Stand: 15.02.2018 15:12 Uhr

Wieder Pflanzengifte in Tee nachgewiesen

von Ann-Brit Bakkenbüll
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Im Labor hat Markt Tee aus dem Supermarkt und vom Discounter untersuchen lassen.

Kräutertees namhafter Hersteller sind teilweise mit Pflanzengiften verunreinigt. Bei einer Laboranalyse im Auftrag von Markt wurden in sechs von dreizehn stichprobenartig ausgewählten Tees aus Supermärkten und Discountern sogenannte Pyrrolizidinalkaloide (PA) entdeckt. Diese können zu Leberschädigungen und Leberkrebs führen. Untersucht wurden diese Teesorten:

Kamillentee:

  • von Aldi, Edeka, Lidl und Rewe für jeweils 0,55 Euro
  • von Alnatura in Bio-Qualität für 1,29 Euro
  • von Meßmer und Teekanne für jeweils 1,99 Euro

Kräutertee:

  • von Aldi, Edeka und Lidl für jeweils 0,89 Euro
  • von Alnatura in Bio-Qualität für 1,29 Euro
  • von Meßmer für 1,79 Euro
  • von Teekanne für 1,99 Euro

Toxikologe: Schon geringe Mengen können Krebs auslösen

"Es besteht die Möglichkeit, dass geringste Mengen ausreichen, um Krebs zu verursachen", sagt der Toxikologe Prof. Edmund Maser vom Institut für Toxikologie der Universität Kiel. Er fordert, dass jegliche Lebensmittel - so auch Tees - frei von PA sein sollten. Die Gifte sind in Unkraut enthalten, das zwischen den Teekräutern wächst und mit der Ernte in den Tee gelangen kann.

Höchstaufnahmemenge in einer Tasse Tee

Zwar gibt es keinen gesetzlich vorgeschriebenen Grenzwert für PA in Lebensmitteln. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hat jedoch 2011 einen Orientierunsgwert veröffentlicht. Demnach sollte ein 70 Kilogramm schwerer Erwachsener maximal 0,49 Mikrogramm PA pro Tag aufnehmen.

Insbesondere Eltern empfiehlt das BfR in einer Stellungnahme von 2013, ihren Kindern nicht ausschließlich Kräutertees und Tee anzubieten. Schwangere und Stillende sollten Kräutertees und Tee abwechselnd mit anderen Getränken konsumieren.

BfR will Orientierungswert erhöhen

Nach Auskunft des BfR hat die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) 2017 "aufgrund neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse" einen neuen "Referenzpunkt in Höhe von 237 Mikrogramm pro Kilogramm und Tag für Betrachtungen zu Krebsrisiken abgeleitet". Das BfR hat den neuen Wert geprüft und wird seine Risikobewertungen künftig ebenfalls auf Basis dieses neuen Referenzpunktes vornehmen.

Allerdings gilt generell die Empfehlung, die Exposition gegenüber genotoxisch-kanzerogen wirkenden Substanzen so weit zu minimieren, wie dies vernünftigerweise erreichbar ist (ALARA-Prinzip: as low as reasonably achievable). Denn selbst geringe Aufnahmemengen, insbesondere bei regelmäßigem Verzehr, können mit einer Erhöhung gesundheitlicher Risiken verbunden sein.

Versuchsaufbau im Labor

Im Auftrag von Markt hat ein akkreditiertes Labor die stichprobenartig ausgewählten Tees untersucht. Die Annahme für den Versuchsaufbau in der Stichprobe war, dass man 15 Gramm Tee mit einem Liter Wasser aufgießt. Aus Gründen der Vergleichbarkeit hat sich das Labor an einem durchschnittlichen Füllgewicht von drei Gramm pro Beutel orientiert. Bei einem Tassenvolumen von 200 Millilitern wären es bis zu 15 Gramm pro Liter.

Kamillentee von Teekanne und Rewe

Bei den Kamillentees fielen zwei von sieben Produkten auf: der Kamillentee von Teekanne und der Kamillentee der Rewe-Eigenmarke "Ja!".

Teekanne empfiehlt auf seiner Verpackung, für eine Tasse mit 200 Millilitern einen Beutel zu benutzen. Dieser enthält beim Kamillentee 1,5 Gramm. Hochgerechnet auf einen Liter wären das 7,5, Gramm. Auch bei dieser Menge läge der PA-Wert bei 0,85 Mikrogramm pro Liter Tee und damit immer noch über dem Orientierungswert des BfR, allerdings unter dem der EFSA.

Rewe empfiehlt pro Tasse Tee einen Beutel à 1,5 Gramm zu verwenden. Genauere Angaben zu exakten Milliliterangabe pro Tasse finden wir hier nicht. Geht man jedoch auch hier von 200 Millilitern pro Tasse aus, wären es erneut 7,5 Gramm Tee, der für einen Liter verwendet werden würde. Dadurch käme auf Grundlage des Versuchsaufbaus eine Belastung von ca. 0,085 Mikrogramm PA pro Liter Tee zustande. Damit läge der Tee sowohl unter dem Orientierungswert des BfR als auch unter dem der EFSA.

Kräutertee von Teekanne

Auch bei den Kräutertees enthielt das Produkt von Teekanne die größte Menge Pyrrolizidinalkaloide. Hier empfiehlt Teekanne ebenfalls für eine Tasse mit 200 Millilitern einen Beutel zu benutzen. Dieser enthält beim Kräutertee 2 Gramm. Hochgerechnet auf einen Liter wären das 10 Gramm. Bei dieser Menge läge der PA-Wert bei 0,56 Mikrogramm PA pro Liter Tee. Auch dieser Wert übersteigt den Orientierungswert des BfR, nicht aber den der EFSA.

Legt man den Orientierungswert der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA zugrunde, ist der Wert als unkritisch einzustufen. Das BfR will seine Empfehlung künftig an die Einschätzung der EFSA anpassen.

Kräutertee von Meßmer

Auch der Kräutertee von Meßmer ist belastet. Der Hersteller empfiehlt auf seiner Verpackung, für einen Liter Kräutertee mindestens vier Beutel zu benutzen. Bei einem Inhalt von zwei Gramm pro Beutel sind das mindestens acht Gramm Tee pro Liter. Bei dieser Annahme wäre ein Liter fertiger Tee nur mit 0,4 Mikrogramm pro Liter belastet und läge somit sowohl unter dem Orientierungswert des BfR als auch unter dem der EFSA.

Kräutertee von Alnatura und Edeka

Auch in den Kräutertees von Alnatura und Edeka wurden Pyrrolizidinalkaloide nachgewiesen.

Alnatura empfiehlt pro Tasse Tee einen Beutel à 1,5 Gramm zu verwenden. Genauere Angaben zu exakten Milliliterangabe pro Tasse finden wir hier nicht. Geht man jedoch von 200 Millilitern pro Tasse aus, würde man erneut 7,5 Gramm Tee für einen Liter benötigen. Die entspräche auf Grundlage der Laborergebnisse einer Belastung von ca. 0,098 Mikrogramm PA pro Liter Tee.

Bei Edeka sind hingegen 2 Gramm Tee pro Beutel enthalten. Hochgerechnet auf einen Liter bedeutet das eine Menge von 10 Gramm Tee. Auf Grundlage der Laborergebnisse wäre ein Liter Tee damit mit 0,13 Mikrogramm PA belastet.

Beide Teesorten lägen damit sowohl unter dem Orientierungswert des BfR als auch unter dem der EFSA

Nicht belastete Tees

Gar nicht mit Pyrrolizidinalkaloiden belastet waren die Kräutertees von Aldi und Lidl sowie die Kamillentees von Aldi, Lidl, Alnatura, Meßmer, und Edeka.

Das sagen die Hersteller

  • Teekanne

    Teekanne schreibt, die gemessenen Werte unterschreiten die Richtwerte. Damit kann allerdings nur der viel großzügigere, europäische Referenzwert gemeint sein. Teekanne räumt ein, PA-Vorkommen könnten "jedoch nicht vollends ausgeschlossen werden".

  • Rewe

    Man bemesse PA-Grenzwerte für Tee-Produkte der Eigenmarke so, "dass bei übermäßigem Verzehr der betreffenden Produkte die vom BfR empfohlene Tageszufuhr (...) nicht erreicht werden kann".

  • Meßmer

    Der Verzehr des Tees stelle "kein gesundheitliches Risiko" dar. Meßmer empfiehlt auf seiner Verpackung, für einen Liter Kräutertee mindestens vier Beutel zu benutzen. Bei einem Inhalt von zwei Gramm pro Beutel sind das mindestens acht Gramm Tee pro Liter. Bei dieser Annahme wäre ein Liter fertiger Tee nur mit 0,4 Mikrogramm pro Liter belastet und läge somit sowohl unter dem Orientierungswert des BfR als auch unter dem der EFSA.

  • Edeka

    Es gebe "keinen gesetzlich festgelegten Grenzwert". Zudem habe man mit dem Lieferanten "seit längerem ein Minimierungskonzept für PA etabliert." Dieses verfolge man auch in Zukunft konsequent weiter.

  • Alnatura

    Auf Grundlage der Ergebnisse erkenne man, dass "Anstrengungen zur Minimierung von PA greifen".

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Diskussion um Grenzwert dauert an

Bereits in der Sendung vom 11. Januar 2016 hat Markt Pflanzengifte im Tee nachgewiesen. Damals erklärte das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft, dass man "eine Festlegung zulässiger Höchstgehalte auf EU- und auf internationaler Ebene" anstrebe.

Doch seitdem hat sich offenbar nichts getan. Auf Anfrage von Markt schreibt das Ministerium:

"Die Diskussionen zur Festsetzung von Höchstgehalten zu Pyrrolizidinalkaloiden in verschiedenen Lebensmitteln dauern auf EU-Ebene noch an. In Deutschland haben die Länder Eingriffswerte für verschiedene Tees festgelegt, um einen einheitlichen Vollzug in der Lebensmittelüberwachung sicherzustellen. (...) Auf internationaler Ebene steht eine abschließende Risikobewertung zu Pyrrolizidinalkaloiden (...) noch aus."

Verbraucherschützer fordern Grenzwert

Verbraucherschützer wie Silke Schwartau von der Verbraucherzentrale Hamburg fordern, den "Eintrag von PA in Lebensmitteln zu verringern - zum Beispiel durch Vernichtung von Jakobskreuzkraut auf landwirtschaftlichen Flächen". Außerdem sei mehr Forschung nötig, um einen Grenzwert für PA festlegen zu können. Nur so könne hoch belastete Ware in Zukunft vom Markt ausgeschlossen werden.

So gelangen Pflanzengifte in den Tee

Einige Pflanzen wie das Jakobskreuzkraut produzieren Pyrrolizidinalkaloide (PA), um sich vor Fressfeinden und Schädlingen zu schützen. Bei der maschinellen Ernte können Unkräuter, die zwischen den Teekräutern wachsen, mit in das Erntegut gelangen. Vor allem bei Kamille ist das Risiko hoch - sie kann schnell mit kritischen Wildkräutern verwechselt werden. Durch mehr Sorgfalt bei der Ernte könnten Hersteller das PA-Gift im Tee vermeiden. Da das Gift temperaturbeständig und sehr gut wasserlöslich ist, können die Substanzen auch bei kochendem Wasser vollständig in den Tee übergehen. Schon geringste Mengen reichen aus, um die Leber dauerhaft zu schädigen und krebsfördernd zu wirken.

Pyrrolizidinalkaloide - gefährliche Pflanzenstoffe

Pyrrolizidinalkaloide, kurz PA, sind Stoffe, die einige Pflanzen zur Abwehr von Fressfeinden bilden. Insgesamt gibt es mehr als 500 verschiedene PA, die in 6.000 unterschiedlichen Pflanzen vorkommen. In unseren Breiten enthält beispielsweise das Jakobskreuzkraut, das Greiskraut oder der Natternkopf Pyrrolizidinalkaloide. In größeren Mengen kann der toxische Stoff Leber und Lunge schädigen. Dem Bundesinstitut für Risikobewertung zufolge sind PA beispielsweise in Kräutertees, Getreide, Salaten, Blattgemüsen und Honigen nachgewiesen. Untersuchungen haben geringe PA-Werte bei deutschem Honig aufgezeigt. Eine akute Gefährdung der Gesundheit ist laut BfR jedoch unwahrscheinlich. Aus Afghanistan sind Todesfälle durch belastetes Getreide bekannt. Gesetzliche Grenzwerte für PA in Lebensmitteln oder Futtermitteln gibt es bislang nicht.

Fazit: Keine Entwarnung bei Kräutertee

Im Vergleich zu den Untersuchungsergebnisse vom Januar 2016 fällt auf, dass die Belastung von Kräutertees mit Pyrrolizidinalkaloiden zurückzugehen scheint. Die Werte waren deutlich niedriger. 7 von 13 Produkten der Stichprobe waren unbelastet. Erste Anstrengungen zur Vermeidung von Pyrrolizidinalkaloiden scheinen demnach zu greifen. Dennoch bleibt noch einiges zu tun, um die Belastung mit Pyrrolizidinalkaloide weiter zu senken.

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Dieses Thema im Programm:

Markt | 12.02.2018 | 20:15 Uhr

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