Stand: 23.08.2019 06:00 Uhr

CO2-Ausstoß: Die größten Verursacher im Norden

von Marvin Milatz und Daniel Sprenger
Ja, wo rauchen sie denn? Eine NDR Recherche zeigt, welche Anlagen in Norddeutschland am meisten CO2 ausstoßen.

Viel ist in den vergangenen Monaten in Norddeutschland über den Schadstoffausstoß des Verkehrs diskutiert worden - und über mehr oder weniger vielversprechende Maßnahmen dagegen.

Doch der Verkehr machte 2018 "nur" gut 21 Prozent der deutschlandweiten Kohlenstoffdioxid-Emissionen (CO2-Ausstoß) aus, wie das Umweltbundesamt errechnet hat. Industrie und vor allem die Energiewirtschaft mit 38,7 Prozent aller CO2-Emissionen sorgen für den Löwenanteil. Eine NDR Recherche zeigt, wo die größten Dreckschleudern im Norden stehen.

Kraftwerke in Ballungszentren pusten am meisten raus

Die Haupt-Emittenten - zumeist Kraftwerke - konzentrieren sich im Norden rund um die Ballungszentren Hamburg, Bremen und Hannover. Aber auch in kleineren Städten wie Rostock, Kiel, Wilhelmshaven und Lingen gibt es Anlagen, die mehr als 1.000 Kilotonnen CO2 im Jahr in die Luft blasen. Das sind mehr als eine Milliarde Kilogramm des klimaschädlichen Gases. In Südniedersachsen stößt das Kraftwerk Mehrum 2.320 Kilotonnen CO2 aus, das Kraftwerk Hallendorf des Stahlproduzenten Salzgitter AG sogar 3.528 Kilotonnen.

Moorburg ganz vorne bei den Emissionen im Norden

Spitzenreiter ist jedoch das Kohlekraftwerk Moorburg in Hamburg, das im vergangenen Jahr 6.247 Kilotonnen CO2 ausgestoßen hat. Das sind 6.247.000.000 Kilogramm des klimaschädlichen Gases. Die Zahl geht aus einer Tabelle der EU-Kommission hervor. Darin sind in 14.113 Zeilen alle Anlagen gelistet, die am EU-weiten Handel mit Emissionsrechten teilnehmen müssen. Im deutschlandweiten Vergleich belegt Moorburg jedoch "nur" Platz zwölf. Gleichwohl entspricht der CO2-Ausstoß des Kraftwerks nach einer Berechnung des Umweltbundesamtes den Emissionen von rund 2,2 Millionen Autos mit einer durchschnittlichen Fahrleistung von 13.900 Kilometern pro Jahr.

Betreiber: Moorburg sauberer als andere Kraftwerke

So teuer sind die Emissionsrechte für Moorburg

Vattenfall muss für sein Kraftwerk Moorburg ordentlich Geld in die Hand nehmen: Legt man den durchschnittlichen Preis für eine Tonne CO2 von 15,48 Euro im Jahr 2018 zugrunde, hätte Vattenfall 97 Millionen Euro für entsprechende Kompensations-Zertifikate zahlen müssen. Doch der CO2-Zertifikate-Handel gleicht dem Aktienhandel und Unternehmen haben verschiedene Möglichkeiten, günstigere CO2-Deals zu machen. Der Kurs der CO2-Zertifikate ist zudem nicht stabil. Nach einem Preisverfall auf unter drei Euro pro Tonne CO2 im April 2013 schwankte der Preis lange zwischen fünf und acht Euro, ehe er seit 2017 kontinuierlich anstieg. Mit rund 28 Euro erreichte er im April 2019 ein Langzeithoch. Würde Vattenfall heute CO2-Zertifkate für Moorburg erwerben, müsste der Stromkonzern fast das Doppelte zahlen.

Moorburg-Betreiber Vattenfall ist bemüht, die Zahlen zum CO2-Ausstoß zu relativieren. "Bevor das Kraftwerk Moorburg errichtet wurde, musste Hamburg mehr als 80 Prozent seines Stroms aus anderen Bundesländern importieren, darunter auch aus Braunkohlekraftwerken in Ostdeutschland und Nordrhein-Westfalen sowie aus älteren Steinkohlekraftwerken im Rest Deutschlands", sagt Pressesprecherin Karen Kristina Hillmer. Das Steinkohlekraftwerk Moorburg habe im Vergleich zu jenen älteren Steinkohlekraftwerken einen höheren Wirkungsgrad und stoße 25 Prozent weniger CO2 pro erzeugter Kilowattstunde Strom aus. "Der aufgezeigte höhere CO2-Ausstoß im Norden bedeutet damit in Summe eine Verringerung des CO2-Ausstoßes für das gesamte Bundesgebiet", sagt Hillmer.

Für den Umweltschutzverband BUND, der sich aus klimapolitischen Motiven rechtlich gegen Moorburg gewandt hatte, ist das nur ein schwacher Trost. "Jedes neue Kohlekraftwerk, mit welchem Wirkungsgrad auch immer, steht einem baldigen Ausstieg aus der Kohleverbrennung entgegen", sagt der Hamburger BUND-Sprecher Paul Schmid.

Erneuerbare Energien und Emissionshandel zeigen Wirkung

Hauke Hermann vom Öko-Institut teilt diese Meinung grundsätzlich, aber er sieht auch positive Ansätze: "Durch den Ausbau erneuerbarer Energien zwischen 2014 und 2018 und durch den Anstieg der CO2-Preise in den vergangenen Jahren ist die Produktion der Steinkohlekraftwerke in Deutschland deutlich zurückgegangen", sagt Hermann. Vor allem ältere Kraftwerke seien vor diesem Hintergrund nicht mehr rentabel und drosselten ihre Produktion. Infolgedessen ging der CO2-Ausstoß insgesamt deutlich zurück. Laut Umweltbundesamt sank die CO2-Emission von Steinkohlekraftwerken allein von 2017 auf 2018 um 10,8 Prozent.

Trend: Steinkohlekraftwerke zunehmend unattraktiv

Dieser Trend lässt sich an einer zweiten Karte ablesen, die die Veränderung des CO2-Ausstoßes gegenüber dem Vergleichsjahr 2014 darstellt. Die meisten großen Emittenten im Norden, wie die Kraftwerke in Wilhelmshaven, Kiel oder Rostock verzeichnen einen teils deutlichen Rückgang beim ausgestoßenen CO2. Doch es gibt Ausnahmen: Moorburg, dessen Ausstoß sich vervierfachte, und das Gaskraftwerk Lingen mit verdreifachten Emissionen. Was sind die Gründe?

Bei Moorburg ist die Erklärung einfach: 2014 war das Kraftwerk noch in der Erprobungsphase, erst seit 2016 ist es im Vollbetrieb. Zudem hingen die Emissionen mit der Auslastung des Kraftwerks zusammen, sagt Schmid vom BUND.

Ältere Kraftwerke seltener am Netz als Moorburg

Ein Blick auf die Auslastung verschiedener Kraftwerke bestätigt diese Einschätzung. Moorburg war 2018 zu 72 Prozent ausgelastet, wie Vattenfall-Sprecherin Hillmer sagt.

Ältere Steinkohlekraftwerke waren dagegen seltener am Netz. "Die Auslastung des Kraftwerks Rostock lag 2018 bei circa 65 Prozent", teilt die Pressestelle des Betreibers EnBW mit. Mittelfristig geht EnBW davon aus, dass sich die Einsatzzeiten und damit auch der CO2-Ausstoß der älteren Kraftwerke - auch bedingt durch den stärkeren Einsatz erneuerbarer Energien und den Emissionshandel - weiter verringern werden. 

Deutlich gestiegene Nachfrage bei Gaskraftwerk Lingen

Anders verhält es sich beim Kraftwerk Lingen, das im vergangenen Jahr 1.184 Kilotonnen CO2 ausstieß. RWE-Pressesprecherin Regina Wolter erklärt den Anstieg um 789 Kilotonnen mit der gestiegenen Nachfrage nach Gaskraftwerken. Die sei zurückzuführen auf sinkende Gaspreise, steigende Preise für CO2-Zertifikate und höhere Preise für Strom am Großhandelsmarkt.

EEX und EUA: CO2-Handel an der Energiebörse

Die European Energy Exchange EEX ist die nach eigenen Angaben führende europäische Energiebörse, sie bietet Kontrakte auf Strom und Emissionsberechtigungen an und gehört zur Gruppe Deutsche Börse. Hier werden sogenannte EUA (European Emission Allowances) gehandelt, also Zertifikate, die einzeln zur Emission von einer Tonne CO2 berechtigen. Bis zu einer Obergrenze werden diese Zertifikate von den Mitgliedsstaaten an die Anlagen ausgegeben, einige kostenlos, andere im Rahmen einer Auktion. Diese Berechtigungen werden dann frei gehandelt, so bildet sich ein Preis für den Ausstoß von Treibhausgasen. Aktuell kostet eine Tonne CO2 an der EEX knapp 27 Euro.

2014 produzierten die Gaskraftwerke in Deutschland laut einer Statistik des Fraunhofer-Instituts 33,2 Terawattstunden (Twh) Strom, 2018 waren es 44,1 TWh - ein Zuwachs von 33 Prozent, der auch mehr Emissionen bedeutet. "Die Betrachtung nur auf die CO2-Emissionen zu beschränken, wäre zu kurz gesprungen", sagt Wolter. Denn gerade Gaskraftwerke spielten für eine Stromversorgung, die die schwer kalkulierbare Einspeisung durch erneuerbare Energie ausgleichen muss, eine wichtige Rolle. Wann immer nicht ausreichend Strom aus Wind und Sonne verfügbar sei, seien Gaskraftwerke "idealer Partner" für die erneuerbaren Energien. Sie könnten schnell und zuverlässig Strom produzieren.

Auch Hermann vom Öko-Institut sieht diese Form der Stromerzeugung als kleineres Übel: "Solange eine höhere Produktion im Erdgas-Kraftwerk Lingen die Produktion von Steinkohlekraftwerken reduziert, ist dies sinnvoll."

Experte: Mindestpreis für CO2 nötig

Generell gilt für den Experten: Dass die Steinkohlekraftwerke weniger Emissionen verursachen, sei eher auf das Marktumfeld mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien und höheren CO2-Preisen und weniger auf strategische Entscheidungen der Firmen zurückzuführen. Der Ausbau etwa bei der Windkraft, der aktuell im Norden ins Stocken gekommen ist, müsse beschleunigt werden: Außerdem fordert er einen CO2-Mindestpreis, damit ein stets möglicher Preissturz auf dem EU-weiten Markt für Emissionen nicht dazu führt, dass es wieder zu günstig wird, die Luft zu verschmutzen.

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DIE REPORTAGE | 30.08.2019 | 21:15 Uhr

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