Tagesordnung. Das ist auch vor dem Hintergrund eines fortschreitenden Konzentrationsprozesses auf dem Zeitungsmarkt wichtiger denn je. Die Bedeutung von NDR Info als einer unabhängigen, für Pluralität stehenden Berichterstattungsinstitution ist heute größer als vor 20 Jahren.

Spiewak: Entscheidend für diesen Stellenwert ist die investigative Recherche. Wir sind bundesweit das Radioprogramm, das mit Abstand die größten Ressourcen für investigativen Journalismus einsetzt. Ein gutes Investment, das uns beachtlichen publizistischen Erfolg bringt.

NDR Info ist so erfolgreich wie noch nie. Nun stehen mit dem Umzug in einen trimedialen Newsroom große Veränderungen bevor ...

Knuth: Wir schlagen diesen Weg ein, weil wir wissen: Die Mediennutzung wird sich in den kommenden zehn Jahren noch gravierender verändern als in den vergangenen zehn Jahren. NDR Info bleibt das, was es ist. Aber das, wofür NDR Info steht und was es tagtäglich produziert, das müssen wir in höherem Maße, anders, intensiver verbreiten als bisher. Vernetzung von Information ist das Gebot der Stunde, damit wir relevant bleiben.

Spiewak: NDR Info bringt in diesen Prozess ein Team mit sehr viel Expertise ein. Ich sehe das Projekt als Zukunftssicherung.

Was wünschen Sie sich zum Geburtstag von NDR Info?

Spiewak: Hinter NDR Info steht ein Team von leidenschaftlichen Programmmacherinnen und Programmmachern, ein Publikum, das kritisch ist und große Wertschätzung für Qualitätsjournalismus hat. Ich fände es großartig, wenn wir beides mit ins nächste Jahrzehnt nehmen könnten.

Knuth: Relevant und quantitativ erfolgreich bleiben, das wünsche ich NDR Info.

Das Interview führte Bettina Brinker.

Weitere Informationen

Happy birthday! NDR Info ist 20 Jahre alt

01.06.2018 12:00 Uhr

"20 Jahre Nachrichten für den Norden": NDR Info hat seinen runden Geburtstag auf einer Tour quer durch Norddeutschland gefeiert. Am Sonnabend gab es ein Fest in Hamburg. mehr

35 Bilder

Von Heide bis Parchim: NDR Info auf Nordtour

01.06.2018 11:50 Uhr

NDR Info ist mit einem gelb-blauen Doppeldecker-Bus auf Jubiläums-Fahrt quer durch Norddeutschland unterwegs gewesen. Fotos der Tour-Stopps - von Heide bis Parchim - sehen Sie hier. Bildergalerie

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Infoprogramm | 17.05.2018 | 09:00 Uhr