Stand: 27.07.2018 15:52 Uhr

Was bringt es, Bio-Gemüse zu kaufen?

Was bringt Nachhaltigkeit oder besser: nachhaltiges Verbraucher-Verhalten? In dieser Folge der Serie von NDR Info und NDR 2 geht es um das Thema Bio-Landwirtschaft und -Lebensmittel.

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Einkaufen mit gutem Gewissen: Das Gemüse wird in der Region angebaut und ist frisch geerntet.

In meinem Einkaufskorb am Bio-Stand auf dem Wochenmarkt landen Tomaten, Salat, Zucchini, Radieschen und Gurken - frisch geerntet in der Region. Ein guter Beitrag zu einer nachhaltigen Ernährung - und zu einer umweltschonenden Landwirtschaft. Ein Besuch beim Erzeuger, dem Öko-Betrieb Gut Wulksfelde, zeigt: Salate, Gemüse und Kräuter werden ohne chemischen Dünger und ohne Pestizide angebaut. Die Tomaten wachsen in Thermo-Gewächshäusern, die nicht zusätzlich beheizt werden. Das sorgt ebenfalls für eine gute Öko-Bilanz.

Flugzeug-Transport verschlechtert Klimabilanz

Was aber ist mit Bio-Tomaten aus Holland? Oder Bio-Avocados aus Peru? Bin ich da umweltbewusst? "Da habe ich meine Zweifel", sagt Gerold Rahmann, Leiter des Thünen-Instituts für ökologischen Landbau in Trenthorst in Schleswig-Holstein: "Beim Klimaschutz, das kann so oder so sein. Das kann sein, dass wir mit fossiler Energie sehr klima-unfreundlich dort produzieren. Erdbeeren aus Peru, Frühkartoffeln aus Ägypten können einen ganz schlechten Fußabdruck fürs Klima haben." Vor allem, wenn sie mit dem Flugzeug transportiert werden. Dann verschlechtert sich die Klimabilanz bei konventionellen und bei Bioprodukten.

Der Schiffstransport ist deutlich umweltschonender: Er verursacht pro Kilo Obst und Gemüse bei gleicher Distanz nur drei Prozent der CO2-Menge, die beim Flugtransport entsteht. Auch die Lagerung spielt eine wichtige Rolle bei der Klimabilanz: Äpfel zum Beispiel, die nach der Ernte im Herbst monatelang gelagert und frisch gehalten werden, bevor sie im Supermarkt landen, weisen nicht unbedingt eine gute CO2-Bilanz auf.

"Bio ist eine Erfolgsgeschichte"

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Wer Bio-Avocados aus Peru kauft, handelt nicht unbedingt umweltgerecht.

Insgesamt schneiden Produkte aus ökologischer Landwirtschaft besser ab als solche aus konventionellem Anbau: Sie sparen bis zu 30 Prozent der Treibhausgasemissionen. Das zeigt ein Vergleich der Klimabilanzen des Bundesumweltministeriums. Bio ist eine Erfolgsgeschichte, betont Rahmann: "Wenn ich mir die Produktion anschaue, dann kann ich sagen, dass die Standards eingehalten werden. Egal, wo auf der Erde sie produziert werden, werden sie über die gesamte Handelskette bis zum Markt geprüft. Es gibt keinen Lebensmittelsektor, der so homogen und so nachhaltig ist wie die Bio-Prozesskette."

Geringere Ernte in der Bio-Landwirtschaft

In Deutschland ist inzwischen jeder zehnte landwirtschaftliche Betrieb ein Bio-Betrieb. Die Bundesregierung will Öko-Landbau weiter stärken. Das Ziel: Mittelfristig 20 Prozent Öko-Anbaufläche. Während Rahmann das realistisch findet, ist der Agrarökonom Matin Qaim von der Uni Göttingen anderer Meinung. Er sieht aus wissenschaftlicher Sicht keinen Grund, ausgerechnet das 20-Prozent-Ziel zu setzen. Und auch wenn Bio-Produkte mit weniger chemischen Pflanzenschutzmitteln belastet sind - die Ökolandwirtschaft setze Bio-Pestizide ein, etwa Kupferverbindungen. 

Qaim hält auch die Aussage für zu pauschal, wonach Bio-Landwirtschaft nachhaltiger ist: "Man muss schauen, was auf einem Hektar Ackerland passiert. Wenn Sie auf dem einen Hektar Gemüse anbauen und messen, was für Umwelteffekte entstehen, dann ist es häufig so, dass die Bio-Landwirtschaft besser abschneidet als die konventionelle Landwirtschaft. Aber Sie ernten auch deutlich weniger."

Eben weil sie zum Beispiel keine chemischen Pestizide einsetzen, hält Rahmann vom Thünen-Institut dagegen. Er ergänzt: In Sachen Ertragsteigerung muss die Ökolandwirtschaft noch besser, Kontrollen und Standards weiterentwickelt werden: "Wir müssen weniger Sprit verbrauchen. Wir müssen weniger Fläche für die Lebensmittelproduktion verbrauchen, wir müssen den Tieren noch bessere Lebensbedingungen geben, das Essen muss noch gesünder werden."

Der Kauf am Bio-Stand ist nicht alles

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Die Erträge im Biolandbau sind deutlich geringer als die in der konventionellen Landwirtschaft.

Nachhaltige Ernährung bedeutet aber mehr als den Kauf beim Bio-Stand auf dem Wochenmarkt: Fahre ich mit dem Auto oder dem Fahrrad zum Einkaufen? Außerdem wird viel zu viel weggeschmissen: Allein in Deutschland landen laut Bundesumweltministerium elf Millionen Tonnen Lebensmittel pro Jahr in der Tonne. 

Nach Angaben der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen haben "nachhaltige Ernährungsweisen geringe Auswirkungen auf die Umwelt, tragen zur Lebensmittel- und Ernährungssicherung bei und ermöglichen heutigen und zukünftigen Generationen ein gesundes Leben". Zudem schützen sie die Ökosysteme.

Insgesamt also geht es um einen bewussteren Umgang mit Lebensmitteln, sagen Experten. Dabei spielt auch der Fleischkonsum eine große Rolle: Die Produktion von Fleisch verbraucht zehnmal so viel Energie und Wasser wie pflanzliche Kost. 

EU-Bio-Siegel bietet Orientierung

Überprüfen können Verbraucher die Ökobilanz von Bio-Produkten aus dem Ausland aber schlecht: Es gibt ja kein Klimabilanz-Siegel auf den Produkten, das alles - also Produktion, Transport und so weiter - kennzeichnet.

Orientierung bietet das EU-Bio-Siegel. Hier werden Mindeststandards eingehalten, die Labels deutscher Bio-Verbände haben strengere Richtlinien.  

Bio- und konventionelle Bauern lernen voneinander

Kann Bio die Welt ernähren? Einige Studien sagen: Ja, unter der Voraussetzung, dass wir weniger wegschmeißen und weniger Fleisch essen. Andere sagen: Nein, Bio kann die Welt auf keinen Fall ernähren. Dazu gehört zum Beispiel eine Studie der Uni Göttingen.

Das Problem ist: Bio-Landwirte ernten je nach Standort bis zu 50 Prozent weniger als ihre konventionell wirtschaftenden Kollegen. Sie brauchen also viel mehr Fläche. Deswegen wird gerade daran geforscht: Wie können Erträge ohne chemische Zusatzmittel gesteigert werden? Wie kann man robustere Pflanzen anbauen? Noch bessere Fruchtfolgen einsetzen? Durch diese Diskussion lernen Bio- und konventionelle Bauern schon jetzt schon voneinander.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 30.07.2018 | 07:20 Uhr

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