Stand: 25.08.2016 11:41 Uhr  | Archiv

Auswandern: Welches Land ist für mich geeignet?

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Wer nur aus einer puren Laune heraus auswandern will, sollte es lieber lassen, rät die Auswanderer-Beraterin Cornela Banisch.

Was sollten Menschen, die auswandern wollen, alles bedenken? Welche Voraussetzungen sollten sie mitbringen? Diese und andere wichtige Fragen zum Thema Auswandern beantwortet Cornelia Banisch vom Raphaelswerk, einem Verein der Caritas. Die Einrichtung berät Menschen, die auswandern wollen, aber auch solche, die nach Deutschland zurückkehren.

Was sollte jemand unbedingt mitbringen, der auswandern will?

Cornelia Banisch: Die Sprachkenntnisse des Landes auf jeden Fall. Fachkenntnisse in einem Beruf sind auch immer von Vorteil, genauso wie enge Familienbindungen. Zudem finde ich es wichtig, dass Menschen, die auswandern wollen, die Offenheit mitbringen, sich auf andere Kulturen und andere Lebensweisen einzustellen und sie zu respektieren.

Sind in manchen Ländern bestimmte Berufe und Fertigkeiten besonders gefragt?

Banisch: Ja, das gibt es auch. Einwanderungsländer, wie Australien etwa, arbeiten mit speziellen Berufelisten. Wenn ich Leute berate, dann ist die erste Frage immer die nach dem Beruf der Person und ob dieser auf einer der entscheidenden Berufelisten steht. Davon hängt dann ab, in welchem Einwanderungsprogramm man überhaupt eine Chance hat. Solche Länder arbeiten nach einem Punktesystem: Für den Beruf selbst, die Erfahrung im Beruf sowie für Alter und Sprachkenntnisse werden Punkte vergeben. Danach entscheidet sich dann letztendlich, wie groß die Chancen sind, einwandern zu dürfen.

Wie finde ich solche Listen?

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Banisch: Es gibt Regierungsseiten, die darüber informieren, aber das ist für den Laien sehr undurchsichtig. Orientierung in diesen Systemen zu geben ist deshalb auch der Hauptteil der Beratungen, die wir durchführen. Ich frage dann eben so etwas wie Alter, Beruf, Staatsangehörigkeit und Berufserfahrung ab und gucke dann individuell, was für die Leute möglich ist. Ich erkläre ihnen, wie sie ihre Sprachkenntnisse und Berufserfahrung anerkennen lassen oder nachweisen können und wo sie welche Anträge stellen können und was das kostet.

Welche Herausforderung sollten Auswanderwillige auf keinen Fall unterschätzen?

Banisch: Dass sie ihr gesamtes soziales Netz zurücklassen und auch ihre Gewohnheiten. Oft ist es so, dass man erst im Ausland merkt, wie deutsch man eigentlich ist. Viele fühlen sich erst mal fremd in dem neuen Land mit einer fremden Kultur und einer fremden Sprache. Und auch das ganze soziale Gefüge kennt man zunächst nicht. Dass heißt, man muss ein bisschen Bodenständigkeit haben, um nicht gleich in Panik zu geraten.

Was sind die häufigsten Illusionen, die sich die Menschen von einem Leben im Ausland machen?

Banisch: Von Illusionen würde ich gar nicht sprechen. Aber ich frage die Leute genau, was ihre Motivation ist, ins Ausland zu gehen. Ganz neu habe ich jetzt als Motivationsgrund in der Beratung gehört, "mir rücken diese Kriseherde in Deutschland so nah. Deswegen wollen wir jetzt für unsere Familie in Australien einen Platz suchen, weil es da noch ein bisschen sicherer zu sein scheint". Ich höre aber ansonsten ganz oft, dass es den Leuten in Deutschland alles zu eng, zu stressig und zu bürokratisch erscheint und sie sich erhoffen, dass es im anderen Land anders ist - offener, lockerer und nicht so ernst. Viele wollen aber einfach mal woanders leben. Und meist wollen sie das noch umsetzen, bevor sie 40 werden.

Wie konkret sollten die Auswanderer-Pläne Ihrer Klienten bereits sein, wenn sie zu Ihnen in die Beratung kommen?

Banisch: Schon ernsthaft. Wenn ich so eine Beratung mache, ist ja auch Vorbereitung nötig. Dann nehme ich mir noch eine bis anderthalb Stunden für das Gespräch selbst Zeit. Wenn die nur mal so eine flotte Idee haben und das gar nicht ernst meinen, dann macht das Ganze wenig Sinn. Allerdings müssen sie jetzt auch nicht übermorgen starten wollen. Gut zu wissen wäre schon mal, in welches Land oder welche Region man auswandern will. Oder man sollte zumindest sagen können, ob der Ort innerhalb oder außerhalb Europas liegen sollte. Ein Ansatzpunkt kann auch sein, ob und wo es überhaupt Möglichkeiten gibt, mit dem Beruf, den man hat, irgendwo Fuß zu fassen.

Was kostet eine Beratung bei Ihnen eigentlich?

Banisch: Wir in Hamburg nehmen 40 Euro von allen, die über ein Einkommen verfügen. Menschen, die Arbeitslosengeld II beziehen oder über ein ähnliches Einkommen verfügen, erlassen wir den Beitrag.

Beraten Sie auch bei Versicherungs- und Gelddingen?

Banisch: Das ist natürlich begrenzt. Ich kann keine Rechts- oder Steuerberatung machen. Aber ich kann allgemeine Hinweise geben oder an entsprechende Fachstellen verweisen. Das Sozialsystem ist natürlich ein ganz wichtiges Thema. Wir beraten ja auch viele Rückkehrer und da ist es dann zum Beispiel eine große Frage, wie man wieder ins deutsche Sozialsystem zurückkommt.

Muss man schon zu Beginn eine Rückkehrstrategie in der Tasche haben?

Banisch: Ja unbedingt. Ich berate sehr viele Rückkehrer und weiß um die Probleme. Daher sage ich jetzt auch schon den Auswanderern, dass es wichtig ist, sich - zumindest zunächst - auch nicht komplett aus den deutschen Sozialsystemen abzumelden. Es ist auch wichtig, weiterhin Kontakte in der Heimat zu pflegen. Rückkehrer können sich dann bei Freunden oder Verwandten erst mal vorübergehend aufhalten und ihren Wohnsitz dort anmelden.

Ist jemand, der nach Deutschland zurückkehrt, weil sich sein Traum vom Auswandern nicht erfüllt hat, gleichzeitig auch gescheitert?

Banisch: Manche empfinden das so. Aber es gibt auch Leute, die sagen, ich habe einfach eine Erfahrung gemacht. Und da stimme ich zu: Es ist zwar nicht immer eine positive, aber eine fürs Leben wichtige Erfahrung. Im Ausland zu leben, ist ein Stück weit auch eine Selbsterfahrung. Denn in dem Moment, wo ich völlig fremd bin und alle meine Sicherheiten, die ich um mich aufgebaut habe, fehlen, lerne ich mich wirklich kennen - die Substanz, die ich eigentlich bin.

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Raten Sie Menschen auch mal ganz davon ab, auszuwandern?

Banisch: Das kommt auch vor. Wobei "abraten" das falsche Wort ist. Aber ich berate manchmal schon so, dass letztendlich sichtbar wird, dass die Chancen nicht besonders groß sind, mit der Auswanderung erfolgreich zu sein. Das kann zum Beispiel am Alter oder an mangelnden Sprachkenntnissen liegen.

Was sind die Hauptgründe für Rückkehrer?

Banisch: Heimweh nach der Familie wird oft genannt. Viele wollen das Alter auch gern wieder im Heimatland verbringen. Und dann sind häufig auch gescheiterte Beziehungen im Ausland sowie Arbeitslosigkeit und das Scheitern der Existenz dort der Grund.

Das Interview führte Ulla Brauer.

Dieses Thema im Programm:

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