Nur noch wenige Banken erheben Negativzinsen

Stand: 17.08.2022 16:04 Uhr

Viele Geldinstitute erheben keine Negativzinsen mehr auf die Guthaben ihrer Kunden. Auch Freibeträge wurden wieder erhöht. Dennoch sollten Verbraucher wissen, wie sie Verwahrentgelte vermeiden.

von Jochen Lambernd

Ende Juli 2022 hat die Europäische Zentralbank (EZB) die rund acht Jahre dauernde Ära der Negativzinsen so gut wie beendet. Um 0,5 Prozentpunkte erhöhte die Zentralbank die Leitzinsen, doppelt so stark wie zuvor angekündigt. Als Folge davon könnten Niedrigstzinsen auf Tagesgeld- und Festgeldkonten oder gar Negativzinsen auf Konten, die einen bestimmten Freibetrag überschreiten, der Vergangenheit angehören.

Aufgrund der Niedrigzinspolitik und der Negativzinsen der EZB waren den Banken Kosten entstanden, die sie nach langer Zeit des Abwartens oftmals in Form von Verwahrentgelten - auch Straf- oder Minuszinsen genannt - an ihre Kunden weitergegeben haben. Verbraucherschützer reichten dagegen mehrfach Klagen ein.

Freibetragsgrenzen werden erhöht

Mehrere Hundert Banken und Sparkassen in Deutschland hatten solche Negativzinsen erhoben. Betroffen waren neben Neukunden auch Bestandskunden. Dabei handelte es sich längst nicht mehr um besonders solvente Kunden, sondern immer häufiger auch um Sparer mit kleinerem Budget. Viele Banken in Deutschland haben die Negativzinsen inzwischen ganz oder teilweise abgeschafft. Andere hoben die Freibeträge deutlich an, sodass ein Großteil der Kundinnen und Kunden keine Negativzinsen mehr zahlen muss. Trotzdem gibt es immer noch Banken, die Negativzinsen verlangen.

"Wir gehen davon aus, dass das Verwahrentgelt spätestens ab 1. Oktober vollständig von der Bildfläche verschwunden sein wird, zumal der Druck auf die noch verbliebenen Banken zunimmt", sagte Horst Biallo, Gründer und Geschäftsführer des gleichnamigen Verbraucherportals. "Schließlich lassen sich Strafzinsen auf Guthaben in Zeiten steigender Tagesgeld- und Festgeldzinsen gegenüber der Kundschaft nicht mehr rechtfertigen.

Banken bieten Kunden wieder Zinsen an

Tatsächlich zahlen die ersten Geldinstitute sogar wieder Zinsen - wie etwa die Direktbank ING, die einen Sparbrief mit einer Verzinsung von bis zu 1,5 Prozent pro Jahr anbietet. "Das Verwahrentgelt abzuschaffen, ist uns deutlich leichter gefallen als es einzuführen", sagte ING-Vorstandschef Nick Jue. "Mit der Verzinsung von Spargeldern haben wir nun einen Wendepunkt erreicht: Einlagen rücken für unsere Kunden wie für uns als Bank wieder stärker in den Fokus." Auch die meisten Sparkassen in Deutschland zahlen wieder Zinsen fürs Festgeld.

Allerdings ist die Inflationsrate in Deutschland recht hoch (Juli 2022: 7,5 Prozent), sodass der Realzins vorerst im negativen Bereich bleiben wird. Für das Gesamtjahr 2022 rechnet die Bundesbank mit einer Inflationsrate von 7,1 Prozent - 10.000 Euro auf einem unverzinsten Girokonto würden somit in einem Jahr 663 Euro an Wert verlieren.

Sparbriefe, Festgelder und ETF als Alternativen

Als sichere Anlagen kämen weiterhin Sparbriefe und Festgelder infrage, auch bei anderen Anbietern als der Hausbank, sagte Sandra Klug von der Verbraucherzentrale Hamburg im Gespräch mit NDR.de. Wer sich des Risikos bewusst sei, könne sein Geld über sogenannte Exchange Traded Funds (ETF) anlegen. Um diese zu erwerben, muss der Kunde oft selbst aktiv werden.

Alternative Anlageprodukte der Hausbank sollten sorgfältig geprüft werden, rät die Verbraucherzentrale. Häufig seien diese nicht bedarfsgerecht, zu unflexibel, teuer und mit hohen Risiken verbunden.

Negativzinsen vermeiden: Was können Kunden tun?

Auch wenn die Zeit der Negativzinsen vorbei zu sein scheint, ist es gut, auch künftig gewappnet zu sein, sollten die Geldinstitute wieder Verwahrentgelte erheben. Sie bieten ihren Kunden meist Beratungsgespräche und Informationen an, was zu tun sei, um die Negativzinsen zu umgehen. Dabei empfehlen sie gern ihre eigenen Hausprodukte, die im Vergleich nicht immer die günstigsten sein müssen. Daher sollten sich Sparer, die über Geldsummen oberhalb der jeweiligen Freibeträge verfügen, nach weiteren Alternativen umsehen. Hier ein paar Ratschläge:

  • Reagieren Sie unbedingt auf Negativzins-Ankündigungen Ihres Geldinstituts, suchen Sie das direkte Gespräch. Dann sind individuelle Lösungen leichter. Aber: Lassen Sie sich nicht unter Druck setzen. Unterschreiben Sie nicht unüberlegt und nichts, das Sie nicht verstehen. Nehmen Sie sich Zeit, einen Anlagevorschlag zu prüfen.
  • Legen Sie sich ein zusätzliches - kostenloses - Girokonto bei einer anderen Bank zu, die höhere Freibeträge anbietet. Verteilen Sie also Ihr Geld.
  • Das Institut ganz zu wechseln, kann eine Möglichkeit sein. Allerdings können auch andere Banken später Strafzinsen erheben.
  • Schichten Sie Ihr Guthaben auf Sparkonten um. Auf diese dürfen Banken und Sparkassen aus Sicht der Verbraucherzentrale Hamburg keine Negativzinsen erheben.
  • Auch manche Tagesgeldkonten bieten sich an, um Guthaben umzuschichten. Fragen Sie aber explizit nach dem Freibetrag.
  • Achten Sie in jedem Fall auf eine Einlagensicherung. Üblich ist, dass 100.000 Euro Spargeld pro Kunde abgesichert sind.
  • Legen Sie Ihr Geld an: in Aktien und Anleihen - zum Beispiel über ETF. Achten Sie auf die Verfügbarkeit Ihres Kapitals! Und: Ein gewisses Risiko ist dabei.
  • Immobilien sind eher sehr langfristige Investitionsobjekte.
  • Lassen Sie sich unabhängig und individuell beraten, was für Sie der beste Weg ist - etwa von der Verbraucherzentrale in ihrer Nähe.

Wichtig: Wer sich weitere Girokonten zulegt, sollte beachten, dass die jeweiligen Informationen an die Schufa weitergeleitet werden können. Ob sich deshalb die Bewertung ("Score") womöglich verschlechtert, lässt sich pauschal nicht sagen. Es komme auf alle Informationen zu einer Person an, erklärt Pressereferentin Anna-Lena Rawe im Gespräch mit NDR.de.

Negativzinsen kann man übrigens steuerlich nicht absetzen. Das Finanzamt stuft sie Stiftung Warentest zufolge als Gebühr ein.

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