Stand: 11.05.2018 09:33 Uhr  - NDR 1 Niedersachsen  | Archiv

Vorsicht beim Feiern: Wenn Pinkeln ohnmächtig macht

von Tino Nowitzki
Mann uriniert im Wald an einen Baum. © fotolia Foto: andriano_cz
Einfach mal das angestaute Bier "rauslassen"? Für Männer kann das durchaus gefährlich werden und zu einer plötzlichen Ohnmacht führen.

Es klingt wie ein Albtraum für Männer: Gerade noch fröhlich ein paar Biere geleert, die Blase drückt - und wenn Mann sich dann schnell irgendwo erleichtern möchte, kann es ruckzuck passieren: Schwindel setzt ein, es wird schwarz vor Augen, plötzlich schlägt Mann sich irgendwo den Kopf blutig. Das Phänomen ist alles andere als erfunden. Es ist in der Medizin bekannt und nennt sich Miktionssynkope - also die Ohnmacht beim Wasserlassen. Was dabei passiert, ist eine kuriose Reaktion des Körpers. Und sie kann gefährlich werden.

Gehirn stellt Betrieb ein

Die schnelle Blasen-Entleerung löst einen starken Nervenreiz aus. Der wiederum sorgt dafür, dass das Herz langsamer schlägt, wie Internist Christoph Duisberg von der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) erklärt. Die Folge: Blutdruckabfall, durch den das Gehirn nicht genug Sauerstoff bekommt. Die Körper-Schaltzentrale stellt vorsorglich den Betrieb ein - es kommt zur Ohnmacht. Vornehmlich passiert das im Stehen, weswegen es vor allem Männer trifft. Würden die dann auch noch beim Pinkeln pressen, habe es das Blut noch schwerer, zum Herzen zurück zu fließen, so Duisberg. Das Risiko der Ohnmacht steigt. "Meist hält die aber nur ein paar Sekunden an", sagt der Mediziner. Danach sei alles, als wäre nichts gewesen.

Mit offener Hose im Wasser

Ein Porträt von Herrn Christoph Duesberg. © Karin Kaiser/MHH Foto: Karin Kaiser/MHH
Der Leiter der Notaufnahme der MHH Hannover, Christoph Duisberg, sagt: Miktionssynkopen sind selten, können aber gefährlich werden.

Wenn denn während der Ohnmacht nichts passiert. Doch genau das sei laut Duisberg die Gefahr: Beim unkontrollierten Umfallen kann es zu Verletzungen kommen. Bei großen Trinkgelagen ist das Ohnmachts-Risiko nach Ansicht des Mediziners gleich aus zwei Gründen besonders hoch: Alkohol entzieht dem Körper Wasser, was zu sinkendem Blutvolumen und damit zu zusätzlichem Blutdruckabfall führt. Außerdem neigten alkoholisierte Männer dazu, den Urin lange zurückzuhalten. Doch je voller die Blase, desto größer das Risiko der unheilvollen Nervenreizung beim Pinkeln und damit der Ohnmacht. Der Mechanismus ist auch in der Seefahrt bekannt: Geschichten von Männern, die beim Wasserlassen über die Reling fallen und dann mit offener Hose aus dem Wasser gefischt werden, werden unter Seglern erzählt.

Tod nach Pinkeln?

Besonders oft werden Miktionssynkopen zwar nicht registriert. In der Fachliteratur heißt es, dass knapp fünf Prozent der Ohnmachtsanfälle auf dieses Phänomen zurückzuführen sind. Auch Duisberg, der an der MHH die Notaufnahme leitet, sagt: "Im Jahr haben wir vielleicht vier Fälle". Allerdings gingen die wenigsten Leidenden mit ihrem Problem zum Notarzt. Wie viele Männer die Pinkel-Ohnmacht wirklich befällt, ist also unbekannt. Auch ob nach Partynächten verschwundene und tot aufgefundene junge Männer ursächlich nach einer Miktionssynkope umgefallen waren, ist laut Duisberg zumindest medizinisch schwer nachzuweisen: "Eine Autopsie kann da keine Hinweise geben", sagt der Arzt. Die offene Hose bei Opfern sei da schon eindeutiger.

Hinsetzen rettet - und der häufige Toilettengang

Treffen kann eine Miktionssynkope übrigens auch Frauen und ältere Männer - bei letzteren sei der Grund allerdings häufiger eine krankhafte Prostatavergrößerung, die mit Schwierigkeiten beim Urinieren einhergehe, so Duisberg. Am häufigsten komme das Phänomen bei jungen Männern vor: Nicht nur beim Genuss von viel Alkohol, sondern auch morgens nach dem Aufstehen, wenn der Kreislauf noch nicht in Schwung ist. Und was dagegen tun? MHH-Mediziner Duisberg meint: Häufiger Wasserlassen, vor allem bei Alkoholkonsum. Und Vorsicht, wenn man Anzeichen einer Miktionssynkope bemerkt, wie plötzliches Schwitzen und Wärmegefühl, Unwohlsein oder Schwindel: "Dann hilft Beine überkreuzen und anspannen, um den Urin aufzuhalten", sagt der Internist. Lassen die Symptome dann nach, sollte man sich beim Wasserlassen lieber hinsetzen - auch generell eine gute Idee zur Vorbeugung der Miktionssynkope. Na, wenn das nicht endlich mal ein überzeugendes Argument fürs Sitzpinkeln ist ...

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 09.05.2018 | 06:00 Uhr

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