Stand: 19.10.2018 14:23 Uhr

Kritik an Verwendung von "Zitat-Kacheln"

von Daniel Bouhs, NDR Info

In der öffentlichen Diskussion spielen Zitate von Politikern eine große Rolle. Medien verbreiten sie in eigenen Interviews und Nachrichten - so macht es unter anderem auch NDR Info. In sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter ist es seit Langem ein beliebtes Mittel, Aussagen aus Interviews, Statements oder Pressekonferenzen auf sogenannten Zitat-Kacheln zu veröffentlichen. Diese Bilder sorgen aber auch für Kritik. Handelt es sich um Journalismus - oder um Populismus?

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Auch NDR Info wertet für Facebook und Twitter Politiker-Interviews auf "Zitat-Kacheln" aus.

Ein Anruf bei Martin Hoffmann. Der Journalist, der einst das Social-Media-Team der Zeitung "Die Welt" geleitet hat, kritisiert schon seit Monaten immer wieder Kollegen - und zwar immer dann, wenn sie besonders knackige Zitate von sehr populistischen Politikern auf sogenannte Zitat-Kacheln schreiben, die sie dann beispielsweise bei Facebook oder Twitter veröffentlichen. Die Zitate stehen neben den Fotos der Politiker - zur schnellen Verbreitung in den sozialen Netzwerken. Hoffmann findet das falsch: "Das Problem mit diesen 'Zitat-Kacheln' ist letztendlich, dass wir Journalisten da einfach eine Botschaft weitergeben, ohne ihr irgendwie einen Rahmen zu geben, also ohne sie einzuordnen."

Der Unterschied zu Hörfunk und Fernsehen

Im Radio oder im Fernsehen sei das anders, hier würde ein Reporter in seinem Bericht oder ein Moderator den jeweiligen Kontext liefern, vielleicht auch die Aussage mit Fakten widerlegen. Oder auch in einem Text in der Zeitung oder im Netz: Auch hier würde niemand - ohne ein Minimum an Einordnung einfach so ein Zitat drucken, meint Hoffmann: "Dummerweise hat sich das aber so im Online-Journalismus - besonders in Social-Media - irgendwie eingeschlichen. Das ist nicht gut!"

Eine Zitatgrafik von Alice Weidel des Deutschland Funks. © DLF24 Twitter

"Zitat-Kacheln": Populismus statt Journalismus?

NDR Info - Netzwelt -

Ist es Journalismus oder Populismus? Die sogenannten Zitat-Tafeln aus Politiker-Interviews auf Social-Media-Kanälen wie Facebook oder Twitter sind umstritten. Zu recht?

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Medien würden damit Populisten helfen

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Nach der Wahl in Bayern verbreitete der Deutschlandfunk bei Twitter diesen Tweet plus "Zitat-Kachel".

Hoffmanns Vorwurf lautet: "Zitat-Kacheln", auf denen sich nur ein kurzer Wortlaut, der Name und die Funktion des Politikers und vielleicht noch ein Stichwort zum Thema der Aussage findet, sei kein Journalismus. Medien würden so bloß Populisten helfen. Zuletzt hat sich Hoffmann nach der Bayern-Wahl aufgeregt, als Medien - zum Beispiel der Deutschlandfunk - Zitate von AfD-Politikern verbreitet haben, in denen sie die Neuwahl des Bundestages forderten.

Tagesschau weist Kritik zurück

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"Wer mit der kurzen Form nicht leben kann, der sollte nicht Nachrichten machen": Die Tagesschau-Macher verteidigen ihre Form der Berichterstattung in den sozialen Medien.

Hoffmann fliegen dafür in sozialen Netzwerken "Likes" und zustimmende Kommentare zu. Auch von Kollegen - und auch, wenn er das Social-Media-Team der Tagesschau kritisiert. Etwa, wenn die Tagesschau Zitate von US-Präsident Donald Trump verbreitet. Tagesschau-Chefredakteur Kai Gniffke wiederum nimmt seine Kollegen in Schutz: "Wer mit der kurzen Form nicht leben kann, der sollte nicht Nachrichten machen. Das ist unsere verdammte journalistische Pflicht, Inhalte auf engem, begrenztem Raum und in kurzer Zeit zu vermitteln. Dazu gehören auch 'Zitat-Kacheln'."

Bieten Redaktionen wie die Tagesschau damit aber nicht vielleicht doch Populisten eine Bühne? Gniffke wehrt sich auch gegen diesen Vorwurf: Seine Redaktion biete niemandem eine Bühne, sie berichte. Dabei dürfte es auch keine Rolle spielen, ob den Journalisten ein Politiker, dessen Äußerungen oder Wortwahl nicht gefallen: "Wenn wir also beispielsweise ein Zitat von Markus Söder mit dem 'Asyl-Tourismus' benutzen, dann können wir unserem Zuschauer, unserem User, getrost das Urteil überlassen, ob er das gut oder schlecht findet. Da müssen wir und da sollten wir nicht dran schreiben: 'Ach, das finden wir aber nicht so schick'."

Spahns Äußerungen und was daraus gemacht wurde

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Hoffmanns Kritik bezieht sich auf diese Art "Zitat-Kacheln", auf denen nur das Zitat, der Name und die Funktion steht, nicht aber der Zusammenhang der Äußerung.

Tatsächlich ist die Verkürzung der "Zitat-Kacheln" mitunter aber durchaus ein Problem: wenn Zitate zwar knackig sind, aber aus dem Zusammenhang gerissen. Passiert ist das vor einem Monat dem Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Viele Medien, darunter die Heute-Sendung im ZDF, teilten Spahns Aussage zum Mangel an Pflegekräften: "Wenn von einer Million Pflegekräften 100.000 nur drei, vier Stunden mehr pro Woche arbeiten würden, wäre schon viel gewonnen."

Das Zitat ging "viral" und Spahn wurde von vielen Bürgern kritisiert. Allein: Spahn hatte sich in dem Interview vor allem dafür stark gemacht, die Bedingungen der Pflegekräfte zu verbessern und mehr Pfleger einzustellen. Der zitierte Vorschlag sollte eine Übergangslösung sein. Die "Zitat-Kacheln" suggerierten etwas anderes.

"Den zweiten Klick machen viele nicht mehr"

Redaktionen verweisen in solchen Fällen gerne auf die ergänzenden Zeilen in ihren Einträgen in sozialen Netzwerken und die Links auf ausführliche Artikel. Kritiker Hoffmann warnt hingegen: "Wenn man sich die Mechanismen anschaut, die da wirken, dann ist es nun mal ganz oft so, dass die Leute eben diesen zweiten Klick nicht mehr machen. Sie sehen das, was ihnen vielleicht in den Feed gespült wird, machen dann aber ganz oft nicht mehr den Klick." Was am Ende hängen bleibe sei ausschließlich die Aussage, die auf der Kachel steht.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Netzwelt | 19.10.2018 | 06:20 Uhr