Stand: 21.03.2019 15:10 Uhr

"Spiritualität ist das Verbindende"

Muslim trifft Christ. Einander zu begegnen, um das Gemeinsame und auch das Trennende kennenzulernen, ist heute wichtiger denn je. Viele Muslime und Christen suchen den Dialog. Ahmad Milad Karimi, Religionsphilosoph und Islamwissenschaftler am Zentrum für Islamische Theologie an der Wilhelms-Universität Münster, und der Benediktinerpater Anselm Grün sind noch einen Schritt weiter gegangen: Sie haben ein Buch über ihren gemeinsamen interreligiösen Weg geschrieben.

Ein Gastbeitrag von Ahmad Milad Karimi

Ahmad Milad Karimi wurde in diesem Jahr mit dem Voltaire-Preis der Universität Potsdam geehrt. Es ist eine Auszeichnung für Toleranz und Völkerverständigung.

Pater Anselm Grün ist eine Erscheinung: ein Mönch mit schlichtem Gewand, aber besonderer Präsenz, ein Benediktiner mit sanfter, aber klarer Stimme; er ist kein kleinkarierter Theologe, sondern ein Weiser, ein Gottsucher, der lebendige Perspektiven aufzeigt, wie wir heute glauben können. Sein Blick ist tief, macht nirgends halt und geht unter die Haut, sucht das Herz, um dort zu bleiben; und plötzlich war ich sein Wegbegleiter.

Ich wollte das Christentum aus seinem Herzen erleben, die Kirche mit seinen Augen sehen, das Evangelium mit seinen Ohren hören. Unsere Begegnung müsste aus meiner Sicht ein Schüler-Lehrer-Verhältnis sein; aber Pater Anselm hob mich auf Augenhöhe. Nur mit dem Herzen können wir uns so begegnen, wie wir auch in Wahrheit sind, gab er mir zu verstehen.

Die Auseinandersetzung mit dem Christentum - ein Kernmoment des Islam

Lebenswege können nebeneinander verlaufen, aber sie können auch einander suchen und zueinander finden. Der Weg des Islam zum Christentum ist kein beiläufiger und flüchtiger Weg; vielmehr stellt die Auseinandersetzung mit dem Christentum einen Kernmoment des Islam dar. Denn Maria und Jesus sind im Koran mit höchster Würdigung bedacht.

Über den Autor

Ahmad Milad Karimi wurde 1979 in Kabul geboren. Mit 13 Jahren flüchtete er mit seiner Familie vor dem Bürgerkrieg in Afghanistan nach Deutschland. Er studierte Philosophie und Islamwissen- schaft in Darmstadt, Freiburg und Neu Dehli. Der bekannte Religionsphilosoph und Autor arbeitet nun als Professor für Kalām, islamische Philosophie und Mystik am Zentrum für Islamische Theologie an der Wilhelms-Universität Münster.
Erschienen ist von Karimi u.a.: "Warum es Gott nicht gibt und er trotzdem ist" (Herder Verlag, Freiburg 2018)

Wie soll aber eine gelungene Begegnung ermöglicht werden, in der es nicht um Polemik, um gegenseitige Belehrung, um Rechthaberei und um Sich-Erheben über den anderen geht? Wie sollte ich mit Pater Anselm sprechen? Wenn der Dialog nicht künstlich und oberflächlich bleiben will, kann er nicht über die Unterschiede der Glaubenswege hinwegsehen. Die Unterschiede müssen wahrgenommen, das Irritierende benannt, erklärt und durchdacht werden. Die Kreuzestheologie, der dreifaltige Gott, die Menschwerdung Gottes sind markante Momente, die für mich als Muslim nicht einfach annehmbar sind. Aber wenn ich all dies aus dem Herzen eines gläubigen Christenmenschen erfahre, lässt es mich gläubig staunend und in Hochachtung zurückbleiben.

Zur Begegnung auf Augenhöhe gehört das Trennende

Unterschiede bleiben, aber sie müssen nicht Gegensätze sein. Geteilte Wege sind nicht ohne Stolpersteine, die sich am Wegrand angehäuft haben. Zur Begegnung auf Augenhöhe gehört das Trennende. Denn erst das Trennende ermöglicht die Begegnung. Der Dialog fordert daher, dass wir aufeinander hören, voneinander lernen und einander bestaunen.

Pater Anselm Grün und ich begannen, uns im Blick des jeweils anderen zu betrachten, uns neu zu entdecken, zuweilen auch kritisch zu befragen und das Eigene zu bestaunen. So sehe ich heute eine Kirche mit ganz anderen Augen, sie ist nicht mehr dunkel, kalt und gibt mir nicht das Gefühl, klein und verloren zu sein, sondern sie öffnet mich mit ihrer Größe für eine Wirklichkeit, die größer ist als ich.

"Begegnet bin ich mir selbst – im Herzen des Anderen"

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"Im Herzen der Spiritualität. Wie sich Muslime und Christen begegnen können" heißt das Buch, das Ahmad Milad Karimi und Anselm Grün gemeinsam geschrieben haben. Herausgeber ist Rudolf Walter. Es ist 2019 im Herder Verlag erschienen und kostet 20 Euro.

Wir sprachen über das Wesentliche: Über das Göttliche, das Heilige, das Wahre, das Schöne, über den Glauben und Unglauben, über die Gewalt, die Rolle der Frauen, über das Gebet und die Gebetsräume, über die Verantwortung der Gläubigen und über die gemeinsame Mission.

In der Begegnung haben wir erfahren, dass im Gespräch zwischen den Religionen die Spiritualität das eigentlich Verbindende ist. Es sind spirituelle Wege, die mit ihrer unerschöpflichen Offenheit zueinander finden, Sufismus und christliche Mystik, die im Kern zueinander gehören. Die Begegnung zeigt, dass wir einen gemeinsamen Auftrag haben für die kreative Mitgestaltung unserer offenen Gesellschaft. Ich suchte den Weg zu einem leidenschaftlichen Christenmenschen und fand das Christentum in seiner Schönheit, seiner Geistigkeit, aber auch in seiner Fremdheit und seinem Geheimnis; ich suchte das Fremde, aber begegnet bin ich mir selbst - im Herzen des anderen.

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Das Freitagsforum zum Nachhören
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Freitagsforum | 22.03.2019 | 15:20 Uhr